Beleghebammen verdienen bald schlechter – Ist Versorgung von Schwangeren gefährdet?

Bis zu 30 Prozent weniger dürften Beleghebammen ab 1. November verdienen, haben Berechnungen ergeben. Dann tritt der neue, viel kritisierte Hebammenhilfevertrag in Kraft. Erste Geburtshelferinnen haben das Handtuch bereits geworfen, in Regensburg formierte sich Protest. Droht dem System der Kollaps?
Zu überhören waren die zwei Dutzend Hebammen nicht, die am Dienstag vor dem Haus der Bayerischen Geschichte skandierten: „Herr Söder, werden Sie aktiv!“ Der Ministerpräsident verzichtete im Rahmen der Kabinettssitzung auf den Austausch mit den Beleghebammen, die um ihre Existenzgrundlage und die Versorgungssicherheit schwangerer Frauen fürchten.
Minister hören zu – aber helfen sie auch?
Gesundheitsministerin Judith Gerlach, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und Staatssekretär Tobias Gotthardt hörten sich die Sorgen – und die Wut – der freiberuflichen Geburtshelferinnen mit verständnisvoller Miene an. Ob die drohende Schlechterstellung für Beleghebammen zeitnah abgewendet werden kann, bleibt äußerst fraglich.

Auch Mechthild Hofner, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbands, fordert von Söder: „Das müsste zur Chefsache erhoben werden.“ Gerade das Flächenland Bayern wird hart getroffen vom neuen Hebammenhilfevertrag. Hier werden 80 Prozent der Klinikgeburten von Beleghebammen durchgeführt, in Regensburg sind es gar 100 Prozent.
Erste Hebammen haben schon gekündigt
Diesen Geburtshelferinnen drohen ab 1. November Lohneinbußen zwischen 15 und 30 Prozent, wie Erhebungen von Abrechnungsdienstleistern zeigen. Durch den neuen Vertrag will der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) die Eins-zu-Eins-Betreuung von Gebärenden stärken – allerdings nur von zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach der Geburt. „Das ist realitätsfremd, das wird so nicht funktionieren“, sagt Barbara Schrafl.
Die Stimmung ist miserabel.
Barbara Schrafl, Beleghebamme
Die Neumarkter Beleghebamme war am Dienstag zum Protest nach Regensburg gekommen. Sie und ihre freiberuflichen Kolleginnen in Kliniken leisten bereits 30 bis 60 Prozent der Geburten in Eins-zu-Eins-Betreuung. Bei angestellten Geburtshelferinnen seien es zwei Prozent. „Nun sollen wir noch mehr leisten für weniger Geld“, ärgert sich Schrafl und hält entsprechend fest: „Die Stimmung ist miserabel.“
Kündigen mehr Hebammen, ist Verlust „kaum zu kompensieren“
Und das hat Folgen. „Vom Schiedsspruch bis heute haben schon fast alle Hebammenteams Kündigungen oder Personalreduzierungen zu verzeichnen“, sagt Hofner mit Blick auf bayernweite Geburtskliniken. Die Bewerbungslage sei zudem deutlich schlechter geworden. „Ab Januar sind einige Standorte definitiv von der Schließung bedroht.“ Katja Vogel, Pressesprecherin des Caritas-Krankenhauses St. Josef, bestätigt: „Uns hat seit Bekanntwerden des neuen Hebammenhilfevertrags eine Kündigung erreicht.“ Die Versorgungssicherheit sei im Moment nicht gefährdet, auch mit längeren Wartezeiten sei nicht zu rechnen. „Sollte sich jedoch ein größerer Teil der Hebammen gezwungen sehen, ihre Tätigkeit aufzugeben, wäre ihr Verlust kaum zu kompensieren“, sagt Vogel.
Entwarnung aus der Hedwigsklinik
Noch keine Kündigung hat es im 40-köpfigen Beleghebammenteam der Klinik St. Hedwig – einer der größten Geburtskliniken Deutschlands und ein universitäres Perinatalzentrum höchster Stufe – gegeben. Die Versorgungssicherheit sei dort sowohl jetzt als auch in der Zukunft gewährleistet, betont Sprecherin Julia Gergovich-Klein. An der Klinik in Neumarkt, wo Schrafl arbeitet, kam es schon zu drei Kündigungen. „Die kompensiert man nicht so einfach und so geht es aktuell unzähligen Teams“, sagt die Hebamme mit zwanzig Jahren Berufserfahrung. „Die Qualität sinkt auf lange Sicht. Und dann wird es gefährlich für Schwangere und Kind.“ Die Distanzen zum nächsten Geburtsstandort würden steigen, wenn kleinere Abteilungen schließen müssen. „Eine Schwangere, noch dazu mit einem Notfall, darf nicht ewig weit fahren müssen.“
Es kündigen nur die, die es finanziell gar nicht mehr schaffen. Alle anderen kämpfen.
Barbara Schrafl, Beleghebamme
Für Schrafl und ihre Kolleginnen ist die Geburtshilfe eine Herzensangelegenheit. „Es kündigen nur die, die es finanziell gar nicht mehr schaffen.“ Alleinerziehende oder Hauptverdienerinnen in der Familie zum Beispiel. „Alle anderen kämpfen.“ Mitunter laut, wie am Dienstag vor dem Haus der Bayerischen Geschichte. Gesundheitsministerin Gerlach äußerte Verständnis, betonte aber gleichsam, dass Politiker nicht in die Selbstverwaltung von GKV-SV und Hebammenverband eingreifen können.
Das müssen sie laut Schrafl allerdings auch gar nicht: „Wenn im Schiedsspruch steht, die Förderung der Eins-zu-Eins-Betreuung dürfe nicht zu Lasten von Hebammen gehen, ist der Vertrag nicht erfüllt.“ Das würden Abrechnungsdaten in wenigen Wochen zeigen. Allerdings sei noch nicht einmal klar – auch das macht die Hebammen fassungslos –, wie diese Daten evaluiert werden.
Bundestagsabgeordnete wollen helfen
MdB Peter Aumer (CSU) regt eine zweijährige Konvergenzphase an, in der die neuen Regelungen schrittweise eingeführt und die Folgen gleichzeitig engmaschig ausgewertet werden können. SPD-Kollegin Carolin Wagner pocht darauf, dass die im Schiedsspruch festgelegte Arbeitsgruppe schnellstmöglich ihre Tätigkeit aufnehme.
Notfallversorgung im Vertrag nicht abgedeckt
Hofner schlägt zudem Alarm, dass die akute Notfallversorgung der Schwangeren über den neuen Vertrag nicht mehr abgedeckt sei. Der GKV-SV signalisiere nun erstmals eine gewisse Offenheit, dass man sich diesen Punkt vielleicht noch einmal anschauen könne, sagt Hofner. „Hier würden wir uns noch mehr Druck aus Politik und Gesellschaft wünschen, damit tatsächlich nötige Anpassungen erfolgen.“
Bei der Sicherung der wirtschaftlichen Grundlage für Hebammen sei noch keine Verbesserung abzusehen. Die protestierenden Hebammen um Barbara Schrafl wollen die Qualität erhalten. „Warum muss man ein gut funktionierendes System an die Wand fahren“, fragt sie, „und nutzt es nicht als Blaupause?“
Deswegen protestieren die Hebammen:
• Bezahlung: Unter dem neuen Hebammenhilfevertrag wird die Versorgung der ersten Schwangeren mit 80 Prozent des Stundensatzes entlohnt, für die parallele Betreuung einer zweiten und dritten Frau sind es noch 30 Prozent, bei einer vierten gar nichts mehr. Auch der Nachtzuschlag beträgt statt der geforderten 22,5 nur 17 Prozent.
• Versorgung: Einen Bonus für Eins-zu-Eins-Betreuung gibt es nur unter strikten Voraussetzungen, die im Klinikalltag kaum zu realisieren seien. So lautet die Sorge, dass Hebammen die Geburtshilfe verlassen. Auch weitere ambulante Versorgung, etwa in akuten Notfällen, die Beleghebammen in Kliniken übernehmen, werden über den neuen Hebammenhilfevertrag nicht mehr vergütet.