Schmutzige Wäsche bei Continental: Betriebsratschef wollte Kündigungen unbedingt verhindern

Von Christian Eckl · 30. Juli 2024 um 06:00

Ein Magazin-Bericht über Stellenabbau sorgt für Kopfschütteln. Dabei wird behauptet, die Nachfolgerin des Gesamtbetriebsratschef Lorenz Pfau habe aus Wut über von ihm aufgehandelte Rahmenprogramme für den Stellenabbau hingeschmissen. Die Beteiligten dementieren – das steckt wirklich hinter dem Conti-Streit.

Der Konzern selbst gibt sich schmallippig. Ein Sprecher wollte die Geschichte, die zuerst im Manager Magazin stand, nicht kommentieren. Doch auch die Frage danach, wie weit eigentlich der geplante Stellenabbau in Regensburg und Ingolstadt bereits gediehen ist, wird nur knapp beantwortet. „Die im Rahmen unserer Transformationsmaßnahmen notwendigen Arbeitsplatzveränderungen schreiten gut voran“, teilte Konzernsprecher Sebastian Fillenberg mit. „Unser Ziel ist auch weiterhin, die notwendigen Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich umzusetzen“, so Fillenberg weiter. Neues beispielsweise zum Standort Regensburg „gibt es derzeit nicht“.

Streit gibt es jetzt um die vereinbarten Abfindungen. Allein an den Standorten Regensburg und Ingolstadt werden 575 Vollzeitstellen gestrichen. Etwa 350 davon sollen im Conti-Werk Regensburg vor allem in der Verwaltung abgebaut werden. In Ingolstadt geht es um 232 Arbeitsplätze – davon 119 in der Verwaltung und 113 in der Entwicklung. Bislang sind in Regensburg 4500 und in Ingolstadt 1800 Conti-Mitarbeiter beschäftigt. „Diese hohe Zahl erschreckt uns natürlich“ lautete im März die erste Reaktion des Betriebsrats, als die Zahlen genannt wurden. Und weiter: „Das Vorgehen des Unternehmens ist einfach unterirdisch.“

Betriebsrätin warf nicht hin

Dennoch verhandelte der Betriebsrat natürlich. Im Zentrum stand dabei Lorenz Pfau. Der 63-Jährige steht kurz vor der Pensionierung. Seit 2016 ist der studierte Physiker Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von Continental Automotive Technologies mit weltweit 100000 Mitarbeitern. Doch der Konzern, der zu 46 Prozent der Schaeffler-Gruppe gehört, steckt in einer tiefen Krise. Seit 2019 hat die Autosparte nicht mehr die Gewinnzone erreicht. 7000 Jobs sollen deshalb weltweit wegfallen, die Sparprogramme haben so harmlos klingende Namen wie „Accelerate“ und „Fred“. Es gibt noch weitere Programme. Beispielsweise soll für eine Sparte, in der Displays für Autos entwickelt werden, entweder ein Partner oder ein Käufer gefunden werden.

Für all diese Programme aber hat der Gesamtbetriebsrat unter Pfaus Regie einen Rahmenvertrag entworfen sowie einen Zukunftsvertrag, zum Teil sind diese auch bereits in trockenen Tüchern. Doch diese Vereinbarungen standen im Feuer der überregionalen Berichterstattung – zu Unrecht, wie nicht nur Pfau im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern beteuert. Auch der Sprecher des Gesamtbetriebsrats, Hannes Boekhoff, spricht offen über eine unschöne Indiskretion mit derart gestückelten Teilwahrheiten, dass am Ende ein völlig verzerrtes Bild herauskam.

Am schlimmsten aber hat es eine Frau getroffen, die laut dem Sprecher ausschließlich aus „persönlichen und sehr traurigen Gründen“ die Nachfolge von Pfau als Gesamtbetriebsratsvorsitzenden wieder niedergelegt hat. Carmen Löffler arbeitet am Standort Ingolstadt.

Löffler sollte eigentlich übernehmen, weil Pfau vergangenen Donnerstag offiziell bei einer Sitzung in Regensburg verabschiedet wurde.

Der Sprecher des Gesamtbetriebsrats sagt jedenfalls: „Die Entscheidung von Frau Löffler hat nichts, aber auch gar nichts mit den Verhandlungen zu tun.“ Wesentlich sei nämlich, dass es nun „hohe Hürden für betriebsbedingte Kündigungen“ geben würde. Am Wochenende wurde immerhin bekannt, dass der Autozulieferer ZF in Deutschland 14000 Stellen abbauen wird. Auch Bosch kündigte im Frühjahr an, tausende Arbeitsplätze abbauen zu müssen – die Transformation im Automobilsektor fordert bereits ihren Tribut.

Das sagt auch Pfau. „Die Gesamtlage in Europa ist für den Auto- und Zulieferermarkt extrem angespannt.“ Es sei auch unklar, „ob und wann sich dieser wieder erholen wird“. Pfau kritisierte durchaus auch Management-Entscheidungen.

„Wir würden uns wünschen, dass wir bei Conti technologieoffener über den Automotive-Bereich hinaus denken würden“. Conti sei ein Hochtechnologie-Unternehmen, „wir können auch in anderen Bereichen entwickeln“. Als Beispiel nennt der studierte Physiker, der seit zehn Jahren als freigestellter Betriebsrat arbeitet, den Bereich des Autonomen Fahrens im Sektor für Agrarroboter oder bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz im Mobilitätsbereich. Dem Vernehmen nach sind von den weltweit 7000 Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen sollen, ohnehin schon 85 Prozent weg. Damit wird immer deutlicher, dass Conti auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten kann. „Ich gehe davon aus, dass wir das hinbekommen, dass keine Kündigungen notwendig sind“, betonte Pfau. In der Kritik im Manager-Magazin stand beispielsweise die Deckelung der Abfindungen bei 170000 Euro für über 55-Jährige. Schon beim letzten Sozialplan im Jahr 2008 lag diese Summe bei 160000 Euro, nur sechs Prozent unter der aktuellen. Dabei habe die Preisteuerung seither bei 40 Prozent gelegen.

„So gut wie unkündbar“

„Fakt ist: Wer 55 Jahre alt ist und seit zehn Jahren bei Conti arbeitet, ist unkündbar“, so der scheidende Betriebsratschef. „Gleiches gilt mit 50 bei 15 Jahren Betriebszugehörigkeit.“ Damit würde diese Höchstgrenze für Abfindungen also ohnehin so gut wie nie erreicht.

Anm. d. Red: In einer ersten Version des Artikels stand, dass am Standort Ingolstadt 225 Arbeitsplätze in der Entwicklung abgebaut werden. Das trifft nicht zu, ein Teil davon entfällt auch auf Stellen in der Verwaltung. Wir haben dies geändert.