Warum auf der Donauinsel bei Mariaort ein „Märchen“ passiert ist

Von Jonas Raab · 18. Oktober 2024 um 19:00

Ist das ein Märchen oder nicht? „Wir haben diskutiert“, gesteht Raimund Schoberer, als er am Freitag auf der Donauinsel bei Mariaort steht. In der Hand hält Regensburgs bekannter Naturschützer ein Buch. Es ist mit „Märchen“ überschrieben und widmet sich dem, was die Kreisgruppe des Bund Naturschutz (BN) auf der Insel verwirklicht hat: ein kleines Paradies der Artenvielfalt. „Der Titel passt“, befindet Schoberer bei der Vorstellung des Buches.

Die Donau ist in Bayern alles andere als natürlich. Sie ist Wasser-Autobahn. Freifließende Abschnitte lassen sich heute an einer Hand abzählen: Lediglich in der Weltenburger Enge, im Abschnitt zwischen Straubing und Vilshofen sowie in der Regensburger Altstadt sind sie zu finden.

„Nicht kämpfen, zahlen“

(Noch) nicht ganz natürlich, dank BN aber immer mehr: die kleine Insel bei Mariaort. Sie wurde beim Donauausbau um 1970 herum nicht wie damals üblich „aufgelöst“, aber naturfern gestaltet. Heißt: erhöht, begradigt und planiert.

Die Regensburger BN-Kreisgruppe setzt sich seit mehr als einem Jahrzehnt dafür ein, die Donauinsel Stück für Stück der Natur zurückzugeben. Die Freiwilligen kauften dazu Privatgrundstücke, die landwirtschaftlich genutzt wurden, auf und gestalteten sie um. Vier von insgesamt zehn Grundstücken gehören mittlerweile dem BN. Ob er dafür kämpfen musste, will eine Frau von Schoberer bei der Buchvorstellung wissen. „Nicht kämpfen, zahlen“, erwidert der lachend. Ohne die vielen Spender wäre das nicht möglich gewesen, sagt Schoberer. „Aber auch die Behörden, das Landratsamt, die Gemeinde Pettendorf und das Wasserwirtschaftsamt, haben uns unterstützt“, freut er sich.

Für das Umweltprojekt wurde die Regensburger BN-Kreisgruppe doppelt ausgezeichnet. 2020 setzten sich die Umweltschützer beim Bayerischen Biodiversitätspreis gegen 70 Mitbewerber durch; diesen Sommer folgte der internationale Stiftungspreis „Naturerbe Donau“.

„Faszinierend, wie viele Farben es auf Wiesen geben könnte“

Im Nieselregen führte Albrecht Muscholl-Silberhorn, der stellvertretende Kreisvorstand, am Freitag über die Insel und erklärte, was der BN mit seinen Flächen genau angestellt hat: Boden abgetragen, um Feuchtwiesen entstehen zu lassen, Hügel als Trockenstandorte aufgeschüttet und wassernahe Bereiche als Naturzonen gestaltet. „Das ist im Frühling ein einziges Blütenmeer. Es ist faszinierend, wie viele Farben es auf Wiesen geben könnte“, sagt der Biologe.

650 Tier- und Pflanzenarten hat Muscholl-Silberhorn auf den renaturierten Flächen schon gefunden, bestimmt und fotografiert. „Im Buch sind ganz viele Tiere und Pflanzen zu sehen. Alle Bilder sind von der Insel“, verspricht Schoberer. Zu lesen gibt es Wissenswertes über die Donau, wie das Projekt Donauinsel 2011 „wegen lauter Mais“ entstanden ist, wie die einzelnen Renaturierungen abliefen und welch Artenreichtum seitdem auf der Insel herrscht.

„Das Beste draus gemacht“

Schoberer ist stolz auf das, was der BN bei Mariaort geschafft hat. „Wir haben das Beste draus gemacht.“ Auserzählt ist das Märchen von der Donauinsel noch lange nicht. Ziel der Naturschützer ist es, „mittelfristig“ alle Privatgrundstücke zu kaufen. Der nächste Erwerb ist schon in Arbeit – laut Buch aber „tricky“.

Sichtlich stolz präsentiert die BN-Kreisspitze um Raimund Schoberer (Mitte) die Preise, die sie für das Projekt bekommen hat.