Das Aus für die Regensburger Engel-Apotheke wird für die Inhaberin zum Aufbruch

Von Rainer Wendl · 16. August 2025 um 05:00

Vom Apotheken-Sterben ist oft die Rede, auch die Regensburger Altstadt ist nicht verschont davon. Die Entwicklung kann aber auch Neuanfänge befördern, wie dieses Beispiel zeigt.

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Medikamente bestellen, Regale auffüllen, Info-Material auslegen – dies alles und viele Routine-Tätigkeiten mehr führt Antje Bullmann in diesen Tagen zum letzten Mal aus. Die Inhaberin der Engel-Apotheke am Neupfarrplatz/Ecke Tändlergasse hat dabei gemischte Gefühle, „Es ist fast jeden Moment anders. Einerseits verspürt man Erleichterung und hofft, dass es jetzt gut zu Ende und danach gut weiter geht. Andererseits kommt auch Wehmut auf. Besonders berührend ist es, wenn sich langjährige Kunden verabschieden.“

Bis einschließlich kommenden Donnerstag haben sie noch Zeit dafür. Denn dann schließt in der Engel-Apotheke für immer die Tür, nach nicht weniger als 766 Jahren. Nur eine Apotheke in ganz Deutschland wurde noch früher gegründet, doch dieser Superlativ lässt Bullmann schon länger kalt.

Tradition zahlt keine Miete

„Damit kann man leider nicht die Miete zahlen“, spielt sie auf die wirtschaftlichen Zwänge an, die zu dem Entschluss geführt haben, den Betrieb aufzugeben. Die Öffentlichkeit kann diesen Schritt nachvollziehen, sagt sie. Als die MZ im Herbst 2024 erstmals über die baldige Schließung berichtete, habe sie „ganz viel Verständnis und Wertschätzung erhalten“.

Seit 2015 hat Bullmann die Engel-Apotheke geleitet, damals tauschte sie die Rolle als Team-Mitglied mit der als Chefin. Jetzt steht für sie ein neuerlicher Perspektivwechsel an, auch wenn sich rein themenmäßig im Grunde nicht viel ändert. Ab Herbst wird sie in den Bereichen Gesundheitsberatung und Coaching tätig sein. Das Begriffe-Trio „Natürlich, gesund, glücklich“ prangt quasi als Leitfaden groß auf ihrer Homepage. Bei den Unterpunkten geht die Apothekerin ins Detail und gibt auch Persönliches preis. Sie beschreibt dabei das Dilemma vieler Zeitgenossen, nicht dauerhaft richtig glücklich sein zu können. Auch ihr sei es früher so gegangen – „und das, obwohl ich im Außen alles hatte, was ich mir gewünscht habe“. Um diesen Widerspruch auflösen zu können, hat sie sich beruflich weitergebildet und unter anderem eine Coaching-Schulung absolviert.

Es ist fast jeden Moment anders. Einerseits verspürt man Erleichterung und hofft, dass es jetzt gut zu Ende und danach gut weiter geht. Andererseits kommt auch Wehmut auf.

Antje Bullmann, Apothekerin

Dieses zusätzlich erworbene Wissen will sie nun auf eine ähnliche, aber doch andere Weise als in der Apotheke weitergeben. „Auch da habe ich die Kunden natürlich schon beraten, aber jetzt ist das viel intensiver und ganzheitlicher möglich.“ Es gehe nun nicht mehr in erster Linie darum, gesundheitliche Probleme mit Medikamenten zu bekämpfen, sondern auf die Suche nach den Ursachen zu gehen. „Viele Beschwerden lassen sich darauf zurückführen, dass wir permanent gestresst sind“, nennt Bullmann ein prominentes Beispiel.

Der Hebel zum Abstellen von Dauerstress liegt oft in der Aufgabe falscher Gewohnheiten. Nicht minder häufig mindert auch ungesunde Ernährung die Lebensqualität. An diesem Punkt kommt Bullmanns Expertise in Sachen Mikronährstoffe und Naturheilkunde ins Spiel, die seit jeher bereits in der Engel-Apotheke eine wichtige Rolle gespielt hatte. „Der Kontakt und Austausch mit den Kunden war sowieso immer das, was mir am meisten Freude gemacht hat“, nennt sie die dritte große Komponente ihres früheren und auch künftigen Wirkens.

Second-Hand-Laden kommt

Ab November will Antje Bullmann ihre Beratungen und Coachings „stationär“ anbieten, die Niederlassung könne „gerne wieder in der Altstadt“ liegen. Jetzt aber macht sie erst einmal Pause. Wenn sie in der Engel-Apotheke letztmals den Schlüssel umgedreht hat, geht sie auf eine lange und weite Reise nach Japan und Neuseeland. „Wenn, dann muss ich das jetzt machen“, sagt sie zu der einmaligen Möglichkeit für diese Auszeit.

Wie es in den Räumlichkeiten der Engel-Apotheke weiter geht, steht derweil auch fest. Ebenfalls ab Herbst wird es hier Second-Hand-Mode geben. Wer jemals in hippen Städten wie Amsterdam gesehen hat, wie vor allem das junge Publikum auf solche Läden fliegt, der weiß: Die liegen, sofern sie ein gutes Sortiment haben, mehr im Trend als Apotheken.