Freiwillige Feuerwehr Cham: In drei Minuten im Einsatz bei immer mehr Alarmen pro Jahr

Wer bei einem Einsatz fünf Minuten zur Chamer Feuerwache braucht, der kann allenfalls noch die Türen hinter den ausrückenden Einheiten schließen. Das erste Auto ist nämlich schon nach drei Minuten raus. So mancher Bürger der Stadt hat der Schlagkraft seiner Wehr viel zu verdanken. Und der Job im Ehrenamt wird nicht leichter. Seit drei Jahren haben sie Chamer die 300er-Marke bei den Einsätzen durchschlagen.
Bei 308 Einsätzen im Jahr 2024 wurden die 60 Einsatzkräfte der Chamer Wehr 242 Mal jeweils über den Meldeempfänger durch die Leitstelle alarmiert. Dabei hat es unter anderem 79 Mal gebrannt, 174 technische Hilfeleistungen waren dabei, 16 Einsätze mit ABC-Gefahrstoffen und 23 Sicherheitswachen. Eine zusätzliche Erschwernis bilden die 48 Fehlalarme, die in der Statistik enthalten sind.
Starke Psyche ist von Vorteil
Kommandant Markus Reittinger und sein Stellvertreter Franz Engl könnten mit ihren Berichten über solche Fälle Bücher füllen. Zum Beispiel von einer Firma im Gewerbegebiet, bei der es regelmäßig Fehlalarme der Brandmeldeanlage gab. Unter anderem wurde mehrfach mit einem Dampfstrahler in der Nachbarschaft von Rauchmeldern gearbeitet. Erst eine Rücksprache mit dem Firmenchef beendete das Problem, erzählt Reittinger.
Von großem Vorteil ist auch eine starke Psyche. 14 Personen hat die Chamer Feuerwehr im letzten Jahr gerettet. Bei zwei Einsätzen wurden Menschen tot geborgen. Drei Mal drohten Personen sich durch einen Sprung in die Tiefe umzubringen und wurden gerettet. Bei Türöffnungen im Auftrag der Polizei wurden vier Personen hilflos aufgefunden. Für fünf Personen kam jede Hilfe zu spät. Sie waren tot.
Harte Momente für die Einsatzkräfte
„Das sind schon harte Momente“, sagt 2. Kommandant Engl. Die modernen Türen sind oft extrem dicht. Die Feuerwehr stößt dann auf Leichen, die schon länger im Zimmer liegen. Auch die Bergung einer Wasserleiche war nichts für schwache Nerven. „Da hat man allerdings die Möglichkeit, zu entscheiden, welchen Kameraden man vorausschickt“, sagt Kommandant Reittinger. „Es ist aber mindestens genauso wichtig, dass man hernach schaut, wie der dann schaut, und er notfalls Hilfe bekommt.“
Auch der Einblick in die Umstände, in denen alte Menschen oft leben, reicht von gewöhnungsbedürftig bis überraschend. So stieß die Feuerwehr bei einer Wohnungsöffnung zunächst auf eine Tür, die innen mit etlichen Riegeln gesichert war, und mit dem Rettungsspreizer aufgebrochen werden musste. In der dunklen Wohnung waren überall Bücherstapel aufgetürmt und Stühle in den Weg gestellt, vermutlich als Vorwarnung, falls jemand eindringen sollte. Alle zehn Türen in der Wohnung waren verschlossen, die Schlüssel unauffindbar...
Sieben Verletzte im Einsatz
Die Arbeit der Feuerwehr belastet nicht nur die Psyche, sie fordert auch körperlich. Im Einsatz wurden 2024 insgesamt sieben Feuerwehrleute verletzt. Beleidigungen, Bedrohungen und Körperverletzungen von Einsatzkräften kamen heuer nicht zur Anzeige. Das heißt allerdings nicht, dass nichts passiert ist. Viele haben sich diesbezüglich inzwischen ein dickes Fell zugelegt, wenn sie die Straßen absperren müssen: „Da kommt es oft zu heftigen Diskussionen“, sagt Reittinger.
Jüngstes Beispiel: Während die Feuerwehr an der Eni-Tankstelle im Einsatz war, weil dort ein Rumäne eine halb verweste tote Sau im Kofferraum transportiert hatte, durchquerte ein Skoda-Fahrer die Pylonen der abgesperrten Nebenstraße, fuhr über die Gegenfahrbahn an einem Einsatzfahrzeug mit Baulicht vorbei. Als Höhepunkt rumpelte über einen Trinkwasserschlauch, dessen Beschichtung er dadurch zerstörte. Auf Befragen durch die Polizei erklärte er, er müsse dringend zur Metzgerei und habe eine bessere Absperrung erwartet. Die Anzeige ist raus.
Wasser aus dem Schlüsselloch
Ein Fall, den die Feuerwehr nur zu gut kennt. „Wir werden ständig in Diskussionen mit Autofahrern verwickelt, die nicht wahrhaben wollen, dass ihre Strecke gesperrt ist. Die sind dann durchaus ungehalten“, sagt Reittinger.
Auch das Klima macht der Feuerwehr immer wieder zu schaffen. Drei Mal rückte sie zu Sturmschäden aus und war bei Unwetterschäden im Einsatz. In Janahof hatte es einmal so sehr geregnet, dass Keller vollliefen. „Ein Hausbesitzer hat mir dort unten eine Tür gezeigt, als deren Schlüsselloch das Wasser spritzte. Der Klo war über den Kanal bis zur Decke vollgelaufen. Da haben wir erst einmal den Rückzug angetreten“, schildert Reittinger.
Eine neue Feuerwache
Ein weiteres Problem ist die oft gut gemeinte, aber manchmal schlecht durchdachte Technisierung. Die Feuerwehr wird immer wieder über sogenannte „E-Calls“ aus den Autos alarmiert. Vielfach hat der Besitzer nach einem Kleinunfall aber das Fahrzeug verlassen und hört die Anfrage nicht. Dann kommt die Feuerwehr. „So ein Alarm müsste mit dem Belastungssensor des Fahrersitzes verbunden werden. Wenn der ausgestiegen ist, braucht es keinen Alarm mehr“, sagt Engl. Jüngster Fall eines Fehlalarms: Der Fahrer hatte das Handy am Autodach vergessen. Als es auf der Straße aufschlug, löste es Alarm aus, weil der Besitzer angeblich einen schweren Sturz hatte...
14 Fahrzeuge und spezielle Ausrüstung für alle Notfälle hat die FFW Cham auf drei Feuerwachen im Umkreis von 500 Metern um ihre Einsatzzentrale verteilt. Damit sie auch künftig ihren Aufgaben gewachsen ist, wird die Stadt Cham bis zu Ende des Jahrzehnts Millionen investieren in eine neue Feuerwache. Wenn dann noch ein paar Einsatzkräfte mit starker Psyche nachwachsen würden...
