Hebammen protestieren in Regensburg: „Midwife Crisis“ am Neupfarrplatz

Von Julia Achatz · 1. Juni 2025 um 15:00

Sie gehen für die Erhaltung einer qualitativ hochwertigen Geburtshilfe und des in Bayern etablierten Beleghebammensystems auf die Straße. Am Samstag machten die Hebammen in Regensburg klar: Der Hebammenhilfevertrag darf so nicht in Kraft treten. Sie fordern die Nachbesserung und Revidierung kritischer Punkte.

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Rund 700 Hebammen und Unterstützer versammelten sich am Samstag zu einer Protestaktion auf dem Neupfarrplatz, um gegen den neuen Hebammenhilfevertrag zu demonstrieren. Unter dem Motto „Midwife Crisis“ wiesen sie auf drohende Verschlechterungen in ihrem Berufsalltag hin. Unterstützt wurden sie dabei von Vertretern aus Politik und Medizin – unter anderem Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und Landrätin Tanja Schweiger.

Bei der Protestaktion fand Maltz-Schwarzfischer deutliche Worte. Sie sagte, dass Schwangerschaft und Geburt ganz besondere Lebensphasen seien, in denen Frauen auf umfassende und verlässliche Unterstützung angewiesen seien. 2019 wäre daher gemeinsam mit dem Landkreis die Koordinierungsstelle für Hebammenversorgung ins Leben gerufen worden – ein wichtiges Zeichen für die Sicherung der Geburtshilfe vor Ort.

„Ein völlig falsches Signal“

Der neue Hebammenhilfevertrag sende jedoch ein völlig falsches Signal, da er nicht nur die Qualität der Betreuung gefährde, sondern auch die wirtschaftliche Existenz vieler Hebammen infrage stelle. Umso wichtiger sei es, nun gemeinsam für die Interessen von Familien, Frauen und Kindern einzustehen.

Dr. Carolin Wagner, Bundestagsabgeordnete der SPD, erklärte, dass die Hebammen seit Jahren mit einem Gehaltsstillstand konfrontiert seien und nun durch den neuen Hilfevertrag einen Rückschritt erleiden, obwohl zuvor Vergütungsverhandlungen stattgefunden hätten. Sie betonte, dass Hebammen systemrelevant wären – sowohl in der Vorbereitung auf die Geburt als auch in der Nachsorge. Daher sei es notwendig, im Landtag einen Dringlichkeitsantrag zu stellen, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Zudem sollen die Verhandlungen auf Bundesebene erneut angestoßen werden, um eine Verbesserung zu erreichen.

Auch der Bundestagsabgeordnete Peter Aumer (CSU) setzt sich für eine bessere Vergütung für Hebammen ein. Er fordert vom GKV-Spitzenverband eine schnelle Nachverhandlung der Vergütung. „Bitte überarbeiten Sie den Hebammenhilfevertrag dahingehend, dass die wirtschaftliche Existenz der Beleghebammen nicht gefährdet wird und nach wie vor eine flächendeckende Versorgung durch freiberufliche Hebammen erfolgen kann“, so Aumer.

Einbußen bis zu 30 Prozent

Laura Weber und Jürgen Mistol, Landtagsmitglieder der Grünen, empfinden den Hebammenhilfevertrag nicht als Hilfe, sondern eher als realitätsfremd. Die Leistungen, die hier für die Gesundheit von Mutter und Kind sowie für unsere Gesellschaft erbracht werden, verdienen eine faire finanzielle Wertschätzung, Respekt und Sicherheit, sagten sie. Es könne nicht sein, dass wieder Frauen den Preis zahlen, und zwar doppelt. Gerade die Beleghebammen sehen sich durch die neuen Regelungen enormen Vergütungseinbußen ausgesetzt, die teilweise bis zu 30 Prozent betragen

Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands, betonte, dass die 1:1-Betreuung durch Hebammen für eine hohe Versorgungs- und Qualitätsgarantie stünde. Das Belegsystem wäre wohnortnah und zugänglich, was für die Versorgung in Bayern besonders wichtig sei. Allerdings werde die im Hebammenhilfevertrag vorgesehene Zuschlagszahlung in den meisten Fällen nicht geleistet, da die Bedingungen hierfür zu streng seien, beispielsweise nur für zwei Stunden vor und nach der Geburt. Bereits 2017 entstanden wirtschaftliche Probleme für Hebammen in Bayern, da die Vergütungssätze nicht ausreichten, um die Kosten zu decken, was zu finanziellen Belastungen führte. Zudem wies sie darauf hin, dass derzeit doppelt so viele Ausbildungen zur Hebamme begonnen würden wie früher, was sich durch den neuen Hilfevertrag deutlich verschlechtern würde.

„Kein Sparmodell“

Sie erklärte, dass 40 bis 60 Prozent der Leistungen in der Geburtshilfe im Belegsystem der Hebammen erbracht würden, während lediglich zwei Prozent im Angestelltensystem erfolgten. Die Erhaltung einer qualitativ hochwertigen Geburtshilfe und des in Bayern etablierten Beleghebammensystems sei daher essenziell. Abschließend betonte sie, dass eine Nachverhandlung des Hilfevertrags dringend notwendig wäre, um kritische Punkte zu revidieren und die Versorgungssituation nachhaltig zu verbessern. Hebammen seien kein Sparmodell.

Die Veranstalter freuten sich über den großen Zuspruch vor Ort, der sich auch darin zeigte, dass mehr als 1000 Unterschriften für die (weiterhin laufende) Petition „Stoppt den neuen Hebammenhilfevertrag“ gesammelt wurden. Im Anschluss an die Reden führte ein Demonstrationszug vom Neupfarrplatz über den Domplatz zum Haidplatz und von dort wieder zurück.