Armuts-Hotspot im Regensburger Norden: „Das Nötigste haben wir“

Von Marion Koller · 15. Mai 2025 um 05:00

Im Regensburger Viertel rund um die Isarstraße ballen sich die Probleme: Aber auch die Mittelschicht fühlt sich dort wohl. „Es gibt hier Rentner mit fast keiner Rente, die Flaschen sammeln, volle Tüten beim Kleidercontainer durchwühlen und schauen, dass sie was billiger bekommen“, sagt eine Anwohnerin.

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Wohnblocks, Hochhäuser und starker Autoverkehr prägen das Viertel rund um die Isarstraße. Immer mehr zu Fuß erreichbare Geschäfte verschwinden. In den letzten Jahren haben Edeka Offenbeck, der Metzger und der Bäcker zugesperrt. Luna Börek hat ein neuer Mieter übernommen, der umbaut. Am Beginn der Isarstraße gibt es eine Norma und im Alex-Center eine Kaufland-Filiale, doch für viele Senioren liegen sie zu weit entfernt.

Das Quartier bereichern aber auch alte Bäume, ein Park, ein Sportplatz, Freizeitflächen und ruhige Innenhöfe. An Busnetz und Fahrradwege ist es optimal angeschlossen.

"Arm sind wir nicht. Es hängt davon ab, was man vom Leben erwartet", sagt Ivanichka Dimitrova-Balkanska . - Foto: Koller

Bei der Vorstellung des Regensburger Armutsberichts vor wenigen Tagen hat Sozialbürgermeisterin Dr. Astrid Freudenstein das Quartier als Armuts-Hotspot bezeichnet. Sie bezieht sich damit auf den Bericht, in dem es heißt: „Die Isarstraße ist ein Armuts-Hotspot, weil hier viele Menschen mit geringen Einkommen leben. Besonders besorgniserregend ist die hohe Zahl älterer Menschen, die im Stadtnorden wohnen – im Osten der Isarstraße beispielsweise sind es 48 Prozent.“ Diese seien besonders von Armut betroffen, da sie häufig von Renten und kleinen Einkommen leben und keine ausreichende Unterstützung im Alltag finden.

Die teure Mieten belasten

Das spiegeln auch Gespräche mit Bewohnern wider. Erika Grosam steuert Richtung Norma. „Es gibt hier Rentner mit fast keiner Rente, die Flaschen sammeln, volle Tüten beim Kleidercontainer durchwühlen und schauen, dass sie was billiger bekommen“, sagt sie. Grosam lebt seit 20 Jahren im Quartier. Viel Geld bleibt auch der 64-Jährigen nicht übrig , die als Reinigungskraft beschäftigt war, aber gegenwärtig krank ist. Als Staplerfahrer verdient ihr Mann 2100 Euro netto. Die Miete verschlingt 800 Euro.

Zwei Wünsche formuliert die liebenswürdige Frau: „Die Renten sollten ein bisschen hochgehen.“ Und die Mieten seien teilweise zu teuer. Die Stadt kann nur im Fall der Mieten langfristig etwas ändern: mit Sozialwohnungsbau. Das empfiehlt der Armutsbericht.

Erika Grosam beobachtet oft, dass Rentner Flaschen sammeln und in den vollen Tüten beim Altkleider-Container wühlen. - Foto: Koller

Ivanichka Dimitrova-Balkanska geht mit zweien ihrer drei Kinder zum Einkaufen. Die kleine Tochter sitzt im Buggy, der dreijährige Sohn läuft nebenher. Die Familie lebt in der Isarstraße. Ihr Mann verdient als Lagerist 1800 Euro netto. „Das hat er schon 2017 bekommen, aber jetzt ist alles doppelt so teuer geworden“, sagt die 39-Jährige, die Winzerin ist, aber bei der Stadt und in einer Schule als Reinigungskraft tätig war.

Die Familie kommt nur mit Wohngeld über die Runden. „Das Nötigste haben wir“, sagt Dimitrova-Balkanska, aber für den Dreijährigen brauche sie dringend einen Kitaplatz. Diesen Herbst wird es klappen. „Es ist alles so teuer geworden.“ Als arm betrachtet sich die 39-Jährige nicht. „Es hängt davon ab, was ein Mensch von seinem Leben erwartet.“

"Jeder jammert heute, weil alles so teuer geworden ist und der Lohn nicht mitgestiegen ist", stellt Karl-Heinz Baumgartner fest. - Foto: Koller

Im Regensburger Sozialindex von 2023 ist die Isarstraße in zwei Gebiete eingeteilt, den Westen bis zur Höhe Höllbachstraße und den Osten, der an den Gewerbepark angrenzt. Beide Abschnitte rangieren bei den sozialen Problemen weit über dem Mittelwert aller Stadtteile. Der Stadtnorden sei überdurchschnittlich von Armut betroffen, bilanziert der Armutsbericht. Viele Probleme plagen besonders den Osten der Isarstraße: eine hohe Arbeitslosenquote, die schon laut Sozialindex 2023 neun Prozent erreichte (westliche Isarstraße 3,3 Prozent), zwölf Prozent Bürgergeldbezieher (Westen sechs Prozent). Der Anteil der Alleinerziehenden an den Familien liegt bei bis zu 20 Prozent. Mehr als ein Viertel der Bewohner sind Geflüchtete, deren Armutsrisiko auch mit Abitur hoch ist. Dass die Hälfte der Bewohner in der östlichen Isarstraße Rentner sind, trägt zum Armuts-Hotspot bei, denn vor allem die durchschnittliche Regensburger Frauenrente ist mit 900 Euro bescheiden.

Blick auf die Notunterkunft

Doch im Quartier wohnt auch viel Mittelschicht. Karl-Heinz Baumgartner führt sein Hündchen Bella spazieren. Der 52-jährige Postbote verortet sein Umfeld eher in der Mittelschicht. „Jeder jammert heute, weil das ganze Zeug so teuer geworden und der Lohn nicht mitgestiegen ist.“ Manfred Hofmann aus der benachbarten Loisachstraße unterhält sich an der Haustüre. „Die Mieter sind keine Geldigen, aber auch keine Armen“, sagt der Postpensionist (85). „Von der Verkäuferin bis zum Fabrikarbeiter und auch Produktionsmitarbeiter von BMW.“

Hochhäuser und Wohnblocks prägen die Isarstraße. In dem Flachbau hat bis vor rund zwei Jahren Edeka Offenbeck verkauft. - Foto: Koller

Wirklich arm sind in seinen Augen die Menschen in der Notwohnanlage Aussiger Straße. Genauso sieht das Irma Stephan, die an der Isarstraße auf den Bus wartet. Die 75-Jährige kennt aber durchaus die Altersarmut in der Gegend.