Kulturkampf in Regensburg: Künstlerstadtrat Jakob Friedl vs. Theaterintendant Sebastian Ritschel

„Put your hands on your hips!“: Als Theaterintendant Sebastian Ritschel beim Balkonsingen am Mittwoch die Rocky Horror-Ansagen beim legendären Time Warp machte, stand gefühlt halb Regensburg auf dem Bismarckplatz. Ribisl-Stadtrat und Künstler Jakob Friedl aber war nicht da. Und das ist durchaus bemerkenswert. Denn während der Debatte über die Sanierung des Velodroms in der Sitzung des Planungs- und Kulturausschusses eine Woche zuvor hatten sich die beiden Herren einen dramatischen Schlagabtausch geliefert.
Am Ende sprach Ritschel eine Einladung an Friedl aus, eine Theater-Veranstaltung zu besuchen – etwa das Balkonsingen. „Das kostet gar nichts. Da kann man sogar mit Menschen ins Gespräch kommen“, waren seine Worte. Zuvor hatte Ritschel sich einiges von Friedl anhören müssen. 53 Millionen Euro für die Sanierung des Velodroms: Das wünsche Friedl sich auch für andere Projekte. Sein Park-Haus im Ostpark passe 294 Mal in diesen Betrag. Zudem wollte Friedl wissen, ob Ritschel überhaupt Zuschauerreihen für die geplante Arena-Tribüne habe oder ob das Velodrom diese nun nur bekommen soll, weil das gerade irgendwie auch hip sei. Friedl frage sich schon, was das Theater eigentlich inhaltlich mache. „Das Theater könnte ein anderes Theater machen, dann würde es relevanter sein. Dann würde es wahrscheinlich bemerkt werden, über die Stadtgrenzen hinaus, und Kontroversen auslösen“, sinnierte er. Alles, was er seit 25 Jahren als Künstler gemacht habe, sei weit von solchen Kosten und so einem Publikum entfernt. Er selbst gehe nicht ins Theater.

Wenig später ging es weiter: Friedl wünsche sich ein anderes Theater, das viel mehr in die Gesellschaft hineingehe sowie maximale Freiheit und Kreativität für die Angestellten. „Das muss nicht in einem Theaterraum drin sein, das kann an jedem Ort der Stadt sein. Und so könnte man Furore machen, deutschlandweit, und dieses Provinzielle überwinden können“, endeten Friedls Vorhaltungen.
Eine Tirade voller Vorwürfe
An dieser Stelle griff Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) ein. Der Redebeitrag Friedls sei gespickt mit Unverschämtheiten gewesen, woraufhin etliche Stadträte auf den Tischen trommelten. „Entschuldigung, der Herr Kollege Friedl leidet vielleicht darunter, dass er nicht der Intendant ist“, forderte sie von Ritschel drei Sätze zu falschen Behauptungen.

„Ich muss sagen, ich bin sehr enttäuscht von Ihnen“, warf der Intendant Friedl an den Kopf. Bereits in seiner ersten Saison sei er mit dem Projekt Wahrheiten in den Stadtraum hinausgegangen. Das sei ein Beitrag über klimaneutrales Theater gewesen. Dabei sei es nicht darum gegangen, woke oder hippe Themen aufzugreifen, damit sei Realität abgebildet worden. Das Theater wolle eine breite Öffentlichkeit erreichen. „Wenn Sie unser Heft lesen würden, würden Sie dort sehr viele Ermäßigungsmöglichkeiten sehen“, konterte der Intendant. Auf Friedls Vorwurf der Provinzialität, antwortet Ritschel auf Anfrage: „Betrachtungen geschehen immer aus einem gewissen Blickwinkel. Herr Friedl hat sich bisher nicht als kenntnisreich in Bezug auf unsere Produktionen und Aktivitäten gezeigt.“ Pure Provokation sei nicht das Mittel der Wahl, entgegnet der Intendant auf die Forderung des Ribisl-Stadtrats, das Theater müsse Kontroversen auslösen. Es müsse diese vielmehr aufgreifen und das tue es auch, erklärt Ritschel. Er verweist auf die Zukunftsdialoge mit Michel Friedman oder Gregor Gysi sowie „Wir sind auch nur ein Volk“ oder „Die wunderbaren Jahre“ aus dieser Spielzeit.
Es war nicht das erste Mal, dass Friedl das Theater im Plenum wegen der Kosten für die Sanierung des Velodroms kritisierte. Bei der Besprechung des Investitionsprogramms im vergangenen Herbst sagte er, dass er dieses Vorhaben für unsinnig und unnötig halte. Das Theater solle lernen, kreativ mit den Gegebenheiten umzugehen. „Kreativität ist eine Grundhaltung unseres Berufs – allerdings gibt es im professionellen Kultur-Sektor auch andere Bereiche, die bedacht werden müssen und aus denen sich ein notwendiger Sanierungsbedarf ergibt“, kontert Ritschel darauf mit Blick auf die Arbeitssicherheit oder den Brandschutz. „Es ist nicht unproblematisch, auf welche Weise er die Kultur und deren Stellenwert bewertet“, ordnet er Friedls Tiraden ein. Bei aller Kritik fände Ritschel es angebracht, wenn Friedl die Angebote des Hauses wahrnehmen, gegebenenfalls seinen Standpunkt revidieren oder für einen Austausch zur Verfügung stehen würde.
Friedl hadert mit dem Stadtrat
Friedl sagt, die Einladung zum Balkonsingen nicht angenommen zu haben, weil er am Mittwoch sehr viel gearbeitet habe. Zudem komme Ritschel ja auch nicht zu seinen Veranstaltungen, wozu er ihn aber einlade. Er sei nicht neidisch auf die 53 Millionen für das Velodrom, sondern wünsche sich, dass mehr hinterfragt werde.
Er wisse aber noch nicht, ob er dies bei der nun anstehenden Haushaltsrunde wieder tun werde. „Ich muss schauen, was die anderen machen“, sagt Friedl. Überhaupt habe er zuletzt öfter das Gefühl gehabt, außerhalb des Stadtrats mehr erreichen zu können. Ob er wieder als Stadtrat antreten wird, werde er sich eventuell im Herbst überlegen. Auch wenn er schon oft nach einer neuen Kandidatur gefragt und um diese gebeten worden sei, habe er gerade zu viel Arbeit, um sich darüber Gedanken machen zu können.