Nach Unfalltragödie bei Cham: Mia und ihre Familie kämpfen noch lange mit schlimmen Folgen

Von Tanja Fenzl · 24. Dezember 2025 um 05:00

Ein Moment, der alles verändert. Weil auf dem Weg in den Kindergarten vor ihr ein Hase auf die Straße läuft, weicht Elke Odpiast mit ihrem Wagen aus, kommt ins Schlingern – das Auto überschlägt sich. Sie, ihre Tochter Mia, ihre Enkelin Emely werden bei dem Unfall verletzt. Mia muss mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Sie wurde durch die Wucht des Aufpralls aus dem Wagen geschleudert. Jetzt, zehn Wochen später, kämpft sich die Familie zurück ins Leben. Die Folgen des Unfalls werden sie wohl zeit ihres Lebens begleiten.

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Elke Odpiast (39) musste zweimal an der Hand operiert werden, noch immer kann sie sie nicht richtig benutzen. Auch ihre Wirbelsäule bereitet ihr große Probleme. Eine Hälfte ihres Gesichts spürt sie nicht. „Laut Ärzten sollte das inzwischen schon wieder werden“, sagt sie. Nach wie vor hat sie große Schmerzen.

Brüche am ganzen Körper

Ihre Tochter Mia hat es bei dem Unfall noch schlimmer erwischt. Drei Wochen war die 19-Jährige im Krankenhaus, zahlreiche Operationen musste sie über sich ergehen lassen. „Sprunggelenk beide Seiten, ein offener Bruch, Hüfte, Schulter, Brustbein, vier Wirbel“, zählt Mia ihre Brüche auf, die sie erlitten hat. Dazu kommen Rippenprellungen, ein Schädel-Hirntrauma. Und: Sie hat ihr Baby verloren: Lina Elke Nicole Annemarie, benannt nach Omas und Verwandten, starb kurz nach dem Unfall an den Folgen. Lina wurde als Sternenkind geboren. Mia war bereits im siebten Monat schwanger, sie und ihr Freund hatten in der Wohnung in Falkenstein bereits ein Zimmer für Lina eingerichtet, alles vorbereitet. „Die Woche vor dem Unfall haben wir noch den Kindersitz gekauft“, sagt Mia, die in dem Auto saß, weil ihre Mutter sie zu einem Vorsorgetermin beim Gynäkologen bringen wollte.

Im Krankenhaus bemerken die Ärzte, dass die Herztöne ihres Babys immer langsamer werden - kurz nach der ersten notwendigen Operation erhält Mia dann die schreckliche Nachricht - ihr Baby hat nicht überlebt.

Aus diesem Unfallauto wurde Mia geschleudert. - Foto: Kreisfeuerwehrverband Cham

„Die Ärzte wissen noch nicht genau, wie gut ich einmal wieder gehen kann“, sagt Mia. Sie, die früher an der Schule Leichtathletik gemacht und Cheerleading trainiert hat, wird vermutlich nie wieder schneller laufen können. Die nächste OP ist schon wieder in Vorbereitung. Ein Knochenteil aus der Hüfte soll ins Sprunggelenk eingesetzt werden. Gleichzeitig sollen Schrauben aus dem Bein entfernt werden. Den Fixateur ist sie bereits losgeworden – doch noch immer sind ihre Beine eingegipst. Mia ist auf den Rollstuhl angewiesen – und weil sie auf ständige Hilfe angewiesen ist, vorübergehend wieder zu ihren Eltern nach Zell gezogen.

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Trotz der Umstände ist Mia auch dankbar: „Ich bin froh, dass ich so viele habe, die mir helfen. Meine Eltern, meine Schwiegereltern, mein Freund, der mich täglich besuchen kommt und am Wochenende zu sich holt, meine Geschwister, meine Tante, Verwandte“, zählt sie auf. So gut es geht, versucht ihr Freund sie auch abzulenken. „Am Wochenende machen wir Ausflüge, nach Cham zu Freunden, oder wir fahren herum“, erzählt die 19-Jährige, die als Pflegefachhelferin in einem Altenheim gearbeitet hat.

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Wie es beruflich in einigen Monaten, Jahren aussehen wird, ist noch nicht klar. „Ärzte sagen, ich werde früh Arthrose bekommen, vermutlich Spezialschuhe brauchen.“

Auch das Autofahren wird Mia nicht einfach wie jedermann lernen können. „Mir wurde schon jetzt gesagt, dass ich in meinem rechten Bein viel zu wenig Kraft haben werde, um damit einmal bremsen zu können. Also ist auch ein Automatik-Auto nicht möglich“, zuckt sie mit den Schultern. Eine Fahrschule hat ihr angeboten, dass sie ihren Führerschein, den sie gerade erst angefangen hatte, weitermachen kann – mit einem umgebauten Auto mit Handbedienung.

Mitte Dezember wurde Sternenbaby Lina zu Grabe getragen. Sie wurde neben ihrer Uroma beigesetzt. - Foto: Daniel Odpiast

An den Unfall selbst hat Mia keine Erinnerung, sagt sie. Hinterher wurde ihr mitgeteilt, dass sie mit dem Kopf nach unten in der Wiese gelegen habe. „Ich war aber angeschnallt“, betont sie. „Alle waren angeschnallt; das letzte, an das ich mich erinnere, ist Emely, die mich ans Anschnallen erinnert hat: Tante, du musst dich anschnallen, hat sie gesagt, und ich habe zurückgesagt: Die Tante ist schon angeschnallt.“ Helfer und Bekannte meinen, dass das Gurtsystem in dem alten Auto nachgegeben hat.

Krankenschwestern kämmen Blutklumpen aus Mias Haaren

Im Krankenhaus haben Krankenschwestern nach den ersten Operationen acht Stunden lang damit zu tun, den blutigen Haarklumpen auf Mias Kopf zu entwirren, um ihr wenigstens zu ersparen, die Haare abschneiden zu müssen. Eine liebevolle Geste in den schweren Stunden in der Klinik.

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Neben den physischen Problemen hat die Familie bis heute und wohl noch lange mit den finanziellen Folgen des Unfalls zu kämpfen. Tägliche Fahrten ins Krankenhaus, erst nach Straubing und Regensburg, dann nach Passau, Medikamentenzuzahlungen, Umbaumaßnahmen in Mias Elternhaus für die Zeit, in der sie dort wohnt. Und: Aktuell ist Mia noch immer auf einen Rollstuhl angewiesen, den die Krankenkasse bis jetzt noch nicht bewilligt hat.

Dazu kommen die Kosten für die Beerdigung der kleinen Lina Mitte Dezember – der Zeitpunkt war so gewählt, dass auch Mia dabei sein konnte. Lina wurde neben ihrer Uroma auf dem Chamer Friedhof beigesetzt.

Falsche böse Gerüchte belasten die Familie

Auf der von der Bestatterin eingerichteten Spendenseite im Internet auf GoFundMe schreibt Tina Ruhland-Feiner in einem kurzen Update:„Wir durften Lina inzwischen aus dem Klinikum abholen und ins Krematorium begleiten. Sie lag friedlich in einem kleinen, liebevoll gestalteten Körbchen – eine sanfte Alternative zum Sarg; neben ihr ihr kleines Kuscheltier, das jetzt über sie wacht.“ Ein Sternenkinderfotograf hat Lina noch abgelichtet. Kleine Hände, zusammen mit den Händen ihrer Eltern.

Mia (vorne) und ihre Eltern: „Wenn die Familie hinter dir steht, das ist wichtig!“ - Foto: Tanja Fenzl

Viele Menschen aus der Region und darüber hinaus haben gespendet, persönliche Nachrichten hinterlassen oder Briefe überreicht, um der Familie ihr Mitgefühl zu zeigen.

Und doch gibt es, sagt Mia, auch böse Zungen, die Gerüchte in die Welt setzen, die sie zusätzlich belasten. Dass das Baby gar nicht von ihrem Freund gewesen sei, dass sie das Baby verloren habe, weil sie gekifft habe, dass ihre Mutter getrunken habe, dass sich ihr Vater vom Spendengeld eine Harley gekauft habe. „Das ist alles so gemein“, sagt Mia Odpiast.

Die falschen Gerüchte setzen ihr sichtlich zu. Und dabei muss sie sich jetzt auf ihre Genesung konzentrieren. Vor ihr und ihrer Familie liegt noch ein langer Weg. Bei allem Leid, ist sich Mia aber einer Sache bewusst: „Wenn die Familie hinter dir steht, das ist wichtig!“

Hilfe für die Familie

Vergangene Woche übergab ein Freund der Familie Spendengeld, das er für sie gesammelt hatte (wir berichteten). Wer der Familie weiterhin auf ihrem Weg in die Zukunft helfen will, kann auf der GoFundMe-Seite im Internet spenden.