„Sonderfall“ in Regensburg: Gericht beendet Therapie für Vorzeigepatienten

Von André Baumgarten · 7. November 2024 um 09:00

Der letzter Mann (35) der berüchtigten Westhafen-Connection, einer Drogenbande, die Hunderte Kilo Gras, Kokain und Heroin in Regensburg verkaufte, muss nun doch seine Haftstrafe absitzen.

Gut eineinhalb Jahre macht Dritan P. (Name geändert) eine Drogenentzugstherapie. Mit großem Erfolg. Er gilt als Vorzeigepatient, der sich seiner Sucht stellt, gar den Schulabschluss nachholt und Deutschkurse absolviert. Und dennoch endete seine Zeit im Bezirksklinikum gestern abrupt – mit einer Entscheidung des Landgerichts, das die Maßregel gegen den erklärten Willen nicht erneut verhängte. Zuvor hatte der Bundesgerichtshof in dem Fall das Urteil einer anderen Regensburger Strafkammer aufgehoben.

Der Mann, der gestern neben seinen Verteidigern Dr. Florian Münch und Prabhlin Sidhu auf der Anklagebank Platz genommen hatte, wirkte ernüchtert. „Mir wurde die Chance gegeben und ich habe sie genutzt“, erklärte der 35-Jährige. Er habe für sich selbst entschieden, von Drogen loskommen zu wollen. Sein großes Ziel sei ein Leben ohne Drogen, dem er auch aus Sicht seiner Anwälte so nahe wie nie wäre. Seinen Wunsch, „die Therapie nun zu Ende bringen zu dürfen“, den der Angeklagte im letzten Wort an das Gericht richtete, erfüllte die fünfte Strafkammer nicht.

Der letzte Mann der Westhafen-Connection

Auch, weil der Mann einst nur nach Deutschland gekommen war, um „hier schwerste Straftaten zu begehen“, wie es die Staatsanwältin formulierte. Denn der 35-Jährige ist der letzte Mann der Westhafen-Connection, eine Bande um Drogen-Pate Fiqret D., die Hunderte Kilo Gras, Kokain und Heroin nach Regensburg brachte. Sieben Männer wurden dafür 2019 zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Der Pate selbst zu 12,5 , seine rechte Hand zu neuneinhalb Jahren. Dritan P. war da längst abgetaucht. Ihn fassten Regensburger Ermittler vor gut zwei Jahren dann in Italien.

Drogen-Pate sagte überraschend selbst aus

Im April 2023 hatte das Landgericht den heute 35-Jährigen dann zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Er hatte im Prozess zunächst eisern geschwiegen – erst als sein Ex-Boss als Zeuge vor Gericht erschien und zur Überraschung aller aussagte, legte der Mann ein spätes Geständnis ab. Er wollte jedoch nur der „Türöffner“ im Drogenlager gewesen sein und mit Fiqret D. persönlich kaum etwas zu tun gehabt haben. Monate vor dem Zugriff der Ermittler sei er dann rausgeflogen, weil er sich zu oft an Drogen selbst bedient hatte. So schilderte es der Albaner vor der siebten Strafkammer. Die Richter ordneten damals eine Entzugstherapie an – und veranlassten, trotz Revision der Staatsanwaltschaft, die vorläufige Unterbringung im BKH.

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Genau gegen diese Maßregel gingen die Ankläger vor und wurden darin Anfang Februar vom Bundesgerichtshof bestätigt. Das Urteil wurde aufgehoben, weshalb es sieben Jahre nach der Razzia um die Westhaften-Connection zum neuen Prozess kam. Die Staatsanwältin wurde deutlich: Die Unterbringung des 35-Jährigen „entbehrt jeder Rechtsgrundlage.“ Er sei unberechtigt in Therapie gewesen. Aber ohne Lockerungen, was eine Erprobung im Alltag als wichtiges Rüstzeug für Abhängige verhindert hätte. Dr. Münch und Anwältin Sidhu argumentieren, dass P. „ein Sonderfall“ wäre, dem für Prüfungstermine sogar Ausgänge genehmigt worden seien. Trotz offener Reststrafe in Italien und drohender Ausweisung sähen sie gute Erfolgsaussichten.

Vorsitzender Richter Zenger: „Es tut mir leid“

Das Landgericht folgte den Argumenten nicht. Man sei an geltendes Recht gebunden, „an dem wir nicht vorbeientscheiden können“. So beachtlich die Therapieerfolge des 35-Jährigen seien, scheitere ein erfolgreicher Abschluss an den äußeren Umständen. Vor allem der Tatsache, dass er ausgewiesen werde. 2022 sei er nur zur Strafverfolgung aus Italien nach Regensburg geholt worden – „in Deutschland kennt er nur Gefängnis und BKH“. Der Vorsitzende Richter Thomas Zenger wandte sich dann direkt an den Albaner: „Mir persönlich gefällt diese Entscheidung heute nicht. Es tut mir leid und es ist schade, weil Sie sich sehr bemüht haben“. Umsonst seien die eineinhalb Jahre aber letztlich hoffentlich nicht gewesen.