Folgen der Krankenhausreform für Neumarkt: Ambulante OPs, ein Neubau und überlastete Praxen

Von Eva Gaupp · 21. November 2024 um 19:00

Am 22. November entscheidet sich im Bundesrat, ob die Krankenhausreform gekippt wird. Das Neumarkter Klinikum befindet sich längst mitten in dem von der Politik geforderten Reformprozess. Immer mehr Operationen erfolgen ambulant. Auffangen müssen das die eh schon übervollen Praxen der Fachärzte und die Wartezeiten für Patienten werden länger und länger.

Herzschrittmacher und Stent ambulant

Wer sich früher ein Schlüsselbein gebrochen hatte, einen Herzschrittmacher oder einen Stent in einem Herzkranzgefäß bekam, blieb nach dem Eingriff im Krankenhaus. Heute werden diese Patienten noch am Tag der Operation entlassen, wenn es ihr gesundheitlicher Zustand zulässt. „Der medizinische Fortschritt macht das möglich“, sagt der Generalbevollmächtigte des Klinikums Neumarkt, Xaver Frauenknecht.

„Laut unserer Analyse haben wir jetzt noch rund 2000 stationäre Patienten, die wir in den nächsten drei Jahren ambulant behandeln müssen.“ Xaver Frauenknecht, Generalbevollmächtigter

Im laufenden Jahr habe das Klinikum schon 600 Fälle ambulant operiert, die im Vorjahr noch stationär versorgt worden seien. „Laut unserer Analyse haben wir jetzt noch rund 2000 stationäre Patienten, die wir in den nächsten drei Jahren ambulant behandeln müssen.“

Um Kosten zu sparen, ist die Vorgabe des Gesetzgebers eindeutig: Wer definierte Leistungen weiter stationär statt ambulant abrechnet, bekommt kein Geld mehr dafür – außer besondere Umstände machen dies notwendig. Denn stets würden „Kontextfaktoren“ wie Alter, Pflegestufe und Versorgungssituation zu Hause betrachtet, unterstreicht Vorstand Markus Graf.

Wer versorgt Patienten im Landkreis Neumarkt nach einer OP?

Ab 2025 sollen weitere Eingriffe ambulant erfolgen. Dazu gehören laut Graf die Entfernung von Harnleitersteinen, oder eines Eierstocks. Doch diese Patienten brauchen eine ambulante Nachsorge. „Das ist genau unsere Herausforderung, diese Nachsorge- und Vorsorgestrukturen neu aufzustellen“, sagt Frauenknecht.

Das passiere über die Quartiersbüros, von denen das erste in Freystadt eröffnet wurde. Zwei weitere folgen in Neumarkt und Parsberg. Außerdem sei geplant, einen speziellen Pflegedienst für die Wundversorgung aufzubauen, und das Klinikum setze sich dafür ein, eine ambulante Reha im Landkreis Neumarkt zu etablieren. Doch das Wichtigste ist die enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Praxen. „Und die Wartezeiten bei Fachärzten sind bekannt...“

Praxen im Raum Neumarkt können Zahl der Patienten kaum bewältigen

Zu Frauenknechts Andeutung sagt der Neumarkter Orthopäde Wolfgang Bärtl klipp und klar: „Die Praxen arbeiten schon jetzt am Limit“. Aus Personalmangel und wirtschaftlichen Gründen könnten sie nicht noch mehr Patienten pro Tag behandeln. „Das führt zu Wartezeiten, über die sich die Patienten zurecht beklagen.“

Der Vorsitzende des Bayerischen Fachärzteverbands verweist aber auch auf eine nicht unerhebliche Anzahl Patienten, die Termine nicht wahrnehmen und auch nicht absagen. Das betreffe vor allem online vereinbaret Termine.

Die Ambulantisierung funktioniere nur, wenn der Patient nach einer Operation im Krankenhaus einen Haus- oder Facharzt finde, der die Nachsorge übernimmt. „Und ist das geregelt?“, fragt Bärtl, um die Antwort gleich selbst zu geben: „Nein. Bundesgesundheitsminister Karl Lauerbach denke die Reform nur von der Klinikseite aus.

Und im Landkreis Neumarkt verschärft sich laut Bärtl die Situation zusätzlich, weil neun Hausärzte fehlten. Deshalb suchten die Patienten primär Hilfe bei niedergelassenen Fachärzten. Doch deren Budgets seien gedeckelt. Egal, wie viele Patienten eine Praxis behandelt, sie verdient nicht mehr als der Gesetzgeber zulässt. „Das heißt, der Gast bestellt 100 Schnitzel und bezahlt 80“, sagt der Mediziner.

Wenn die niedergelassenen Praxen noch mehr Patienten aufnehmen müssten, werde das Folgen haben: eine qualitativ schlechtere Behandlung, noch längere Wartezeiten und weitere Wege. „Und es wird den einen oder anderen gesundheitlichen Kollateralschaden geben, den die Politik dann zu verantworten hat.“

Politik gibt strenge Kriterien für Leistungsgruppen vor

Abgesehen von der Ambulantisierung setzt die Reform von Karl Lauterbach auf eine Zentralisierung von Leistungen. Dafür wurden Kriterien aufgestellt, die ein Krankenhaus erfüllen muss, um bestimmte Behandlungen künftig noch anbieten zu dürfen.

Xaver Frauenknecht nennt dafür ein Beispiel: Für die Onkologie müsse ein Krankenhaus künftig die Allgemeinchirurgie, die Innere Medizin, die Intensivmedizin und komplexe Qualitätsanforderungen vorweisen, dazu kämen weitere Auswahlkriterien plus die Vorhaltung eines MRT oder CT rund um die Uhr. „Das kann ein kleines Krankenhaus nicht“, sagt Frauenknecht.

Hinzu kämen fachärztliche Vorgaben: Bei jeder Leistungsgruppe brauche es beispielsweise rund um die Uhr einen Rufbereitschaftsdienst. Dafür sind laut Frauenknecht wenigstens drei Fachärzte, am besten vier, notwendig. Und der jetzige Gesetzesentwurf sehe vor, dass ein Krankenhaus Leistungen nicht mehr abrechnen dürfe, sobald diese vorgeschriebenen drei Fachärzte vier Wochen lang nicht vorgehalten werden können. „Ich glaube aber nicht, dass das so bleibt, denn dann kann man die Schwerpunktkrankenhäuser kaum mehr betreiben.“

Welche Leistungen darf Neumarkt er Klinikum noch anbieten?

Welche Fachabteilungen mit welchen Leistungsgruppen das Klinikum Neumarkt künftig anbieten darf, wird sich im April herausstellen – wenn die Reform nicht gekippt wird. Die Entscheidung treffen die Bundesländer. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen überprüft, ob die Kliniken die Kriterien erfüllen.

Im September hat das Neumarkter Klinikum bereits eine Wunschliste nach München gemeldet. Welche medizinischen Leistungen sie enthält, sei geheim, sagt Frauenknecht. Aber er verrät, dass beispielsweise die Pneumologie, also die Fachabteilung für Lungenkrankheiten, drauf steht. Diese war zum 1. Juli neu gestartet, und dafür seien drei neue Fachärzte eingestellt worden. Die Nachfrage an Patienten stimme ebenfalls und andere Abteilungen für Pneumologie gebe es nur in Nürnberg und Regensburg.

Leistungen, für die das Klinikum die Kriterien nicht alleine erfüllen kann, wären in Kooperation mit Krankenhäusern in der Regien denkbar. Zwar hat Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach „Regionale Dialoge“ angekündigt und die Bundesländer sollen in eine Art Quartierszonen eingeteilt werden, die für die Zukunftsplanung als Grundlage dienen. Doch dazu ist noch nichts Konkretes bekannt.

Kinderklinik: Landkreis Neumarkt setzt auf Kooperationen

Deshalb ergreift Landrat Willibald Gailler die Initiative, wie Pressesprecher Michael Gottschalk erklärt: Er führe derzeit Gespräche mit allen Landräten benachbarter Landkreise.

Dabei gehe es darum, in welchen medizinischen Bereichen eventuell eine Kooperation möglich wäre. Grundsätzlich ist Gottschalk optimistisch, dass das Klinikum Neumarkt die meisten Anforderungen aus eigener Kraft anbieten können wird. Aber für die Kinderstation wäre beispielsweise auch in Zukunft eine Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg notwendig. „Wir hoffen, dass die Zusammenarbeit mit Nürnberg so weitergehen kann.“

Schmerzklinik und Strahlentherapie sind keine eigene Leistungsgruppen – „aber beide haben wichtige Querschnittsaufgaben für die anderen Leistungsgruppen“, sagt Gottschalk. Deshalb werde darin schon jetzt investiert. „Die Strahlenabteilung ist für ein Haus mit unserem Leistungsspektrum auf jeden Fall nötig.“

Da die Kooperation mit Frank Muckelbauer nicht mehr zustande gekommen ist, sei der Aufbau einer eigenen Abteilung notwendig – auch wenn diese sich nicht rechnet. Das könne aber auf mehrere Querschnittsbereiche zutreffen, erklärt Gottschalk. Auch eine Palliativstation werde für sich allein nicht finanzierbar sein. Aber das Gesamtleistungsspektrum werde dadurch ermöglicht – und damit sei eine Leistung in Summe wieder finanziell darstellbar.

Klinikum muss Geld für Investitionen erwirtschaften

Wer die Kosten für den neuen Linearbeschleuniger für die Strahlentherapie im Klinikum übernimmt, sei zwar noch offen, sagt Gottschalk. Es sei aber nicht vorgesehen, dass der Landkreis die rund 3,5 Millionen Euro übernehme.

„Unser Anspruch ist, dass die Investitionen, die getätigt werden, auch vom Klinikum erwirtschaftet werden.“ Das sei in der Vergangenheit immer der richtige Weg gewesen. „Und auch erfolgreich“, wie Gottschalk ergänzt. Bis auf die vergangenen Jahre, als es aufgrund der strukturell schwierigen Situation nicht mehr möglich gewesen sei, einen Überschuss zu erwirtschaften. Das vergleichsweise „sehr überschaubare“ Defizit spreche aber für die Leistungen, die im Klinikum von allen Gruppen erbracht würden.

Neumarkter Klinikum sieht sich gut aufgestellt und investiert

Auch wenn viele Fragen noch nicht geklärt sind – was man laut Frauenknecht jetzt schon sagen kann: „Wir werden ein Notfallkrankenhaus bleiben und wir werden ein breites Basisspektrum erhalten.“ Offen sei jedoch, welche Spezialisierungen in der Behandlung möglich sein werden.

Ein großer Vorteil sei, dass sich das Klinikum am Standort entwickeln könne, um die neuen Prozesse abzubilden. In Coburg und Augsburg zum Beispiel müssten komplett neue Häuser errichtet werden.

Gute Voraussetzungen in Neumarkt böten etwa das Donauer Zentrum mit dem ambulanten OP sowie der Gesundheitscampus in Parsberg, den Frauenknecht ein „Modellprojekt, auf das man in Bayern schaut“, nennt.

Das Zukunftsprogramm „29+X“ soll das Klinikum weiter auf diesem Weg voranbringen: Im Sommer wird der Verwaltungsbau am Klägerweg in Neumarkt abgerissen, die Verwaltung zieht dann in die inzwischen leerstehende Schule um, die im Frühjahr durch einen Anbau erweitert wird. Ab Oktober soll mit dem nächsten großen Neubau begonnen werden, kündigt der Leiter der Allgemeinen Verwaltung, Oliver Schwindl, an.

Insgesamt sei ein neunstelliger Betrag für das Zukunftsprogramm geplant, sagt Schwindl. Allein der erste Bauabschnitt verschlinge fast 60 Millionen Euro und dauere rund 2,5 Jahre. Trotzdem warnt Xaver Frauenknecht davor, sich in Sicherheit zu wiegen: „Man sollte nicht glauben, dass man sich in einer komfortablen Situation befindet“ und fügt an: „Vieles gleicht noch einem Blick in die Glaskugel.“

Die Unionsgeführten Länder wollen im Bundesrat erneut einen Antrag stellen, die Reform in den Vermittlungsausschuss zu geben. Ruft der Bundesrat den Vermittlungsausschuss an, müsste der Bundestag die Länderkammer mit absoluter Mehrheit überstimmen. Nach dem Bruch der Ampelkoalition hätte die rot-grüne Minderheitsregierung dazu aber nicht genügend Stimmen.