Logistikpark bei Rohr: Amazon will bis zu 18 Millionen Artikel lagern

Auch wenn die geplante Ansiedlung des Online-Versandriesen Amazon bei Rohr in Niederbayern im Landkreis Kelheim umstritten ist, bleiben Unternehmen und Kommune auf Kurs. So werden neue Details bekannt gegeben und der Gemeinderat besichtigt den Standort Hof. Der BI-Vorsitzende gegen das Projekt war schon dort – und zeigt sich „erschrocken“.
Das Logistikzentrum Hof-Gattendorf könnte eine Blaupause für das Amazon-Vorhaben bei Stocka sein. Als „super modern“ bezeichnet Thorsten Schwindhammer, PR-Manager des Unternehmens, den im Mai 2022 eröffneten Komplex. In den Hallen lagern rund 18 Millionen Artikel, das Sortiment reicht von Ohrringen bis zu einer Größenordnung von kleinen Küchengeräten wie Kaffeemaschinen und Toastern. „Eine Kapazität von 15 bis 18 Millionen Artikel und eine ähnliche Produktpalette hätten wir auch in Rohr geplant.“
Am Standort in Oberfranken, errichtet für Kosten in niedriger dreistelliger Millionenhöhe, sind 1900 Mitarbeiter beschäftigt, in Rohr – projektiert mit 23 Hektar und 66.000 Quadratmetern Hallenfläche – rechnet Amazon im ersten Jahr mit 1500. „Der Einstiegslohn für ungelernte Tätigkeiten beträgt 13 Euro“, erklärt Schwindhammer gegenüber der Mediengruppe Bayern. Gegner der Pläne bemängeln unter anderem Billiglohn-Arbeitsplätze. Mit Fördertechnik und Transportrobotern wird die Ware bewegt.
Amazon: Lkw-Verkehr nur über Autobahn
Gattendorf hat wie Rohr einen nahen Autobahn-Anschluss. Zur Verkehrsbelastung erklärt der Amazon-Sprecher: „In unseren Logistikzentren wird die Ware von Lkw angeliefert und abgeholt. Das geschieht über die Autobahn und nicht über die Dörfer.“ Die bestellten Produkte kämen in Sortier- oder Verteilerzentren und von dort erst zum Kunden.
Im Normalbetrieb seien in Rohr 100 Lkw und 600 Pkw (Mitarbeiterverkehr) pro Tag zu erwarten, in Spitzentagen im Weihnachtsgeschäft käme man auf 281 Laster und 1092 Autos. Die Zahlen müsse man wegen Hin- und Rückfahrt doppelt nehmen. Die zudem vorgesehenen Logistik-Einheiten auf der Ostseite (9,5 Hektar, 50.000 Quadratmeter Hallenfläche, 350 Beschäftigte) des Areals, die nicht zu Amazon zählen, bringen weitere 628 Lkw- und 514 Pkw-Fahrten auf die Straße.
BI hält Verkehrszahlen für „nicht glaubhaft“
Die „Bürgerinitiative Region Abensberg und benachbarte Gemeinden“ (BIA) hält die Zahlen weiterhin für „nicht glaubhaft“, so ihr Vorsitzender Roland Weiß. „Das ist Augenauswischerei und Vertuschung. Fließt der Verkehr wirklich nur über die Autobahn, fahren tatsächlich keine Sprinter? Es gibt keine Garantien.“ Die BIA geht von täglich 17.000 Fahrzeugen aus (schon jetzt seien es 11.000), die allein den Ort Offenstetten überrollen werden.
Der Markt Rohr will sich ein neues Verkehrsgutachten vorlegen lassen. „Wir stimmen es derzeit mit Staatlichem Bauamt und Autobahn GmbH ab“, erklärt Bürgermeisterin Birgit Steinsdorfer. Sobald die Unterlegen fertig sind, will der Gemeinderat über einen „vorhabenbezogenen Bebauungsplan“ entscheiden, der vom Vorhabenträger (Amazon bzw. Projektentwickler Panattoni) unterbreitet wird.
In Hof auch mit Mitarbeitern sprechen
In der Juni-Sitzung des Marktes wird das noch nicht der Fall sein. „Bis zur Sommerpause möchten wir es aber schaffen.“ Am 15. Juni macht sich der Gemeinderat auf zur Besichtigung des Standorts Hof-Gattendorf. „Wir wollen uns vor Ort informieren, weil das Logistikzentrum dem für Rohr geplanten entspricht“, sagt die Bürgermeisterin. Neben der Standortleiterin wird laut Amazon ein Vertreter der Wirtschaftsförderung Hof anwesend sein. Angefragt seien auch Hofs Bürgermeisterin sowie die Arbeitsagentur Bayreuth-Hof. „Wir möchten auch mit Mitarbeitern sprechen“, ergänzt Steinsdorfer. Die Markträte fahren mit dem Gemeindebus.
BIA-Vorsitzender Weiß hat sich bereits ein Bild von Hof-Gattendorf gemacht. „Erschreckend für mich war, dass es dort nicht mehr Nacht wird. Von der dauerhaften Beleuchtung der Hallen und Parkplätze geht eine extreme Lichtverschmutzung aus“, berichtet er. „Das hat Auswirkungen auf die Tiere, angefangen vom Brutverhalten bis zum Insektensterben.“ Die BIA ist aktuell dabei, etwa 9000 Flyer gegen das Rohrer Projekt in der Region Kelheim zu verteilen. Beigelegt sind auch Mitgliedsanträge, ergänzt Weiß. 1200 Unterstützer hat die Initiative bis dato.
Amazon sieht keinen Zeitdruck
Für Amazons PR-Manager Schwindhammer sind die Einwände „ganz normale Fragen“. In den nächsten Wochen wolle man Aufklärung leisten. „Den Verkehr können wir nicht wegbeamen“, sagt er. Die Standortfrage Rohr befinde sich „noch im Anfangsstadium“. Eine zeitliche Frist, bis wann man grünes Licht haben wolle, existiere nicht. Für die Errichtung eines Amazon-Logistikzentrums sei mit einer Bauzeit von zwei Jahren zu rechnen.
BI-Vorstoß in der Politik
Minister: Die Bürgerinitiative gegen den Logistikpark Stocka will der bayerischen Regierung ihre Argumente darlegen. Dazu soll Grünen-MdL Rosi Steinberger ein Schreiben der BIA persönlich an mehrere Minister übergeben.
Landrat: BIA-Vorsitzender Roland Weiß bat bei Landrat Martin Neumeyer um ein Gespräch. „Es wurde mit Verweis auf ein laufendes Verfahren abgelehnt“, berichtet er. „Ich finde, es wäre schon seine Aufgabe, uns anzuhören.“