Umstrittenes Industriegebiet in Regensburg: Naturschützer wollen gegen Erweiterung klagen

Die Schlämmteiche der ehemaligen Zuckerfabrik sind ein hart umkämpftes Stückchen Land. Geht es nach Bauträger Ferdinand Schmack, entstehen im Osten Regensburgs zwei weitere Logistikhallen. Für Naturschützer Raimund Schoberer ein Frevel – gegen den er notfalls klagen will. Schmack stöhnt, als er vom erneuten Vorstoß Schoberers erfährt. Die Kritik hält er für „einfach nicht berechtigt“.
Schoberer, Vorsitzender der Regensburger Kreisgruppe des Bund Naturschutz (BN), bezeichnet das Areal, auf dem einst Rübenwasser reingewaschen wurde und heute das Logistikzentrum Lago A3 prominente Mieter wie Continental oder Krones beherbergt, als „Vogel- und Amphibienparadies“. Der BN fordert die Stadt auf, die weit gediehenen Pläne zur Erweiterung des Industriegebiets zu stoppen und „das Areal mit seiner Artenvielfalt und Klimafunktion dauerhaft vor Bebauung und Zerstörung zu schützen“.
21 Seiten voller Kritik an Erweiterung von Industriegebiet Lago A3
Wie lange Schoberer schon für den Erhalt der Schlämmteiche kämpft, weiß er gar nicht mehr genau. „Mehr als zehn Jahre bestimmt“, sagt er. Ferdinand Schmack, Geschäftsführer der 2010 gegründeten Lago A3 GmbH, kann sein Vorhaben zeitlich besser verorten: „Wir planen immer noch zwei weitere Logistikhallen, wie bereits seit 14 Jahren“, sagte er Ende September zur MZ, als der Stadtrat den für die Erweiterung des Industriegebiets „Südlich der Kremser Straße“ notwendigen Bebauungsplanentwurf in die finale öffentliche Auslegung geschickt hatte. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) sprach damals von einem „super Ergebnis, das die Verwaltung da erzielt hat in diesem nicht einfachen Bebauungsplanverfahren“. Die Verwaltung lobte, dass die ehemaligen Teiche nördlich der Kremser Straße nicht gewerblich genutzt werden sollen. Auch seien im Vergleich zum Vorentwurf zusätzliche ökologische Ausgleichsflächen dazugekommen.
Bis Ende November hatten nun Bürger die Möglichkeit, die umstrittenen Pläne einzusehen und sich dazu zu äußern. Das hat auch der Anwalt der Regensburger BN-Kreisgruppe getan – und auf 21 Seiten Kritik am Vorhaben niedergeschrieben.
Im Kern geht es den Naturschützern um so ziemlich alles an der Planung. Sowohl für den Umwelt-, Natur- und Artenschutz als auch für die Bewohner von Irl entstünden durch das Projekt „erhebliche und dauerhafte und nicht kompensierbare“ Nachteile, schreibt der BN im Fazit seiner Stellungnahme (liegt der MZ vor). Auch Verstöße gegen EU-Verordnungen und „unzulässige“ Verlagerungen von Ausgleichsflächen führt der BN ins Feld.
Demonstration am Donnerstag in Regensburg
„Das Heft des Handelns liegt jetzt bei der Verwaltung“, sagt Schoberer. Ob und inwiefern sich die Einwände des BN, denen sich auch der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) angeschlossen hat, im Beschlussvorschlag für den Stadtrat niederschlagen werden, vermag Schoberer nicht zu sagen. „Die Verwaltung kann zur Erkenntnis kommen, dass der Investor nachbessern muss – oder auch nicht.“
Um der Kritik Nachdruck zu verleihen, hat die Regensburger BN-Kreisgruppe für Donnerstagnachmittag um 16.30 Uhr eine Demonstration vor der Ostdeutschen Galerie angemeldet. Dort wird eine Petition ausliegen. Darin fordern die Naturschützer den Stopp des Bebauungsplans und der damit einhergehenden Änderung im Flächennutzungsplan sowie einen dauerhaften Schutz der ehemaligen Schlämmteiche vor Bebauung und „Zerstörung“. Die Unterschriften will der BN dem Stadtrat vorlegen.
Doch schon jetzt sagt Schoberer: „Es sieht so aus, als müssten wir das vor Gericht durchsetzen.“ Heißt: Der BN wird den Bebauungsplan auf seine Rechtmäßigkeit hin prüfen lassen – schließlich handle es sich um ein „nachgewiesen ökologisch wertvolles Areal“. Der BN-Chef kritisiert auch die Grundsatzentscheidung, auf den ehemaligen Schlämmteichen bauen zu lassen: „Die Stadt ist im Osten von Regensburg Großgrundbesitzerin. Es ist nicht einsichtig, warum man genau im ökologisch wertvollsten Bereich mit dem Gewerbebau beginnt.“
Ferdinand Schmack kann mit der Kritik des BN nichts anfangen. Die vom BN als besonders wertvoll betrachteten Flächen müssten künstlich bewässert werden, um nicht auszutrocknen, sagt Schmack.
Industriegebiet Lago A3 im Regensburger Osten: „Sind nicht im Zoo“
„Wir sind in der Natur und nicht im Zoo“, schiebt er hinterher. Der Bebauungsplan erfülle die „umfangreichen“ Ausgleichs- und Ersatzflächenforderungen vollständig und „nach allen Regeln der Kunst“. Schmack verweist auf einen „extrem hohen“ Grünflächenanteil von 38 Prozent. „Besser geht es nicht für so ein großes Vorhaben“, fasst er zusammen. Die Zustimmung der Stadträte habe das gezeigt. CSU, SPD und Brücke votierten im September für den Bebauungsplanentwurf, Grüne, ÖDP und BSW dagegen. „Dass der BN gegen das Projekt ist, verstehe ich. In der Hand hat es aber der Stadtrat. Ich erwarte weiterhin eine Zustimmung.“
Bevor sich die Stadträte mit dem Bebauungsplan befassen, müssen rund 20 Stellungnahmen geprüft werden, die während der Auslegung abgegeben worden sind. „Unter Vorbehalt dieser Prüfung ist ein Satzungsbeschluss Mitte des 1. Quartals 2025 geplant“, sagt Katrin Holzgartner von der städtischen Pressestelle. Schmack geht davon aus, im Frühling mit der Straßenerschließung beginnen zu können. Die beiden Hallen sollen zwischen 2026 und 2028 entstehen.