„Existenz akut gefährdet“: Droht Regensburg der Hebammen-Exodus?

Von Benedikt Baumgartner · 11. April 2025 um 15:00

Hebammen geht es an die Existenz. Genauer gesagt: Beleghebammen. Sie arbeiten freiberuflich an Geburtskliniken. Und sie werden durch einen Schiedsspruch ab November finanziell deutlich schlechter gestellt als bisher. Einen Einbruch von 15 bis 20 Prozent rechnet der Deutsche Hebammenverband (DHV) vor. „Der Einschnitt ist so krass hart“, sagt Ursula Jahn-Zöhrens, DHV-Präsidiumsmitglied. Sie prognostiziert eine „verheerende Versorgungsknappheit für Frauen“.

/embed>In den beiden Regensburger Geburtskliniken arbeiten ausschließlich Beleghebammen. Melanie Auerswald ist eine von ihnen. Daran, wie der Spitzenverband der Krankenkassen, bei dem sie ihre Leistungen abrechnet, mit ihrem Berufsstand umgeht, findet sie so einiges „frech“.

Volle Arbeit, weniger Lohn

Statt der Stunden-Vergütung von 88,20 Euro, die der DHV forderte, gibt es ab November 74,28 Euro. Abrechnen können Beleghebammen ihren Lohn – im Gegensatz zu außerklinischen Geburtshelferinnen – aber nicht voll. „Wir tragen 100 Prozent Verantwortung, geben 100 Prozent Leistung, aber bekommen nur 80 Prozent unseres Stundenlohns ausbezahlt“, beschreibt Auerswald die beschlossene Vergütung. Finden zwei oder drei Geburten parallel statt, wird für die weiteren betreuten Frauen nur 30 Prozent des Stundenlohns angesetzt. Ab der vierten Frau gibt es gar nichts mehr. Diese Hierarchisierung lehnt der DHV ab, schließlich sei eine Parallelbetreuung nicht die Ausnahme. „Je mehr Verantwortung ich gleichzeitig übernehme, desto weniger bekomme ich“, zieht auch Tanja Lehner bittere Bilanz. „Anders ist es aber nicht planbar in einer Klinik, Geburten sind nicht planbar.“

„Nach wie vor ein Traumberuf“

Lehner, Beleghebamme im 32. Berufsjahr, ist Sprecherin der freiberuflichen Geburtshelferinnen an einer Regensburger Klinik. „Für mich ist es nach wie vor ein Traumberuf“, sagt sie. „Man arbeitet mit Liebe und Herzblut, aber das wird existenziell.“ Auch der Nachtzuschlag beträgt künftig statt der vom DHV geforderten 22,5 nur 17 Prozent. In Zwölf-Stunden-Schichten decken Beleghebammen Betreuung rund um die Uhr ab: „Die Babys machen keinen Unterschied, ob es nachts um 3 Uhr am 24. Dezember ist oder Dienstagmorgen“, sagt Auerswald.

Der künftig nicht mehr voll ausgezahlte Stundensatz ist die Brutto-Vergütung für die Freiberuflerinnen. Neben Renten-, Kranken- und Pflege- sowie Berufsunfähigkeitsversicherung läuft bei Geburtshelferinnen noch ein weiterer, enormer Posten auf: die Haftpflichtversicherung. „Es ist brutal, was wir zahlen müssen, damit wir überhaupt arbeiten dürfen“, sagt Auerswald. Bei der 35-Jährigen, die seit neun Jahren als Beleghebamme arbeitet, sind es 6329 Euro im Halbjahr, also fast 13 000 Euro jährlich.

Hebamme Melanie Auerswald bei der Nachsorge von Baby Matteo: Ab November muss die Beleghebamme einen Einbruch ihrer Vergütung von 15 bis 20 Prozent hinnehmen. - Foto: Michelle Kopp

Hedwigsklinik und Josefskrankenhaus betroffen

Die beiden Regensburger Geburtskliniken reagieren mit Bedauern auf den Schiedsspruch zu Lasten der Beleghebammen. Katja Vogel, Sprecherin des Caritas-Krankenhauses St. Josef, sagt auf MZ-Anfrage: „Würde sich aufgrund der Vergütungsänderung ein Teil der Beleghebammen dazu entschließen, den Beruf aufzugeben, wären sie nur schwer zu ersetzen.“ Die dort tätigen freiberuflichen Geburtshelferinnen würden den Schiedsspruch als „katastrophal“ bezeichnen. Barmherzige-Brüder-Sprecherin Julia Gergovich-Klein betont mit Bezug auf St. Hedwig, „dass die Versorgungssicherheit in unserer Klinik sowohl jetzt als auch in Zukunft gewährleistet ist“. Man freue sich über eine gute Bewerberlage und stehe in engem Austausch mit den Beleghebammen, „um auf Auswirkungen des Schiedsspruches adäquat reagieren zu können“. An der Hedwigsklinik kommen jedes Jahr rund 3300 Kinder zur Welt, im Josefskrankenhaus sind es im Schnitt 1400 Geburten jährlich.

Mehr Kündigungen, weniger Nachwuchs?

Laut Mechthild Hofner, Vorsitzende des bayerischen Hebammen-Landesverbands, finden knapp 98 Prozent der Geburten in Bayern in Kliniken statt, nur zwei Prozent in Geburtshäusern oder zu Hause. Sie malt ein düsteres Bild: „Die Beleghebammen sind in der Existenz akut gefährdet. Und dann werden sie die Geburtshilfe verlassen müssen.“ Der Beruf werde dadurch unattraktiver, nachdem er durch den gegründeten Studiengang aufgewertet worden sei. „Ein junger Mensch, der ein Studium abschließt, erwartet aber auch etwas“, sagt Lehner. Ihre Kollegin Melanie Auerswald stimmt ein: „Sie sehen die Belastung, aber keine Wertschätzung vom Spitzenverband.“

Eine Handlungsaufforderung an Politik und Gesellschaft ist für Hofner ein Ansatz nach der Entscheidung zur Vergütung. „Die Geburtshilfe ist das Herzstück der Hebamme und sollte das Herzstück jeder Gesundheitspolitik sein“, sagt sie. Schließlich werde doch ständig von der Stärkung von Frauen im Berufsleben gesprochen: „Wir haben hier den ältesten Frauenberuf – mit Verantwortung für zwei Leben.“ Der DHV hat eine Petition unter dem Titel „Frauen zahlen den Preis“ gestartet, die eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch Hebammen für jede Frau unter der Geburt fordert.

„Das geht jeden an“

Man erwäge zudem eine Klage gegen den Schiedsspruch und prüfe, ob freiberufliche Hebammen – entgegen früherer Urteile – nicht doch streiken können. „Andere Berufsgruppen gehen auf die Straße, nur freiberufliche Hebammen müssen es erdulden oder aus dem Beruf ausscheiden.“ Bloß, wenn sie gehen, wer kümmert sich dann um die Frauen? Diese Frage treibt auch Tanja Lehner um: „Wenn wir streiken, bleibt nicht ein Zug stehen. Bei uns ist eine Frau unter der Geburt. Die können wir nicht alleine lassen.“ Sie hofft auf eine breitere gesellschaftliche Debatte. „Jeder Mensch ist mit einer Hebamme auf die Welt gekommen“, sagt sie. „Deswegen geht das jeden an.“