Spielzeit 2024/25: Was das Theater Regensburg für die neue Saison plant

Von Katharina Kellner · 22. März 2024 um 16:00

29 Premieren, 30 Konzerte, vier Wiederaufnahmen: Unter dem Motto „Entfernungen“ erkundet das Theater Regensburg unbekanntes Terrain.

Zum Mond reisen oder in die Wildnis, eine Orgie feiern an einem berühmten Sandstrand Australiens oder lieber in Sichtweite die komplexen deutsch-deutschen Verhältnisse ausloten? Das Theater Regensburg erkundet neues Terrain. Nach den vergangenen Leitsätzen „Wahrheiten“ und „Identitäten“ stellt es die Saison 2024/25 unter das Motto „Entfernungen“. Sebastian Ritschel betont den Plural. Der Begriff eröffnet einen weiten Assoziationsspielraum. Für den Intendanten ergeben sich aus diesem Motto die Polaritäten Nähe und Ferne. Doch auch die Zwischenräume und Extreme dieses Begriffes sollen ausgelotet werden: Wie weit kann man sich entfernen von der politischen Mitte? Wieviel Distanz braucht es, um sich näherzukommen?

Bei einer Pressekonferenz öffneten er und die Spartenleiter des Theaters am Freitag das gut gefüllte Paket, das sie für die kommende Saison geschnürt haben: 29 Premieren, 30 Konzerte und vier Wiederaufnahmen zauberten sie hervor. Das Publikum kann sich gefasst machen auf Erst- und Uraufführungen, die, wie Ritschel betonte, schon zur Regensburger Tradition gehören, auf Ausgrabungen, Wiederentdeckungen und Klassiker in neuem Gewand. Einen wunderbaren Vorgeschmack auf das, was kommt, gaben Carlos Moreno Pelizari, der ein Intro aus „Madama Butterfly“ sang. Sängerin Carin Filipčic hatte extra für den Anlass eine Nummer aus dem Musical „Come from away“ einstudiert, die sie wunderbar vortrug. John Spencer. begleitete beide am Klavier.

Matthias Schloderer, kaufmännischer Direktor, erinnerte daran, dass 2024/25 die letzte Spielzeit als Stadttheater sei. Man wachse behutsam dem Status als Staatstheater entgegen. In der aktuellen Spielzeit habe man bereits 100000 Menschen erreicht, knapp 20000 Kinder hätten das Weihnachtsstück „Das doppelte Lottchen“ gesehen. Angesichts der guten Auslastungszahlen sei es ein Jammer, dass das Velodrom als größte Spielstätte nicht zur Verfügung stehe. Als besonders positiv hob Schloderer die zweistellige Zahl an Uraufführungen in Regensburg hervor: Diese gehöre sei vielen Jahren zur DNA des Hauses.

Ritschel strich erfolgreiche Publikumsformate heraus: „Balkonsingen und After Show Parties gehören zum Standard.“ Er habe Besucherinnen im Ü-70-Alter mit Rollatoren kommen und dann auf der Party tanzen sehen. Sie hätten sich bei ihm für das Format bedankt, das Menschen jeden Alters offen steht.

Ein Höhepunkt des Musiktheaters ist gleich für den Spielzeit-Auftakt gesetzt: Nach rund zehn Jahren wird es in Regensburg wieder eine Inszenierung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ geben – auf Wunsch von Abonnenten und des Generalmusikdirektors Stefan Veselka. „Dieses Mammutwerk braucht Kraft“, sagte Chef-Dramaturg Ronny Scholz. Das Musikdrama umfasst fünfeinhalb Stunden und zwei Pausen. Für den aus Bad Kötzting stammenden Regisseur Johannes Reitmeier wird es der erste „Tristan“ sein.

• Phantastische Reisen: Ritschel will das Motto „Entfernungen“ nicht nur im räumlichen Sinn verstanden wissen: Auch innere, körperliche und seelische Entfernungen wollen er und sein Team auf der Bühne vermessen. Das schließt auch phantastische Reisen ein und Erkundungen des Erdtrabanten – wie in Jacques Offenbachs fantastischer Operette „Reise zum Mond“ oder dem Weihnachtsstück für die Familie: „Peterchens Mondfahrt“.

• Nahsicht: Räumlich nah und bis 1989 doch weit entfernt waren die beiden deutschen Staaten bis zum Mauerfall. Bis heute hat sich diese Distanz nicht gänzlich aufgelöst. „Wir sind auch nur ein Volk“ heißt das Schauspiel, das auf der gleichnamigen TV-Serie von Jurek Becker aus dem Jahr 1994 basiert. Sie seziert die Entfremdung zwischen Ost und West mit scharfsinnigem Humor. Hier bezahlen die Wessis dafür, dass die Ossis wilde Klischees der Realität in der DDR erfinden. Schauspiel-Chefin Antje Thoms sagte, das deutsch-deutsche Kennenlernen dürfe gerne weitergehen. Von der militarisierten und indoktrinierten DDR-Jugend erzählt der Dresdner Komponist Torsten Rasch in einer Musiktheateraufführung mit vielen Perspektiven. Er greift dabei Reiner Kunzes Roman „Die wunderbaren Jahre“ auf.

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• Zeitreisen: „Wer ist die junge Frau hinter dem Mythos Iphigenie?“, fragt sich Lilly-Marie Vogler in ihrer Soloperformance „Iphigenies Rache“. Die Schauspielerin und Autorin reist von der Antike in die Gegenwart und reflektiert Rollenbilder und Erwartungen und Zuschreibungen, die das Patriarchat an Frauen stellt.

Wie vergänglich die Ideale der Jugend sind, erzählt das Musical „Merrily we roll along“ von Steve Sondheim. Hier starten drei junge Menschen auf einem New Yorker Dach mit großen Visionen in die Jugend, die aber im Alter zerstört sind. Die Geschichte wird rückwärts erzählt, so dass sie zum Ende hin voller Hoffnung ist.

• Tiere: Auch andere Lebewesen erkundet das Theater: Antje Thoms plant, den weißen Wal Moby Dick aus Herman Melvilles berühmtem Roman ins kleine Haidplatztheater zu quetschen. Wesentlich kleiner sind die Bärtierchen, die in Till Wiebels Schauspiel „Wir Wasserbären“ per Rakete zum Mond geschossen werden. Dort beginnen sie einen Teambuilding-Prozess, um gemeinsam neue, auch utopische Formen des Zusammenlebens auszuloten. „Frederick“, der Dichter unter den Feldmäusen aus Leo Lionnis zauberhaftem Kinderbuch bringt das Junge Theater als Puppenspiel auf die Bühne: Ritschel sagte, neben den Krabbelkonzerten gebe es damit auch ein szenisches Angebot für ab Zweijährige. Das Kindermusical „Ratte Rudi geht von Bord“ erzählt mit Swing, Soul, Reggae und Funk von einer Ratte und einem Kobold, die gemeinsam ihre Träume verwirklichen. Das Kindermusical „Ratte Rudi geht von Bord“ erzählt mit Swing, Soul, Reggae und Funk von einer Ratte und einem Kobold, die gemeinsam ihre Träume verwirklichen.

• Tanz: Entfernungen und Annäherungen – das neue Spielzeitmotto ist wie gemacht für den Tanz. Der Tanzabend „Next to me“ des Choreografen Gabriel Pitoni befasst sich mit den unbewussten Entscheidungen, die Menschen treffen, wenn sie einen Raum betreten: Welchen Platz nehme ich ein? Wie viel Distanz halte ich zu anderen? Aus Schuberts Winterreise, interpretiert von Hans Zehnder, macht Wagner Moreira, Chef der Tanzcompany, einen seiner bildhaften und aufs Wesentliche reduzierten Tanzabende. In „Dance Lab.30“ zeigen sich junge Choreografen, in Moreiras Choreografie „Passagen“ erobert die gesamte Tanzcompany Regensburgs öffentlichen Raum.

• Konzerte: Auf das Motto „Entfernungen“ verweisen auch die Konzert-Titel des Philharmonischen Orchesters: „Reisefieber“, „Illusionen“ oder „Extreme“ versprechen abwechslungsreiche musikalische Erlebnisse – und der Abend „Fernweh“ eine Wiederentdeckung: Zu hören sind Werke von Antonin Dvořák und dem jüdischen Komponisten Walter Kaufmann, der von den Nazis verfolgt 1934 nach Indien auswanderte, wo er lehrte und komponierte. Das Theater Regensburg rückt damit nach Joseph Beer, dessen vergessene Operette „Der Prinz von Schiras“ es 2023 erstmals nach 90 Jahren wieder auf die Bühne brachte, erneut einen NS-verfolgten und deshalb zu wenig bekannten Komponisten ins Licht. Geplant ist, von diesen vier europäischen Erstaufführungen der Kaufmann-Werke eine CD einzuspielen. Die Philharmonische Saison schließt mit „Unendliche Weiten“ im Audimax der Universität: In John Coriglianos phantastischem „Mannheim Rocket“ kann man nachhören, wie eine Rakete die Schallmauer durchbricht. Um das akkustisch spürbar zu machen, werde aufgetürmtes Glas wird durch drei Schlagzeuge zerstört, kündigt Scholz an: „Und wenn wir im Himmel sind, dürfen wir Mozart spielen.“

• Extra: Zum Saisonauftakt am 14. September gibt es ein Theaterfest und eine Eröffnungsgala und ein echtes Spektakel zum Abschluss im Juli 2025: Das spartenübergreifende Projekt „Das Schiff der Träume“ nach Federico Fellinis Tragikomödie soll den gesamten Bismarckplatz ausfüllen. Die Ensembles aus Tanz, Musiktheater, Schauspiel und das Philharmonische Orchester schauen gemeinsam mit dem Publikum in den Abgrund einer elitären Gesellschaft, die von einer heilen Welt in albtraumhafte Szenen taumelt.

Erkunden Nähe und Ferne: Intendant Sebastian Ritschel (Mitte), Oda Zuschneid (Leiterin Junges Theater), dem kaufmännischen Direktor Matthias Schloderer, Antje Thoms (Leiterin Schauspiel) und Chef-Dramaturg Ronny Scholz (von links) bei der Pressekonferenz am Freitag Foto: altrofoto.de