„Auch ein Pfarrer muss lernen“: Kopf der katholischen Stadtkirche Burglengenfeld übt Selbstkritik

Auch das Jahr 2025 hat den meisten Menschen sehr viel abverlangt. Das war auch für Stadtpfarrer Michael Hirmer nicht anders. Der Chef der katholischen Stadtkirche Burglengenfeld, der heuer seinen 50. Geburtstag feierte, hat wieder viel bewegt. Doch ab und an bekam er auch Gegenwind zu spüren. Im Gespräch mit der MZ zog er Bilanz.
Überall treffen sich gerade Menschen auf Weihnachts- und Christkindlmärkten zu Glühwein und Bratwurstsemmeln, überall erschallen Weihnachtslieder. Was halten Sie davon?
Michael Hirmer: Wenn es einem Menschen gefällt und es ihm guttut, ist es eine tolle Sache. Ich persönlich mache mir nicht so viel aus Weihnachtsmärkten. Da ist mir ein ruhiger, besinnlicher Gottesdienst lieber. Den Advent als eine wirklich stade Zeit genieße ich sehr.
Soll das heißen, dass Sie heuer noch keinen Markt besucht haben?
Hirmer: Das ist tatsächlich so. Mein größter Genuss in der Adventszeit bisher war eine wunderschöne Rorate im Kerzenschein auf der Baustelle der Bergkirche in Rohrbach.
Glauben Sie, dass es dem Gros der Marktbesucher um „Einstimmung“ auf das bevorstehende Fest der Liebe geht?
Hirmer: Ich kann nicht in andere Menschen hineinschauen. Sicher gibt es noch Zeitgenossen, denen die weihnachtliche Botschaft von der Geburt des Gottessohnes Jesus Christus wichtig ist. Es ist doch einfach schön, daran zu glauben, dass die unendliche Liebe Gottes Hand und Fuß bekommen hat und Mensch geworden ist. Aber auch säkulare Menschen oder solche, die verschiedene Glaubens- und Denkrichtungen miteinander verbinden, finden in dieser Jahreszeit etwas für sich. Und sei es nur das Licht einer Kerze, das die Nacht erhellt.
Breites Angebot an den bevorstehenden Feiertagen
Wie passt der Run auf die Märkte zusammen mit der überall sinkenden Zahl der Gottesdienstbesucher?
Hirmer: Die letzten Jahre haben wieder mehr Menschen die Gottesdienste am Heiligen Abend besucht. Für die katholische Stadtkirche Burglengenfeld mussten wir das Angebot sogar erweitern. Wir bieten die klassische Christmette bis hin zur meditativen Waldweihnacht im Freien an. – Hingegen beobachte ich, dass der Run auf die Weihnachtsmärkte seinen Zenit überschritten hat. Vielleicht sehnen sich die Menschen wieder mehr nach Tiefe und Substanz im Leben?
Schon seit längerem ist auch in punkto Weihnachten eine Amerikanisierung festzustellen. Stört Sie die Omnipräsenz der Weihnachtsmänner, die dem Nikolaus den Rang abzulaufen drohen?
Hirmer: Megatrends kann man nicht aufhalten. Wichtig ist, mit den Menschen und dem Zeitgeist in den Dialog zu treten, zu schauen, was gut ist und für den Menschen heilsam wirkt. Kirchenintern zeige ich zum Beispiel in Predigten schon auf, welchen Mehrwert der heilige Nikolaus gegenüber dem Weihnachtsmann hat.
Erinnerung an eine Debatte, die Wirbel auslöste
Für Sie geht ein Jahr mit Höhen und Tiefen zu Ende. Mit Ihrer Botschaft, auf katholischen Friedhöfen künftig nur noch Menschen zu bestatten, die der Kirche angehören, haben Sie viel Gegenwind bekommen. Bereuen Sie, die Debatte angestoßen zu haben?
Hirmer:Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Was früher ganz normal von der Kirche übernommen wurde, ist in einer säkularen Gesellschaft nicht mehr als allgemeingültig anzunehmen. Wir müssen uns der Diskussion stellen, wie wir mit kirchlichen Friedhöfen oder mit unseren Kirchen als Kulturdenkmäler umgehen wollen. Polemik und Populismus bringen uns hier nicht weiter, sondern nur Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit.
Als Fernsehpfarrer haben Sie fast Karriere gemacht. Sie bescherten dem BR himmlische Quoten. Denken Sie an eine Fortsetzung dieses Engagements?
Hirmer: Viel wichtiger, als sich selbst im Fernseher zu sehen oder nach Quoten zu gieren, ist die Seelsorge. Die persönliche Einzelseelsorge und Begleitung von Menschen ist der Schwerpunkt meiner Arbeit im Pastoralteam der Stadtkirche. Jede Woche habe ich viele Gespräche mit Menschen, die Trost und Rat suchen. Gerade die Notfallseelsorge und die Sorge um die Einsatzkräfte der Feuerwehren schenkt mir Freude und Hoffnung.
Auf gesundheitliche Probleme reagiert
Kurz nach Fronleichnam hatten Sie gesundheitliche Probleme und gingen auf Reha. War der Stress zu groß geworden?
Hirmer: Vielen Dank für die Nachfrage. Mir geht es wieder super. Im ersten Halbjahr hatte ich einfach keine Zeit, mich auszukurieren. Jetzt aber fühle ich mich wieder richtig fit.
Haben Sie an der Lebensführung etwas geändert?
Hirmer: Ja! Ich bete jetzt intensiver und regelmäßiger und versuche, die Gottesdienste bewusster zu feiern. Das ist für mich heilsam.
Kirchliche Vorhaben waren mehrfach Thema im Stadtrat
Der Stadtrat hat Ihnen heuer, als sie den Teilverkauf von St. Vitus anboten, die kalte Schulter gezeigt. Dann aber gewährte er Zuschüsse für die Notsicherung von St. Vitus und die Heizung in St. Josef. Ist damit alles gut?
Hirmer: Ich habe Hochachtung vor allen ehrenamtlichen Mandatsträgern. Ich musste lernen, besser, offener und ehrlicher zu kommunizieren und das tiefere Anliegen von Maßnahmen der Kirche transparenter darzustellen. Nur so kann man in unserer pluralen Gesellschaft überzeugen. Demokratische Prozesse und Entscheidungsfindungen sind wichtig. Da muss auch ein Pfarrer lernen, dass er nicht immer seinen Kopf durchsetzen kann. Und das ist auch gut so.
Sebastian Bösl (SPD) und drei weitere Räte verweigerten für den letztgenannten Zuschuss ihre Zustimmung. Als Grund wurde ein vergiftetes „Vergelt's Gott“ genannt, das Sie im Oktober ausgesprochen haben sollen . Sie hätten sich damit gegenüber dem Stadtrat „unerträglich verhalten“. Können Sie das nachvollziehen?
Hirmer: Ich kann dazu nichts sagen, weil ich das Statement unseres dritten Bürgermeisters nicht kenne. Ich sehe alle demokratisch gesinnten Politikerinnen und Politiker als Partner an. Zusammen gilt es sich für unsere Grundwerte und Menschenrechte einzusetzen, wie sie das Grundgesetz so wunderbar auf den Punkt bringt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Ich bin überzeugt: In diesen wesentlichen Fragen von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde ziehen Stadtrat und Kirchen an einem Strang.
Aufwand für die Kirchensanierung wird ermittelt
Wie geht es mit der Vituskirche weiter?
Hirmer: Die Sanierung hat, formal betrachtet, im Oktober begonnen. Man sieht zwar noch nichts, aber bis Herbst 2026 wollen wir die konkrete Kostenberechnung vorlegen. Derzeit wird das Gotteshaus von Spezialisten begutachtet, um ein genaues Schadensbild zu erhalten und das Ausmaß der Sanierung abschätzen zu können. Das Bistum und Architekt Michael Feil engagieren sich hier enorm, wofür ich sehr dankbar bin.
Auch für den Don-Bosco-Kindergarten wurden die Weichen gestellt. Die Trägerschaft geht an die Caritas über, die Stadtwerke sollen ein neues Gebäude errichten. Sind Sie zuversichtlich, dass das wie geplant klappt?
Hirmer: Ich kenne die Baupläne und den Zeitrahmen nicht genau. Jedoch bin ich sicher, dass unsere Kinder bei der Caritas KiTa gGmbH sehr gut aufgehoben sind. Nochmals danke ich allen Verantwortlichen der Stadt mit ihren Gremien und Betrieben.
Was ist Ihr Wunsch für Weihnachten und kommendes Jahr?
Hirmer: Wie sangen die Engel bei der Geburt Jesu Christi: „Frieden den Menschen auf Erden.“ (Lk 2,14). Diesen göttlichen Frieden wünsche ich jedem einzelnen Menschen und allen Völkern unserer Welt.
Kurzer Blick auf den Lebenslauf des Geistlichen
Wurzeln: Geboren 1975, verbrachte Michael Hirmer Kindheit und Jugend in Pfreimd. Sein Studium der Theologie führte ihn über Eichstätt (Religionspädagogik) nach Regensburg, Rom, München und wieder zurück nach Regensburg. Am 13. Dezember 2003 wurde er in Amberg zum Diakon und am 26. Juni 2004 in Regensburg zum Priester geweiht.
Stationen als Seelsorger: Kaplan in Ergolding, Pilsting und Abensberg; Pfarrer in Teublitz (2012-2023) und Burglengenfeld. Seit Juni 2022 ist Hirmer ferner Dekan.