51 Minuten voller Sprengkraft – Ex-Klinikarzt in Kelheim nutzt sein letztes Wort

Von André Baumgarten · 22. Juli 2025 um 20:12

Mord-Prozess in Regensburg: Mediziner sieht sich als Opfer von Lügen und Intrigen der Klinik in Kelheim. „Ich stehe hier nicht wegen einer Schuld, sondern trotz meiner Unschuld“, sagte er in seinem letzten Wort vor dem Landgericht. Am 30. Juli soll das Urteil fallen.

Video ansehen

Vor Gericht hat immer der Angeklagte das letzte Wort, ehe ein Urteil beraten wird. Im Prozess um den Tod eines schwer kranken Patienten im Kelheimer Krankenhaus hat der wegen Mordes angeklagte Ex-Klinkarzt dieses Recht genau 51 Minuten lang genutzt – um seine Sicht auf den Fall, in dem alle Seiten am Ende des aufreibenden Verfahrens Freispruch beantragt haben, darzulegen. Mit Kritik an Ermittlern, an der Rechtsmedizin und am Krankenhaus sparte er nicht: „Ich stehe hier nicht wegen einer Schuld, sondern trotz meiner Unschuld.“

Die Anklage hatte dem Mediziner vorgeworfen, im Juli 2022 einen 79-Jährigen mit Morphin „heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen“ getötet zu haben. 420 Tage sei er durch die U-Haft „seiner Freiheit beraubt“ worden, erklärte der Angeklagte gestern. In 14 Zellen in fünf Gefängnissen, wo er „oft 23 Stunden am Tag allein, isoliert“ eine Antwort auf die Frage nach dem Warum gesucht habe. „Ich bin unschuldig, ich war und bin Arzt – helfen, lindern, heilen war für mich gewissermaßen Alltag“. Teilweise brach ihm die Stimme, als er vom Trauma spricht, das die Familie „noch heute belastet“.

Seine Reputation auch bei einem Freispruch verloren?

Seine letzten Worte im Prozess vor dem Regensburger Landgericht, das den Tod des Patienten seit Mitte Februar akribisch aufarbeitete, wolle er jedoch nicht als Abrechnung verstanden wissen, wie er betonte. Er sei Opfer von Falschaussagen und Lügen, einseitigen Ermittlungen und der mangelhaften Arbeit von Gutachtern geworden. Es gehe für ihn um seine Glaubwürdigkeit und Reputation als Mensch und als Arzt – die aber wohl „unwiederbringlich verloren“ sei.

Gutachter Prof. Dr. Patrick Meybohm (li.) hatten die Verteidiger des angeklagten Mediziners (2.v.re.), Dr. Philip Schelling (re.) und Dr. Georg Karl (2.v.li.) beauftagt. Er sagte mehrmals aus. - Foto: Baumgarten/Archiv

Im August 2023 sei durch ein Vorgutachten der Rechtsmedizin aus München „ohne jegliche klinische Expertise“ eine „Lawine losgetreten“ worden, basierend auf Aussagen eines Mitarbeiters, „nicht auf Fakten“. Es habe als „Teil eines Behandlungsteams“ die Änderung des Therapieziels „mitgetragen“. Wer mit ihm im Dienst war, sei teils nie ermittelt worden. Nur einer mehrerer Punkte, die er vor allem am zuständigen Ermittler aus Landshut kritisierte und dabei von Voreingenommenheit sprach. Mitgefühl gelte dennoch den Angehörigen des toten Seniors.

Wurde der Angeklagte „zum Schutz der Klinik geopfert“?

Doch auch das Krankenhaus in Kelheim spiele nach Überzeugung des Arztes eine gewichtige Rolle: „Ich sollte auf Druck der Öffentlichkeit zum Schutz der Klinik geopfert werden“. Er hätte beseitigt werden sollen und sei gezwungen gewesen, „meine Unschuld zu beweisen“. Letztlich sei das mit renommierten Gutachtern der Verteidigung gelungen. „Mein medizinisches Handeln war korrekt. Für die Klinik wäre mein Freispruch aber eine Katastrophe“ – alle Lügen und Intrigen würden „wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“.

Das Landgericht wird sein Urteil am 30. Juli verkünden.