Opfer von Lappersdorf schildert dramatische Sekunden: „Hilfe, Dein Vater will mich töten“

Von André Baumgarten · 25. Juni 2025 um 19:00

Ein 48-Jähriger steht wegen Mordversuchs in Regensburg vor Gericht. Die Mutter seiner fünf Kindern verzeiht dem angeklagten Afghanen die Tat vom August 2024 – obwohl der Mann sie zum Prozessauftakt beschuldigt, selbst gesprungen zu sein.

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„Ich habe es geschafft. Ja, ich habe es tun können.“ Das soll ein 48-Jähriger gesagt haben, nachdem er seine Ehefrau aus dem Fenster eines Mehrfamilienhauses in Lappersdorf gestürzt hatte. Für die Tat vom 15. August 2024 muss sich der Afghane seit gestern wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht in Regensburg verantworten. Der Angeklagte gab zum Prozessauftakt aber an, die Frau habe sich selbst hinausgestürzt.

Die Mutter von fünf Kindern hatte sich einen Monat zuvor ihm getrennt – nach einem Übergriff im Juli. In der Folge hatte das Amtsgericht einen Gewaltschutzbeschluss gegen ihn erlassen. Der Mann durfte keinen Kontakt aufnehmen und die Wohnung nicht betreten. Weil er das und die zuletzt ausgesprochene Trennung nicht akzeptieren wollte, „seine Ehefrau als sein Eigentum betrachtete, über das nur er verfügen dürfe“, so die Anklage, soll er sie attackiert haben.

Vom angeklagten Mord aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke aber will der Mann nichts wissen. Über Strafverteidiger Alexander Greithaner lässt er erklären, sie sei selbst gesprungen. Dass die Frau vorher damit drohte, hätten mehrere Zeugen gehört. Seine zweimonatige Flucht bis nach Italien rechtfertigte der Angeklagte mit Panik, als er seine Frau da unten habe liegen sehen. Niemals hätte er ihr etwas Böses antun können. „Ich liebe meine Frau über alles“, ergänzte der 48-Jährige noch selbst.

Angeklagter weint während Aussage der Frau

Während das Opfer aussagt, sitzt der Mann weinend und leise schluchzend abseits. Die Frau soll ihn nicht sehen müssen, hatte Nebenklage-Anwältin Narine Schulz gefordert. Immer wieder wischt er sich die Tränen aus den Augen, schüttelt den Kopf. Nur als sie detailliert ihre massiven Verletzungen schildert und erzählt, mit welchen Folgen sie bis heute zu kämpfen hat, scheint er ganz aufmerksam und ruhig zuzuhören. Überlebt hat die Frau die Tat nur äußerst knapp. Erst mehr als einen Monat danach konnte sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Das Schwurgericht hat über die Frage der Schuld des 48-Jährigen zu entscheiden. Ein Urteil soll es womöglich schon kommende Woche geben. - Foto: Baumgarten

Was die Frau im Zeugenstand schildert, hätte kaum weiter von dem weg liegen können, was ihr Mann sagte. Wenngleich sie sich an Details nicht mehr erinnern wollte. Er habe sie von hinten am Nacken gepackt. Dann sei sie gestürzt. Mehr wisse sie nicht mehr. Beim Ermittlungsrichter, der die Frau noch auf der Intensivstation vernahm, und bei der Kripo klang das noch ganz anders: Sie rief noch nach ihrer ältesten Tochter, „Hilfe, Dein Vater will mich töten“. Das bestätigte der Ermittlungsrichter als Zeuge auch.

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Zwei Kinder hatten die Tat mitansehen müssen – und das, was danach geschah. Das hatten sie dem Ermittlungsrichter erzählt. Selbst wollen sie vor Gericht nicht aussagen. Ihre Mutter schildert das Ganze dem Schwurgericht so: „Ich habe nur ihr Geschrei gehört“, als sie am Boden gelegen sei. Auch weinen habe sie die Kinder hören. Die Augen habe sie nicht mehr öffnen können. Einer der Söhne habe ihr den Kopf gestreichelt, während sich Nachbar um sie kümmerten. „Ich dachte, ich bin schon tot.“

Trotz Kontaktverbot kam der Mann in die Wohnung

Aus dem Nichts kam die Tat laut der Ehefrau nicht. Schon in Afghanistan sei es zu Streit und auch Gewalt gekommen. Nach der Hochzeit vor 16 Jahren habe er „sein wahres Gesicht gezeigt“. Sie habe teils das Haus nicht verlassen dürfen, nicht mit anderen sprechen dürfen. Geld und Ausweise habe nur der Mann verwaltet, als sie schließlich 2021 nach Deutschland kamen. Und trotz alledem war es ihr ein Anliegen, ihm zu verzeihen: Das sagte sie vor Gericht auch. Denn: „Meine Kinder brauchen ihren Vater.“

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Dass sie ihm damit drohte, sich aus dem Fenster zu stürzen, hatten die Kinder tatsächlich ausgesagt. Der Satz aber sei Stunden vor der Tat gefallen, als der Mann nicht gehen wollte. Obwohl ein Kontaktverbot bestand, war er an jenem Donnerstag in die Wohnung gekommen. Weil die Kinder ihn so sehr vermissten, habe die Frau das letztlich auch zugelassen. Erst später kam es dann zur Tat in der Küche im 2. Stock. Knapp 5,3 Meter tief fiel das Opfer von da.

Nach dem Angriff flüchtete der Mann und setzte sich ins Ausland ab. Erst zwei Monate später wurde er in Italien gefasst. Er war verhaftet worden, als er in Rom ein Flugzeug nach Dubai besteigen wollte – das wahre Ziel der Reise soll aber Afghanistan gewesen sein, so Ermittler.

Der Prozess wird fortgesetzt. Vier weitere Prozesstage hat das Schwurgericht in dem Fall angesetzt.