Wenn Wurst im Drogerieregal landet: Chamer Edeka-Team kämpft gegen respektlose Kunden

Von David Salimi · 26. Juli 2025 um 05:00

Immer mehr Kunden lassen Frisch- und Tiefkühlwaren achtlos im Laden liegen, die dann entsorgt werden müssen. Der Chamer Supermarkt-Betreiber Werner Allescher schlägt jetzt Alarm. In einem eindringlichen Appell in den sozialen Medien wendet er sich an die Kunden.

Video ansehen

Eine Packung Tiefkühl-Hähnchenschenkel – ursprünglich in der Kühltruhe, später auf einem Getränkekarton. Oder hinter Toilettenpapier. Zwischen Schreibwaren. Der Inhalt: verdorben. Die Kühlkette: unterbrochen. Die Ware: verloren. Was wie ein flüchtiges Versehen wirkt, hat Folgen. Supermarkt-Betreiber Werner Allescher hat jetzt in den sozialen Medien mit einem eindringlichen Appell darauf reagiert.

„Solche Funde machen wir mittlerweile wöchentlich“, sagt Allescher, dessen Familie die Edeka-Supermärkte in Katzbach, Schorndorf und seit kurzem in Wilting betreibt. Immer wieder finden die Mitarbeiter zufällig Frischware, die irgendwo im Laden abgelegt wurde. Was folgt, ist keine Kulanz-, sondern eine Gesetzesfrage: Die Produkte müssen vernichtet werden.

Strenge Regeln per Gesetz

Vor allem bei Fleisch- oder Wurstwaren versteht das Gesetz keinen Spaß: Was einmal über die Bedientheke gegangen ist, darf nicht zurückgenommen werden – selbst wenn sich der Kunde nach wenigen Minuten umentscheidet. Das hat nichts mit Prinzipienreiterei zu tun, wie Allescher erklärt – sondern mit Hygienevorschriften. Und so müssen Lebensmittel, die eigentlich noch genießbar wären, in der Tonne landen.

Um’s Geld geht es dem Händler dabei nicht – oder zumindest nicht vorrangig. „Es ist tatsächlich nicht der wirtschaftliche Schaden, der uns ärgert. Es ist die Geringschätzung.“ Die Wertigkeit frischer Lebensmittel ist vielen abhandengekommen, beobachtet der Einzelhändler, dessen Familie seit fast hundert Jahren Lebensmittel in der Kreisstadt vertreibt. „Wir leben mit und von der Natur. Aber oft merken wir gar nicht, wie gut wir es eigentlich haben“, betont er die Dringlichkeit seines Anliegens.

Facebook-Post soll Kunden wachrütteln

Ein Facebook-Post, den Allescher kürzlich zu einem solchen Vorfall veröffentlicht hat, sorgte für Aufmerksamkeit – und kontroverse Reaktionen. Während manche Verständnis zeigen, finden sich in der Kommentarspalte auch Bemerkungen wie „Ihr verdient doch eh genug“ oder „Das könnt ihr alles abschreiben“. Allescher winkt ab. „Es geht uns nicht darum, mit dem Finger auf diese Kunden zu zeigen, sondern darum, Bewusstsein zu schaffen.“

Hier finden Sie einen zum Thema passenden Inhalt von Facebook. Klicken Sie auf "Beitrag ansehen", um den Inhalt anzuzeigen.

Mit dem Klick auf "Beitrag ansehen" erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an den Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Infos finden Sie unter www.mittelbayerische.de /datenschutzerklärung

Denn die Problematik geht über das gelegentliche Liegenlassen hinaus. Manchmal werden Produkte von Kunden sogar gezielt versteckt – ganz hinten im Regal, damit niemand sie entdeckt. Das Fatale daran: „Je länger die Ware dort liegt, desto größer das Risiko“, sagt Allescher. Im schlimmsten Fall ziehen die vergessenen Lebensmittel Ungeziefer an – „und dann haben wir ein ganz anderes Problem“.

Mittlerweile entdecken die Kollegen und ich mehrmals pro Woche irgendwo im Geschäft verderbliche Produkte, die einfach abgelegt wurden.

Steffi Kolbeck, Leiterin der Frischetheke bei Edeka Allescher

Auch Steffi Kolbeck, Leiterin der Metzgereiabteilung in der Katzbacher Filiale, erlebt solche Fälle regelmäßig. „Mittlerweile entdecken die Kollegen und ich mehrmals pro Woche irgendwo im Geschäft verderbliche Produkte, die einfach abgelegt wurden. Dabei wäre es so viel einfacher, wenn Kunden uns direkt ansprechen“, bedauert sie.

Denn: Wer sich spontan umentscheidet, kann die Ware jederzeit zurückgeben – zumindest, wenn sie nicht offen oder frisch abgefüllt ist. „Wir verkaufen sie dann nicht weiter, aber wir entsorgen sie kontrolliert“, erklärt Werner Allescher – besser, als wenn Mett oder Rinderbraten im Drogerie-Regal landet.

Übeltäter werden über Überwachungskamera ausfindig gemacht

Das Phänomen beschränkt sich jedoch nicht nur auf Waren aus der Frischtheke. Auch Tiefkühlprodukte wie Pizza, Eis oder Fischstäbchen tauchen immer wieder dort auf, wo sie nicht hingehören. Was einmal aufgetaut ist, darf nicht zurück in die Truhe – egal, wie harmlos es aussieht, erklärt Allescher.

Auch lesenswert: Bub (12) verklagt Waldmünchens Bürgermeister und bringt die Trenckstadt vor das Landgericht

In Einzelfällen hilft der Blick auf die Überwachungskamera. „Wenn wir jemanden dabei sehen, sprechen wir ihn beim nächsten Besuch höflich darauf an“, berichtet er. Die Reaktionen? Unterschiedlich. Von schuldbewusst bis schnippisch sei alles dabei. Manche rechtfertigten ihr Verhalten mit den Preisen. „Und ja, die sind gestiegen – besonders bei Rind und Schwein“. Das ist dem selbstständigen Kaufmann durchaus bewusst. „Ebenso ist aber auch die Qualität gestiegen. Und mit ihr die Verantwortung“, hält Allescher entgegen.

Wir wollen niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Wir wollen Bewusstsein schaffen. Alles, was produziert wird, verdient Respekt.

Werner Allescher, Edeka-Inhaber aus Cham-Katzbach

Wie seine Mitarbeiterin appelliert Allescher eindringlich an die Kunden: „Ein kurzer Moment der Überlegung an der Theke – brauche ich wirklich 300 Gramm? Oder reichen 200?“ Die Mitarbeiter vor Ort seien jederzeit ansprechbar. Niemand müsse sich schämen oder fürchten. „Wir finden Lösungen“ – besser so, als dass jemand heimlich ein Kilo Hackfleisch im Spielwarenregal deponiert.

Ein sachlicher Appell ohne Zeigefinger

Zwar arbeitet Allescher mit gemeinnützigen Organisationen wie der Tafel zusammen. Doch auch hier gilt: Verdorbene oder ungekühlt abgestellte Lebensmittel dürfen nicht weitergegeben werden.

Lesen Sie hier: Weitere Nachrichten aus der Kreisstadt Cham

Am Ende bleibt ein klarer Wunsch, den Allescher sachlich, aber eindringlich formuliert: „Wir wollen niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Wir wollen Bewusstsein schaffen. Denn alles, was produziert wird, verdient Respekt“ – vom Feld bis zum Einkaufskorb.