Krise im Kreißsaal: Hebammen in Regensburger Kliniken fürchten um ihre Existenz

Schon jetzt hat sich reichlich Ärger bei Beleghebammen angestaut. Ab 1. November wird ihre Arbeit in Geburtskliniken durch die Krankenkasse deutlich schlechter vergütet. „Das ist unethisch, respektlos und gegen jede Menschenwürde“, wettern die Hebammensprecherinnen der Stadt Regensburg. Ab November werde die wirtschaftliche Existenz von Beleghebammen gefährdet sein. „Viele sehen sich gezwungen, ihren Beruf aufzugeben“, heißt es in der Ankündigung einer großen Protestaktion am 31. Mai.
Wie ist es zu dieser prekären Situation nicht nur für Beleghebammen, sondern auch für werdende Mütter und Geburtskliniken gekommen? Anfang April ist ein Schiedsspruch ergangen, der die Vergütung von Beleghebammen – also freiberuflich in Kliniken arbeitende Geburtshelferinnen – neu regelt.
Realität widerspricht Idee
Sie bekommen dann nur noch 80 Prozent der Stundenvergütung bei der ersten betreuten Frau. Kommen eine zweite oder dritte Frau hinzu – was im Klinikalltag eher die Regel als die Ausnahme ist – wird die zusätzliche Leistung nur mit 30 Prozent Vergütung entlohnt. Für jede eins zu eins betreute Schwangere soll es einen Zuschlag von fast 104 Euro geben. Ambulante Versorgungen wie reguläre Kontrollen, Anmeldung zur Geburt oder Notfalltermine bei Beschwerden werde überhaupt nicht mehr berücksichtigt.
Beleghebammen rechnen mit einem realen Einkommensverlust von 14 bis 26 Prozent im Vergleich zu 2018. Für die Geburtsbegleitung in der Klinik St. Hedwig erwartet Eva Juraschko aus dem Hebammenleitungsteam ein Minus von fast einem Viertel. „Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen“, sagt sie auf MZ-Nachfrage. „Welcher Berufsstand geht denn mit 25 Prozent weniger aus Lohnverhandlungen?“ Zur Kürzung des Nachtzuschlags durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) sagt Juraschko: „Mit welcher Begründung? Wird die Nachtschicht ab November weniger anstrengend?“
Anpassungen frühestens Ende 2026 angedacht
Die Frage nach einer möglichen Kündigungswelle sei eine hypothetische. Doch jede einzelne Geburtshelferin in einer Klinik werde sich im Herbst fragen, ob sie so weiterarbeiten wolle – oder könne. Schließlich müssen Beleghebammen von ihrem Lohn ihr Leben bestreiten können.
Der GKV-SV hat eine Evaluation der Auswirkungen des Schiedsspruchs angekündigt, wie Juraschko einräumt. Sollten sich tatsächlich Einkommensverluste für Geburtshelferinnen in Kliniken ergeben, werde nachgebessert. Aber: Mit Ergebnissen sei frühestens Ende 2026 zu rechnen. „Was machen wir in dem Jahr?“, fragt die Beleghebamme.
Status quo in der Hedwigsklinik „ist super“
Noch schwärmt Juraschko von der Geburtshilfe in Regensburg und St. Hedwig. „Der status quo ist super.“ Gerade die Akademisierung des Hebammenberufs habe dafür gesorgt, dass es keine Nachwuchsprobleme gebe. „Die Frage ist, wie lange noch.“
Die Freiberuflichkeit von Hebammen in Geburtskliniken bezeichnet Juraschko als Win-Win-Win-Situation: Die Geburtshelferinnen profitieren, weil sie sich selbst organisieren können. Die Krankenhäuser werden dadurch entlastet. Und werdende Mütter genießen dank dem Belegsystem die höchste Rate an Eins-zu-Eins-Betreuung bei der Geburt. Eine Schlechterstellung bei der Vergütung werde erst einmal ein Hebammenproblem, prophezeit Juraschko, dann aber ein Problem der Frauen und der Gesellschaft allgemein. Schließlich wird in den Regensburger Geburtskliniken St. Hedwig und St. Josef jedes einzelne der rund 5000 Kinder im Jahr mithilfe einer Beleghebamme zur Welt gebracht. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Juraschko. Und dagegen gehen die Regensburger Beleghebammen am 31. Mai auf die Straße.
So läuft die Protestaktion ab
• Demonstration: Am Samstag, 31. Mai, veranstalten Beleghebammen aus der Oberpfalz und Niederbayern von 10 bis 16 Uhr auf dem Neupfarrplatz eine Protestaktion. Um 14 Uhr zieht von dort aus ein Demonstrationszug durch die Altstadt. „Der neue Hebammenhilfevertrag darf so nicht in Kraft treten. Wir fordern die Nachbesserung und Revidierung kritischer Punkte“, heißt es in der Ankündigung der Hebammen von St. Hedwig, St. Josef sowie der Kreissprecherin der Hebammen, Lena Huber.
• Redner: Unter dem Motto „Midwife Crisis“ werden namhafte Redner aus Politik und Gesundheitswesen auf dem Neupfarrplatz erwartet, darunter Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD), Landrätin Tanja Schweiger (FW), MdB Peter Aumer (CSU), MdL Jürgen Mistol (Bündnis 90/Die Grünen), Mechthild Hofner, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes, sowie als Vertreterinnen der Regensburger Geburtskliniken Prof. Dr. med. Sylvia Pemmerl, medizinisch-ärztliche Direktorin und Geschäftsführerin am Caritas Krankenhaus St. Josef, und Sabine Beiser, Geschäftsführerin der Barmherzigen Brüder und der Klinik St. Hedwig.