Das Velodrom soll wieder Theater werden: Wie aufwendig muss die Sanierung sein?

Von Marion Koller · 22. März 2024 um 05:00

Das Regensburger Velodrom soll wieder Theater werden. Aber verträgt das Baudenkmal eine Großbühne mit viel Technik? Darüber diskutierten Planer, Theaterleute und Publikum.

Die Regensburger hängen am Velodrom. Viele hoffen, dass dort ab 2029 wieder Theater gespielt wird. Am Rande des Diskussionsabends „Quo vadis Velodrom?“ im Kulturzentrum Degginger forderte der Arzt Bernhard Keil: „Es soll auf jeden Fall saniert werden.“ Seine Frau Astrid ergänzte: „Es soll wieder ein Theater werden.“ Im Antoniushaus fehle die Atmosphäre.

Lesen Sie dazu auch: Spielzeit 2024/25: Was das Theater Regensburg für die neue Saison plant

Bei den Fachleuten gehen die Meinungen auseinander. Die anspruchsvolle Technik, die ein Haus auf dem Weg zum Staatstheater verlangt, könnte das Denkmal überfrachten und zusammen mit dem Brandschutz die Kosten ausufern lassen. Mindestens 50Millionen Euro wird die Sanierung kosten. Das wurde im Sommer aus einer nichtöffentlichen Sitzung des Kulturausschusses kolportiert. Bis zu 70 Prozent schultert der Freistaat. Doch das Sanierungsprojekt befindet sich in einer frühen Phase, es gibt noch viele offene Fragen.

Eine spannende Debatte hat das Publikum am Mittwoch erlebt: Auf Einladung des Architekturkreises diskutierten Nikolai Reich vom Berliner Planungsbüro Gerkan Marg und Partner (gmp), Planungsreferent Florian Plajer, Matthias Schloderer, der kaufmännische, und Michael Hübner, der technische Leiter des Theaters, sowie Albert Payer, Architekt bei der Sanierung Ende der 1990er-Jahre. Mit Humor und Offenheit moderierte Bernd Rohloff vom Architekturkreis.

Gute Chance auf ein Gelingen

Seit zwei Jahren arbeitet Nikolai Reich an der Generalsanierung. Städtisches Ziel sei, das Velodrom als Theaterbühne zu erhalten. „Wir haben eine Großbühne, die braucht eine Brandwand, einen eisernen Vorhang.“ Eine leistungsfähige Technik müsse installiert und das Dachtragwerk überarbeitet werden. Das Haus benötigt einen Aufzug, barrierefreie Sanitäranlagen und eine mobile Tribüne.

Die Architekten von gmp gehen von der Machbarkeitsstudie aus. Sie müssen Anforderungen des Theaters und des Denkmalschutzes sowie Vorgaben des Bestandsbaus berücksichtigen. Gegenwärtig graben Archäologen im früheren Bühnenbereich. Reich ist optimistisch: „Wir haben eine gute Chance auf ein Gelingen des Projekts.“ Matthias Schloderer betonte, das Velodrom fehle der Stadt und dem Theater. „Das macht pro Saison 30000 Plätze weniger. Wir müssen Schulen abweisen. Wir brauchen das Velodrom wegen der Reichweite und der theatralen Möglichkeiten.“ Michael Hübner ergänzte, mit dem Velodrom hätten sich die Besucherzahlen des Stadttheaters verdoppelt. Das Velodrom bietet 600 Plätze, das Haus am Bismarckplatz 450.

Lesen Sie dazu auch: Regensburgs Theater kitzelt die Lust auf die neue Saison – und ringt um die Zukunft des Velodroms

Die Interims-Spielstätte soll laut Stadt eine vollwertige, moderne Bühne werden. Planungsreferent Florian Plajer wies jedoch auch darauf hin, dass die Sanierung leistbar sein muss. Moderator Rohloff wollte von Erstsanierer Albert Payer wissen: „Ihr habt damals das Haus gerettet, was war der Anspruch?“ Die Antwort: Payer und seine Kollegen haben das Baudenkmal ab Ende 1996 in nur eineinhalb Jahren für knapp sechs Millionen DM saniert. Payer kritisierte eine Veränderung des Baukörpers durch den geplanten eisernen Vorhang und eine Überfrachtung mit Bühnen- und Beleuchtungstechnik. Er befürchtet dass die historischen Eisenbinder verdeckt werden. An die Vertreter des Theaters appellierte er, das Denkmal zu verstehen und darüber nachzudenken, ob sie nicht auf einige Nutzungen verzichten könnten. Der Charme des Velodroms sei gerade durch die Beschränkung auf das Notwendige entstanden. Planer Reich versprach, das Büro werde die historischen Träger würdevoll in Szene setzen.

Der Sicherheitsingenieur Klaus Haarer aus dem Publikum sagte, er hänge sehr am Velodrom. Nach seiner Einschätzung handelt es sich nicht um eine Großbühne, sondern um eine Mehrzweckhalle. An die Fachleute appellierte er, zu überlegen, ob nicht auch eine Nutzung möglich sei, ohne das Velodrom als Großbühne nach der Versammlungsstätten-Verordnung zu definieren. Doch laut Brandschutzplaner vom Architekturbüro gmp führt kein Weg daran vorbei.

Hier mischte sich Bernd Rohloff ein. Man wolle und brauche mehr von dem Gebäude als bisher. „Wir müssen es nutzungstechnisch auf ein anderes Niveau bringen.“ Regensburg wird ab der Spielzeit 2025/26 siebtes bayerisches Staatstheater. Dafür werde eine Großbühne benötigt. Nach Aussage von Matthias Schloderer geht es ohne Brandschutz und eisernen Vorhang nicht. Die Funktionalität solle mindestens so sein wie vor der Schließung.

Bisher nur Übergangslösung

Prof. Peter Morsbach von den Altstadtfreunden fragte, ob Regensburg ein zweites Stadttheater braucht. „Ja, selbstverständlich, wir brauchen das. Wir werden Staatstheater“, konterte Matthias Schloderer. In Zeiten, in denen Kunst und Musik in der Schule reduziert werden, laste viel auf den Schultern der Theaterleute. Für Intendant Sebastian Ritschel war das Velodrom bisher eine wunderbare Übergangslösung, aber kein funktionierendes Theater. Künftig müsse das Haus viele Dinge können, etwa Musiktheater erlauben. Lukas Schätzl von Corner Concerts wünscht sich, dass auch Pop- und Rockkonzerte mit eingeplant werden. „Wir haben nur die Alte Mälzerei.“

Rennbahn und Kino

Bau: Der jüdische Geschäftsmann Simon Oberdorfer ließ das Velodrom 1897 als Radsporthalle errichten, einen Saalbau in stützenloser Stahlkonstruktion mit umlaufenden Balkonen. Der Saal wurde auch für politische Versammlungen, Varieté, Tanz und gesellschaftliche Ereignisse vermietet. 1929 wurde er zum Kino umgebaut. Es bestand bis 1974, zuletzt als Porno-Kino.

Sanierung: Nach jahrelangem Leerstand und Verfall wurde das Gebäude auf Initiative von Bürgern 1993 unter Denkmalschutz gestellt. Unternehmer und Mäzen Oswald Zitzelsberger sanierte es. Ab 1998 diente es als Ausweichspielstätte für das Stadttheater, dann als zweiter Spielort. Ende 2021 wurde das Velodrom aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen.

Diskutierten über die Zukunft des Velodroms: Albert Payer, Nikolai Reich, Bernd Rohloff und weitere Fachleute (v. l.) Foto: altrofoto.de
Planungsreferent Florian Plajer sagte, die Sanierung müsse leistbar sein. Foto: altrofoto.de
Michael Hübner vom Theater wünscht sich bessere Arbeitsbedingungen im sanierten Velodrom Foto: altrofoto.de
Leidenschaftlich plädierte Matthias Schloderer für die Großbühne. Schließlich werde Regensburg Staatstheater. Foto: altrofoto.de