Eine Hebamme für den Landkreis: Verena Rutzinger aus Sinzing begleitet „Frauen vom Dorf“

Von Marion Neumann · 2. April 2024 um 15:00

Verena Rutzinger ist Hebamme. Dass sie „Kinder auf die Welt bringt“, stimmt so jedoch nicht. „Ich bringe sie nicht auf die Welt. Ich fange sie nur auf“, sagt Rutzinger. Im Idealfall greife sie nicht groß in den Prozess der Geburt ein.

„Ich sitze daneben und warte.“ Beim Thema Schwangerschaft und Geburt auf die richtige Wortwahl zu achten, ist ihr wichtig. „Auf die Welt bringt das Baby die Mama – und keiner sonst“, sagt sie.

Rutzinger ist 23 Jahre alt und kommt aus Adlstein bei Sinzing. Gerade hat sie ihr Studium an der OTH Regensburg abgeschlossen. Als Hebamme führt sie der Weg nun direkt in die Selbstständigkeit. Schwangerenvorsorge, Wochenbettbetreuung, Vorbereitung und Begleitung während der Geburt: All das will sie im Landkreis Regensburg anbieten. „Ich will da sein, wenn die Frauen, mit denen ich auf dem Dorf groß geworden bin, eine Hebamme brauchen“, sagt sie.

Ganz allein ist die Berufseinsteigerin aber nicht. Als vierte Hebamme wird sie Teil des Geburtshauses Morgenroth in Siegenburg. Bei den außerklinischen Geburten wird sie im ersten Jahr immer von einer Kollegin begleitet. „Damit habe ich auch das Glück, dass wir uns mit der Rufbereitschaft abwechseln können“, sagt sie.

„Wow – die vielen Babys“

Erzählt Rutzinger, was sie beruflich macht, sind die Reaktionen positiv. „Wow, toll – die vielen Babys – so etwas höre ich ganz oft“, sagt sie. Dass sich bei ihr alles um die Neugeborenen drehe, sei jedoch nicht ganz richtig. „Der Hauptaspekt ist die Arbeit mit den Frauen, den werdenden Eltern.“

Während des Studiums – Rutzinger gehört zu der zweiten Kohorte, die den noch neuen Studiengang der Hebammenkunde an der OTH abgeschlossen hat – war sie schon bei vielen Geburten dabei. Als „wahnsinnig intensiv“ beschreibt sie diese Eindrücke. „Es mag etwas mit meinem Glauben zu tun haben. Aber bei meiner ersten Geburt hatte ich ein Gefühl, als wäre der ganze Raum von einer Präsenz erfüllt“, erinnert sie sich.

Nicht immer sei es eine schöne Erfahrung. „Aber jedes Mal ist es magisch“, sagt sie. Das für sie prägendste Ereignis sei eine sogenannte stille Geburt gewesen. Das Baby kam tot zur Welt. „Das war in der 20. Schwangerschaftswoche. Das Kind passte in eine Hand“, sagt sie. Obwohl es furchtbar traurig gewesen sei, möchte sie auch solche Situationen begleiten. „Zu sehen, dass ich mit dem Schönen und dem Schrecklichen an dieser Arbeit klarkomme, war mir ganz wichtig“, sagt sie.

Arbeiten in der Region

Dass Hebamme der passende Beruf für sie sein könnte, fand sie mit 19 Jahren heraus. „Ich habe nach dem Abi gesagt, ich lerne nichts, was mich nicht bewegt oder ich nicht liebe“, erzählt sie. Zweimal hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Kinderheim in Kenia gearbeitet. Auf dem Rückweg, am Flughafen von Nairobi, suchte sie schließlich im Internet nach Berufen im Entwicklungsdienst. „Bei Ärzte ohne Grenzen habe ich dann den Beruf der Hebamme gefunden.“

Im anschließenden Praktikum in den Kliniken in der Region habe sie schnell festgestellt, dass es passt. „Es war eigentlich nach den ersten zwei Tagen klar.“ Was sich jedoch geändert hat, war, dass es sie zum Arbeiten nicht mehr in die Ferne zog. „Als ich gesehen habe, wie die Situation hier vor Ort ist, habe ich gemerkt, dass ich hierbleiben und in meiner Heimat als Hebamme arbeiten will.“ Dass „Hebammenkunde“ seit 2019 als Studiengang an der OTH angeboten wird, hält sie für richtig. „Das war gar nicht mehr abwendbar. Überall sonst in Europa gibt es diese Akademisierung schon längst.“

Das Studium sei sehr herausfordernd gewesen. „Man studiert und macht gleichzeitig eine praktische Ausbildung“, sagt sie, „am Ende des ersten Semesters waren alle fix und fertig.“ Dass viel Wissen vermittelt werden müsse, sei für sie logisch. „Im Minimum bin ich für zwei Leben verantwortlich.“ Diese große Verantwortung spiegelt sich auch in der hohen Versicherungssumme wider, die Rutzinger nun als selbstständige Hebamme bezahlen muss. In ihrem Fall sind das rund 14 000 Euro.

Geld von der Familie geliehen

„Aktuell ist es so geregelt, dass ungefähr 80 Prozent des Geldes am Jahresende wieder zurückkommt, wenn man schadensfrei ist und mindestens eine Geburt pro Quartal begleitet hat. Ich musste mir dafür Geld von meiner Familie leihen“, sagt sie.

Für die Gesellschaft würde sie sich wünschen, dass mehr über Schwangerschaft und Geburt gesprochen werde. „Wir beschäftigen uns erst damit, wenn es so weit ist. Dabei sollte das schon viel früher beginnen.“ Eine Geburt sei etwas „Normales, Natürliches“, das bei einer gesunden Schwangeren keine Hightech-Überwachung voraussetze. „Es ist gut, dass es die moderne Medizin gibt. Aber wir fürchten uns heute zu sehr vor dem Kontrollverlust und tabuisieren alles, was mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten verbunden ist.“