Jetzt auch St. Jakob: Das Apothekensterben in der Regensburger Altstadt geht weiter

Wieder eine weniger: An Heiligabend um 13 Uhr wird Helmut Müßig zum letzten Mal die Tür seiner wenige Schritte vom Theater entfernten St. Jakobs-Apotheke in der Regensburger Jakobstraße absperren.
Damit zieht er nicht nur einen Schlussstrich unter 50 Jahre Berufsleben und eine um ein Vielfaches längere pharmazeutische Tradition in der westlichen Altstadt, sondern schreibt auch die Liste von geschichtsträchtigen Regensburger Apotheken fort, die es nicht mehr gibt.
Müßig kennt die Namen alle. „Elefanten-Apotheke, Mohren-Apotheke, Hofapotheke St. Emmeram“, zählt er nur ein paar von ihnen auf und fügt an: „Und jetzt kommt halt auch St. Jakob dazu.“
Auf das 17. Jahrhundert datiert er die Ursprünge seines Betriebs, gegründet von Mönchen des Schottenklosters St. Jakob. Weitere Standorte waren im Lauf der Zeit an der Ecke zum Bismarckplatz und direkt am Jakobstor. Das finale Domizil der St. Jakobs-Apotheke wurde zur vorletzten Jahrhundertwende errichtet.
Keine Lust mehr mit 77
Hatte Müßig angesichts dieser reichen Historie keine Ambitionen, vor dem Eintritt in den Ruhestand einen Nachfolger zu finden? „Nein, meine drei Kinder haben alle einen anständigen Beruf“, lacht der 77-Jährige erst und geht dann zum ernst gemeinten Teil der Antwort über: „Nur um kostendeckend arbeiten zu können, braucht man heutzutage einen Jahresumsatz von 2,5 Millionen Euro. Es gibt kaum noch junge Kollegen, die sich das antun wollen.“
Wie richtig er mit dieser Einschätzung liegt, hat sich erst Ende Oktober gezeigt. Da wurde bekannt, dass die Engel-Apotheke am Neupfarrplatz, die älteste der Stadt und die zweitälteste in ganz Deutschland, im Herbst 2025 schließen wird.
Die dortige Inhaberin ist zwar gut 30 Jahre jünger als Müßig, will sich aber dem Missverhältnis aus stetig steigenden Kosten und bestenfalls gleichbleibendem Ertrag ebenfalls nicht mehr aussetzen. „Es wäre schon irgendwie weitergegangen, aber dieses ,Irgendwie’ ist mir auf Dauer zu wenig“, erklärte sie gegenüber der Mittelbayerischen.
Genau wie die junge Kollegin vom Neupfarrplatz formuliert es auch Müßig als Ärgernis, dass das Apothekenhonorar seit weit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr erhöht worden ist. Dem gegenüber stünden die Inflation, höhere Gehälter fürs Personal, kostspielige Erfordernisse der Digitalisierung „und viele weitere Maßgaben, die uns aufgebürdet wurden“.
Mit 77 hat er nun keine Lust mehr auf all das. „Ich habe immer gesagt: ,Wenn es mir mal zu dumm wird, mache ich am nächsten Tag zu.‘ Jetzt ist es so weit.“ Abgesehen vom bis zuletzt guten Kontakt zu den Kunden hat er sich hörbar entfremdet von seinem lebenslang ausgeübten Beruf: „Ich würde heute kein Pharmazie-Studium anfangen und auch nicht mehr Apotheker werden wollen.“
Birgit Specht, der Sprecherin der Regensburger Apotheker, geht das freilich zu weit. Sie weiß zwar um die belastende Wirkung der von Müßig aufgezählten Punkte und teilt auch dessen Kritik an der Politik, gibt sich aber kämpferisch: „Mir und den allermeisten Kollegen macht der Beruf schon noch Spaß, auch wenn es schwer ist“, sagt sie. Die Branche dürfe nicht in Jammerei verfallen, sondern müsse aufzeigen, dass sie für den Wettbewerb mit dem Internet gewappnet sei.
Theater zieht als Mieter ein
„Wir sind digital super aufgestellt. Und vor allem sind wir an 365 Tagen im Jahr Tag und Nacht mit ehrlicher Arbeit und bester Beratung für unsere Kunden da. Das müssen wir betonen“, lautet Spechts Appell an ihre Zunft, trotz zahlreicher schmerzlicher Schließungen selbstbewusst und optimistisch zu bleiben.
Zwei gute Nachrichten hat schließlich auch Helmut Müßig parat: Zum einen ist die berufliche Zukunft seiner Team-Mitglieder gesichert, zum anderen wird das Ende der St. Jakobs-Apotheke keinen Leerstand in der Jakobstraße nach sich ziehen. „Die Räumlichkeiten werden vom Theater übernommen“, berichtet er von einem prominenten Mieter. Was dieser in der baldigen Ex-Apotheke vor hat, weiß Müßig noch nicht. Er ist nun erst einmal mit dem Verkauf des Inventars beschäftigt.
Sauer auf die Politik, egal von welcher Partei
Ärger: Helmut Müßig macht keinen Hehl daraus, dass er mit der Politik des amtierenden Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) unzufrieden ist. Sein Unmut über den Umgang der Bundespolitik mit den Apothekern dauert aber bereits viel länger an und ist parteiübergreifend: „Der Kipp-Punkt war schon 1991 bei der ersten Gesundheitsreform. Da war Horst Seehofer von der CSU Gesundheitsminister.“ Seither hätten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sukzessive verschlechtert.
Zustimmung: Die Kritik an der Politik teilt auch Birgit Specht, Regensburger Sprecherin des Bayerischen Apothekenverbands: „Umsatz ist nicht Gewinn. Unsere Margen sind gering. Das hat die Politik immer noch nicht kapiert.“