Amazon-Projekt: Droht ein Trinkwasser-Gau? – 20.000 Abnehmer wären betroffen

Von Martin Rutrecht · 8. August 2025 um 19:00

Die heftige Debatte um ein geplantes Amazon-Logistikzentrum in Rohr i. Nb. im Landkreis Kelheim erfährt eine neue Zuspitzung. Wasserzweckverbände schlagen Alarm: Versickerungsbecken auf dem Areal seien zu klein dimensioniert – bei Starkregen drohe eine Verunreinigung des Trinkwassers von rund 20.000 Abnehmern im Landkreis Kelheim.

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Leo Poschmann nennt es den „Super-Gau“. Das Trinkwasser von großen Teilen der Gemeinden Kelheim, Abensberg, Neustadt a. d. Donau und Saal a. d. Donau „wäre ungenießbar“, sagt der Vorsitzende des Wasserzweckverbandes Hopfenbachtal-Gruppe in Kelheim-Thaldorf. Verschmutzt mit Ölen und Fetten von Fahrzeugen sowie Reifen- und Bremsenabrieb. „Wir hätten nichts mehr zu trinken.“

Was der 69-Jährige skizziert, fußt auf den Plänen für ein Logistikzentrum des Online-Versandhändlers Amazon im Ortsteil Bachl. Auf dem Areal des früheren Gutshofs Stocka soll westlich der Staatsstraße 2230 das Logistikzentrum (23 Hektar/60.000 m² Hallenfläche) und östlich der Panattoni-Park (9,5 ha/50.000 m²) für weitere Firmen entstehen. Ein Großteil der Flächen wird für den Lieferverkehr – laut Amazon rund 600 Lkw und 1300 Pkw am Tag – versiegelt, sprich asphaltiert. Um Regenwasser aufzunehmen, werden sogenannte Versickerungsbecken gebaut.

„Das kann man sich wie riesige Badewannen in der Erde vorstellen. Das Wasser fließt rein, über Filter im Becken wird es gereinigt und sickert ins Grundwasser“, erklärt Poschmann. Durch die Filter werden Verunreinigungen wie genannte Öle, Fette oder Reifenabrieb ausgesiebt. Zwei solcher Becken sind im „Wirtschaftspark A93“ geplant.

Acht Brunnen im Einzugsbebiet

Das Problem, das der Zweckverband und mit ihm die Stadtwerke Kelheim, Abensberg, Neustadt sowie Saal und die Rottenburger Gruppe sehen: „Die Becken sind zu klein ausgelegt. Bei heftigen Starkregenereignissen schwappen sie über und das verunreinigte Wasser geht direkt ins Grundwasser.“ Was katastrophale Folgen hätte: Acht Brunnen der Wasserversorger speisen sich aus dem Einzugsgebiet „Hopfenbacheinfall“, das nahe Stocka liegt.

Das Grundwasser in diesem karstigen Untergrund fließt in etwa 100 Metern Tiefe in die Brunnen der genannten Zweckverbände und Stadtwerke. „Und wir versorgen insgesamt 20.000 Abnehmer, allein wir von der Hopfenbachtal-Gruppe an die 4000“, so der ehrenamtliche Vorsitzende. Die jährliche Trinkwassermenge nur dieser Einwohner liegt bei 350.000 Kubikmeter.

Auf diesem Areal bei Bachl (oberhalb des Tonabbaus am unteren Bildrand) ist der Wirtschaftspark A93 geplant. Links am Bildrand zu sehen ist die Autobahn. - Foto: Satzl

Nach Meinung der Wasserlieferer sind die beiden Becken zu klein dimensioniert. „Man geht in der Planung von 10-jährlichen Starkregenereignissen aus. Das ist vollkommen unzureichend.“ Mittlerweile seien 100-jährliche Regenereignisse – also wie sie statistisch gesehen nur alle 100 Jahre auftreten – „Realität“. „Im Ahrtal hatten wir ein 200-Jährliches. Also auch so etwas kann eintreten“, mahnt Poschmann. Im Nu wären die Becken überflutet und das verunreinigte Wasser würde in den Boden schießen.

Die Brunnen hätten zwar auch Filter und Aufbereitungsanlagen (etwa zur Sauerstoffanreicherung). „Aber nicht für solche Beeinträchtigungen.“ Eine Aufrüstung wäre „sündhaft teuer“ und durch Wasserlieferer und Abnehmer „nicht mehr zu stemmen“.

Belastetes Löschwasser und Lacke

Schon in der Bauphase auf dem Stocka-Areal fürchten Poschmann und Kollegen bei Starkregen den Eintritt von Öl- und Schmiermitteln sowie Farben und Lacken. In Brandfällen drohen belastetes Löschwasser und Verbrennungsrückstände ins Grundwasser überzugehen, warnen die Zweckverbände.

Die Problematik hat die Hopfenbachtal-Gruppe bereits bei der frühzeitigen öffentlichen Auslegung der Pläne vor gut einem Jahr schriftlich aufgezeigt. Das Amazon-Projekt stelle eine „erhebliche Gefährdung der Trinkwasserversorgung für Tausende von Bürgern dar“, formulierte Poschmann damals. Eine Reaktion gäbe es bis heute nicht.

Panattoni sieht keine Gefahr der Verschmutzung des Grundwassers

Auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern verweist Amazon auf den Projektentwickler Panattoni. „Wir stehen mit dem zuständigen Wasserzweckverband im regelmäßigen Austausch und alle eingereichten Planungen erfüllen die gesetzlichen Vorgaben und Normungen“, lautet die Antwort aus der PR-Abteilung. Wasserwirtschafts- und Landratsamt hätten dies geprüft.

Im Übrigen gehe die Gesetzgebung von einem 30-jährlichen Hochwasserereignis aus. „In unseren aktuellen Planungen gehen wir auf alle Stellungnahmen aus der frühzeitigen Beteiligung ein und haben diese planerisch berücksichtigt.“ Eine Sorge „zur Verschmutzung des Grundwassers besteht nicht“.

Poschmann bleibt skeptisch. „Gar nicht bauen“, ist sein kurz gefasstes Fazit zum Amazon-Vorhaben, „außer man schöpft alle technischen Möglichkeiten aus“. Der Trinkwasserschutz könnte für das Projekt „eine hohe Hürde werden“, so seine Einschätzung. Sollte sich an der Dimensionierung der Becken nichts ändern, lautet für ihn die letzte Option: „Wir beschreiten den Klageweg.“

Becken und Regen

Wasseraufnahme: Zwei Versickerungsbecken sind im Wirtschaftspark Stocka vorgesehen. Eines wird beim Amazon-Logistikzentrum mit 4000 Kubikmeter Fassungsvermögen gebaut, das andere im Panattoni-Firmenpark mit 3300 Kubikmeter.

Niederschlagsmenge: Dimensioniert sind beide nach einer Überplanung für 30-jährliche Regenereignisse. Die Wasserzweckverbände verweisen aber auf zunehmende 100-jährliche Starkregenfälle. Dafür wären die Becken zu klein ausgelegt.