Regensburgs Theater kitzelt die Lust auf die neue Saison – und ringt um die Zukunft des Velodroms

Von Marianne Sperb · 17. September 2023 um 19:00

Man hatte beinahe vergessen, wie es ist, wenn das Licht im Saal des Regensburger Theaters ausgeht und die Vorstellung beginnt. Wie brillant die Philharmoniker spielen, was für strahlende Stimmen das Musikensemble versammelt, wie sehr einen Schauspielkunst in Bann schlagen kann, wie geschmeidig und präzise die Tanzcompagnie über die Bühne wirbelt. Geht halt nichts übers Live-Erlebnis!

Das Theater Regensburg meldete sich am Samstag eindrucksvoll zurück. Nach dem Fest ab 11 Uhr, das den Bismarckplatz brodeln ließ, wo Abo um Abo geschrieben wurde, folgte ein Abend voller Witz und Tempo. Appetizer aus allen Sparten kitzelten die Lust auf die neue Spielzeit. Das Theater hatte kräftig draufgesattelt. Nach der ersten Gala dieser Art, die zum Saisonstart 2022 viele Worte und wenig Einlagen bot, griff das Ensemble diesmal in die Vollen.

Vicom ist neu im Ensemble

90 Minuten lang blieb dem Publikum im ausverkauften Saal kaum Zeit zum Atemholen bei dem Ritt durch Höhepunkte der neuen Saison, die 30 Premieren und 31 Konzerte bringt. Und umgekehrt konnten die Sprecher kaum fünf Sätze zu Ende sagen ohne aufbrandenden Zwischenapplaus von Gästen, die wirkten wie im Begeisterungstaumel. Die Kraft von Theater, hier war sie zu greifen. Beim Finale mit dem „Time Warp“ aus der Rocky Horror Show, mit der das Theater 2024 die Donauarena kapern wird, stand der ganze Saal. Viele Gäste tanzten später unterm Kronleuchter im Neuhaussaal in die Nacht hinein.

Intendant Sebastian Ritschel blickte kurz zurück auf eine extrem erfolgreiche erste Saison des neuen Teams. Die Spielzeit krönten im August die Auszeichnung als bundesweit bestes kleines Haus – und der Titel Staatstheater, den Regensburg 2024/2025 erhalten soll.

Drei Neue waren bei der Gala erstmals an Bord: Generalmusikdirektor Stefan Veselka, der im Sommer nach Regensburg gezogen ist, Chordirektor Harish Shankar, der Alistair Lilley folgt, und eine gewisse Vicom Surtitle – so heißt die neu montierte, gestochen scharfe Übertitelungsanlage. Den Beginn einer neuen Tradition markierte Ursula Michalke, Vorsitzende der Theaterfreunde. Sie überreichte an drei außerordentlich vielseitige Künstler – Tenor Carlos Moreno Pelizari, Musical-Frau Fabiana Locke und Schauspieler Paul Wiesmann – den neuen Ehrenpreis des Vereins.

Ganz anders – ernsthaft, konzentriert und im kleinen Kreis – war die Stimmung bei Gesprächsrunden am Nachmittag, moderiert von Ursula Wagner. Im Foyer des Velodroms beharkten Sebastian Ritschel, kaufmännischer Direktor Matthias Schloderer, Marc Grandmontagne, bis 2022 Chef des Deutschen Bühnenvereins, und Anna Kleeblatt von „Kulturzukunft Bayern“ die zugespitzte Frage „Zukunft (Staats-) Theater – ohne Velodrom?“. Die Spielstätte, mit 600 Plätzen Regensburgs größte, genügt den Sicherheitsauflagen nicht mehr. Es kommt um seinen Umbau nicht mehr herum.

Höhe der Kosten ist noch unklar

Technik-Chef Michael Hübner zeigte am Samstag, wo’s hakt: Der Eiserne Vorhang fehlt, der Energieverbrauch ist fern heutiger Standards und unter der Bühne verläuft nur ein schmaler Tunnel. „Ein Mitarbeiter, der hineinkriecht und dort kollabiert, käme vielleicht nicht mehr lebend raus.“ Die WC-Anlagen sind zu klein, im Foyer treten sich Besucher bei ausverkaufter Vorstellung auf die Füße, ein Schnürboden fehlt, betonten die Theater-Chefs. „Für ein schlecht ausgestattetes Haus kann ich keine guten Künstler gewinnen. Der Titel Staatstheater bedeutet aber höhere Erwartungen“, sagte Ritschel. „Wenn unsere größte Spielstätte etwa für unser Weihnachtsmärchen ausfällt, können wir weniger Kindern ihre erste entscheidende Begegnung mit Theater ermöglichen“ , unterstrich Schloderer.

Eine Studie aus dem Jahr 2020 schätzte die Kosten für den Umbau auf 26 Millionen Euro, heute kursiert die Summe 50 Millionen Euro. Ende 2024 sollen belastbare Zahlen vorliegen. Aktuell läuft die Abstimmung mit Denkmalschutz und Architekturwächtern. Bei Stadträten sind erste Absetzbewegungen zu erkennen, aus der Bürgerschaft werden Zweifel laut. Das Velodrom werde durch Auf- und Umbauten vergewaltigt, hieß es. Klaus Haarer, bis 2004 Technik-Chef am Theater, denkt, die Schutzauflagen ließen durchaus Spielraum, am Haus nur wenig zu ändern. Bernhard Linder vom Jazzclub plädierte für Begrenzung aufs Nötige: „Das Velo war für die Regensburger ja total in Ordnung.“ Die Besucher hätten es in seinem unperfekten Zustand geschätzt.

Begegnungsräume nötig

Einsamkeit macht krank, das Verharren in der eigenen Blase schadet der Demokratie. „Die Gesellschaft braucht Begegnungsräume“, betonte deshalb Anna Kleeblatt. Für Bauprojekte im Kultursektor wie das Velodrom brauche es „eine gewissen Ausdauer und viel Mut.“ „Das Schlimmste wäre, wenn man bei der Eröffnung feststellt, dass die Anforderungen der Zukunft nicht mitgedacht wurden“, betonte Marc Grandmontagne, und plädierte für eine multifunktionale Nutzung, im Verbund mit Einrichtungen aus Sport, Bildung und Kultur.

Ritschel betonte: „Es geht nicht darum, wo Tante Erna sich wohlfühlt. Dies ist auch kein Wohlfühlort, sondern ein Kulturort für die Zukunft. Und ich bin nicht dazu da, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dazu, dass sich etwas entwickelt.“

Das Publikum bei der Gala am Abend sah das offenbar ähnlich. Bei der Erwähnung der Velo-Eröffnung 2029 setzte jedenfalls spontan Applaus ein.

Das Velodrom sei „kein Wohlfühlort, sondern ein Kulturort für die Zukunft“, sagte Intendant Sebastian Ritschel.