Bei Regensburger Großunternehmen sind weiterhin Hunderte Jobs im Feuer

Das Freiwilligenprogramm beim Autozulieferer Continental kommt nicht an – Chip-Hersteller Infineon und Lichtkonzern AMS Osram verhandeln hart mit Betriebsräten.
Der Regensburger Arbeitsmarkt gibt keinen Anlass zur Sorge. Zwar ist die Arbeitslosenquote im Juni leicht auf 4,1 Prozent geklettert und die drei Großunternehmen Continental, ams Osram und Infineon streichen vor Ort Hunderte Stellen. Viele andere Firmen aber suchen nach wie vor dringend Fachkräfte. „Bei Krones, BMW und bei Schneider Electric brummt der Laden und die Auftragsbücher sind voll“, nennt Rico Irmischer, Generalbevollmächtigter der IG Metall Regensburg, drei Beispiele. Jedes zweite Unternehmen in der Region kann laut Industrie- und Handelskammer Regensburg offene Stellen längerfristig nicht besetzen. Während sich jungen Fachleuten schnell Perspektiven eröffnen, dürfte ein Wechsel für Ältere schwierig sein.
• Conti schließt betriebsbedingte Kündigungen nicht aus
Bei Continental herrscht Unruhe. Viele Beschäftigte belastet es, dass alle paar Jahre Stellen abgebaut werden, so auch zurzeit. Conti will die Kosten in der Verwaltung reduzieren. Seit Ende Februar ist bekannt, dass in Regensburg 350 Mitarbeiter gehen sollen. Betroffen sind laut IG Metall unter anderem Verkauf, Einkauf, Personalabteilung, Marketing und Kommunikation. Wie viele Betroffene dem Freiwilligenprogramm zugestimmt haben und mit Abfindung gehen, verrät das Unternehmen nicht, Sebastian Fillenberg, Leiter Medien bei Continental Automotive in Frankfurt, sagt, das Ziel sei weiterhin, den notwendigen Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich durchzuführen, etwa durch das Freiwilligenprogramm.
Die IG Metall weiß aber inzwischen, dass dieses Programm nicht besonders gut läuft. „Deshalb steigt der Druck“, beobachtet Rico Irmischer. Betriebsratsvorsitzender Alexander Auburger sagt am Dienstag, dass der Konzern leider auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausschließe. Für die Woche ab 22. Juli ist eine Mitarbeiterinformation geplant. Auf Freiwilligenprogramme hat der Continental-Vorstand in den letzten Jahren immer wieder gesetzt. „Diejenigen, die freiwillig gehen wollten, haben es in den vergangenen Jahren gemacht“, meint deshalb Gewerkschafter Rico Irmischer. „Conti könnte an vielen Stellen besser, schlanker und erfolgreicher werden, ohne Personal abzubauen.“ Dass die Arbeitsagentur an Infoständen im Werk über offene Stellen im Bereich Regensburg informiert hat, irritiert viele Beschäftigte besonders. Dem Vorstand kreidet Irmischer an, dass er keine Zukunftsvision habe, weder für den Standort mit 4500 Beschäftigten noch für den Konzern.
• Infineon baut ab, soll aber Innovationsstandort bleiben
Andre Tauber, Kommunikationschef von Infineon in Neubiberg bei München, versichert, der Halbleiter-Hersteller werde in Regensburg nicht betriebsbedingt entlassen. Von den im Mai angekündigten Streichungen ist eine mittlere dreistellige Zahl von Arbeitsplätzen betroffen, also 400 bis 600 von derzeit 3100. Fluktuation und Altersteilzeit werden genutzt. Den betroffenen Mitarbeitern würden „Angebote zur einvernehmlichen und freiwilligen Beendigung ihrer Arbeitsverhältnisse“ gemacht. Es laufen Gespräche mit dem Betriebsrat über einen Interessenausgleich. Der Chipkonzern will seine Wirtschaftlichkeit steigern. Tauber versichert: „Infineon Regensburg spielt weiterhin eine wichtige Rolle als Innovationsstandort.“ Es geht um die Entwicklung neuer Chips und Produktionsmethoden. Das Werk liefert etwa Halbleiter für Unterhaltungselektronik und Mobilfunk.
Nach Informationen von Gewerkschafter Rico Irmischer sollen große Teile der Regensburger Backend-Chipproduktion ins Ausland verlagert werden. Die Backend-Fertigung umfasst das Trennen der Wafer in die einzelnen Chips, die Montage und Verdrahtung sowie die Herstellung von Gehäusen und Anschlüssen, um die Mikrochips für die Integration in Systeme handhabbar und funktionsfähig zu machen. Irmischer sagt, Front- und Backend zusammen machten die Stärke des Standorts aus. Bei der Frontend-Fertigung werden die Mikrochips auf den Wafern erzeugt. Am heutigen Freitag überreichen IG Metall und Betriebsrat dem Vorstand in München Hunderte Postkarten der Belegschaft. Darauf wird der Konzern aufgefordert, die Pläne zu revidieren und ein Zukunftsmodell für den Standort zu entwickeln.
• Bei AMS Osram laufen Verhandlungen mit Betriebsrat
Bei AMS Osram in Regensburg und im malaysischen Kulim sollen rund 500 Arbeitsplätze wegfallen, weil ein Großauftrag für Micro-LEDS geplatzt ist. Die Mehrzahl wird in Asien gestrichen. Micro-LEDS sind kleine Leuchtdioden, die in Flachbildschirmen oder Smartwatches eingesetzt werden. Der Kunde könnte Apple gewesen sein, spekulierten Fachzeitschriften Ende April, als das Desaster bekannt wurde. Rico Irmischer von der IG Metall versichert am Dienstag: „Wir versuchen mit aller Macht, die Zahl der Betroffenen zu senken.“ In Regensburg scheint das schon gelungen zu sein. Insider hoffen, dass nicht mehr als 50 Jobs dem Rotstift zum Opfer fallen. Zunächst betroffene Mitarbeiter seien auf andere Stellen und Projekte verteilt worden. Allerdings bestehe immer noch Gefahr, dass sich die Zahl auf rund 100 erhöhe. „Wir haben noch keinen finalen Abschluss erreicht“, heißt es.
Volker Gieritz, Münchner Pressesprecher des Licht- und Sensorikspezialisten, bestätigt nur die intensiven Gespräche mit dem Betriebsrat. AMS Osram verfolge Optionen, um mit potenziellen Partnern die Micro-LED-Technologie für andere Anwendungen weiterzuentwickeln. In Regensburg werden innovative Technologien entwickelt und produziert, etwa miniaturisierte LEDs für neuartige Anwendungen bei Auto-Scheinwerfern, Nahinfrarot-Emitter für LiDAR (Methode zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung) zum Autonomen Fahren, LEDs für Gewächshausbeleuchtung und UV-C-LEDs für die Desinfektion.
So schätzt die IHK die wirtschaftliche Lage ein
Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim, erklärt den Stellenabbau mit unterschiedlich gearteten schwierigen Marktlagen. Weiterhin zeige sich, dass nationale Herausforderungen wie Energiekrise, Fachkräftemangel, Infrastrukturdefizite und Bürokratie auch den Standort Regensburg unter Druck setzen. Bei international tätigen Unternehmen wirke sich das umso stärker aus, weil sie global im Wettbewerb stehen. Laut Konjunkturprognose des ifo Instituts vom Juni arbeitet sich die Wirtschaft langsam aus der Krise.
