Katholische Kirche bringt umfassende Missbrauch-Studie für Bistum Regensburg auf den Weg

Von Christian Eckl · 22. Juni 2024 um 15:00

Der Vorsitzende der Unabhängigen Aufklärungskommission hat sich mit dem Bistum Regensburg verständigt. Nächste Woche soll Bischof Rudolf Voderholzer den Auftrag an einen unabhängigen Gutachter unterschreiben. Schon einmal wurde bei den Domspatzen ein Gutachten erstellt, das Abgründe der Institution Kirche und auch einzelner Verantwortungsträger an den Tag legte. Auch diesmal, sagt UAK-Vorsitzender Böhm, werde man ganz genau hinschauen.

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Das Leid Hunderter missbrauchter Kinder und Jugendlicher wird zumindest aufgeklärt. Wie der Vorsitzende der Unabhängigen Missbrauchskommission (UAK), Horst Böhm, der Mediengruppe Bayern bestätigte, soll kommende Woche ein Gutachten beauftragt werden, das umfassend über die Taten von Priestern und kirchlichen Mitarbeitern in den vergangenen Jahrzehnten berichten soll.

„Wir haben uns auf das Gutachten geeinigt und der Bischof will den Auftrag kommende Woche in der finalen Fassung unterschreiben“, sagte Böhm. Laut dem UAK-Vorsitzenden werde es sich um ein quantitatives Gutachten handeln, die Taten und die Opfer sexueller und körperlicher Gewalt also umfassend thematisieren. „Wer, was, wann, wo und wie es getan wurde und wer etwas davon gewusst hat wird darin ebenso beschrieben wie die Frage, welchen administrativen Umgang es mit Tätern, Taten und Opfern gab“, sagte Böhm.

Bereits zweites Gutachten

Das neue Gutachten ist nicht das erste im Bistum: Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber hatte 2017 ein umfassendes Gutachten über die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt. Auch dieses Gutachten wurde unabhängig erstellt. Es thematisierte beispielsweise auch die Rolle des verstorbenen Domkapellmeisters Georg Ratzinger. „Auch wenn körperliche Gewalt in seiner Anwesenheit verübt wurde, schritt R. nicht ein, um die betroffenen Schüler zu schützen“, schrieb Weber in seinem Gutachten. So hielt er es für unwahrscheinlich, dass Ratzinger nichts von den Missbrauchsfällen und beispielsweise der Gewalt an der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen mitbekam.

Wie wichtig ist eine solche umfassende Aufklärung für die Opfer, aber auch für die Kirche?

„Enorm“, sagt Hans Zollner. Der aus Kareth bei Lappersdorf (Lkr. Regensburg) stammende Theologe und Psychologe ist Fachmann des Vatikans für die Verhinderung von Missbrauch „Die Wahrheit wird Euch freimachen, heißt es so zutreffend in der Heiligen Schrift“, sagt Zollner. Aufklärung helfe dabei. „Für die von Missbrauch Betroffenen ist es wichtig, durch den Aufarbeitungsprozess wahr- und ernstgenommen sowie gehört zu werden“, so Zollner weiter. „Für die Kirche ist die Aufklärung ein wichtiger Schritt der Umkehr und der Reinigung.“ Derzeit läuft die Anti-Missbrauchs-Konferenz in der Päpstlichen Universität Gregoriana, an der Zollner lehrt. Es ist die Vierte. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin war zugegen und rief insbesondere zum Schutz von Menschen mit Behinderung vor Missbrauch auf.

Häufig kommt aus der Katholischen Kirche der Ruf, dass man nicht nur sie in den Fokus nehmen soll bei der Aufklärung. Die Entwicklungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland zeigen, dass dort noch Nachholbedarf ist. Doch wie sieht es mit staatlichen Institutionen aus?

Bei der Justiz, aber auch mit den Kommunen und ihren Kinderheimen fehlen solche Aufklärungsschritte bislang. „Alle, die von Missbrauch betroffen sind, haben ein Recht darauf, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt und damit auch ein Stück weit Gerechtigkeit geschaffen wird“, ist Zollner überzeugt. Es dürfe keine Opfer erster und zweiter Klasse geben. „Insofern ist es nur logisch, dass sich alle Institutionen ihrer womöglich existierenden Missbrauchsgeschichte stellen und Konsequenzen daraus ziehen sollten.“

„Wir wollen aufklären“, sagte Böhm nach seinem Gespräch im Bistum, das am Freitag stattfand. „Wir werden in diesem Gutachten aber noch keine Schlüsse ziehen.“ Das soll anschließend geschehen, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen. Laut Böhm gehöre es aber auch dazu, die Kontexte zu schildern, in denen die Missbräuche begangen wurden. Der Regensburger Bischof gilt nicht nur kirchenintern als absolut aufklärungswillig. So änderte er den Kurs des Bistums gegenüber seinem Vorgänger, Gerhard Ludwig Müller.

In dessen Zeit fiel die Einsetzung eines Priesters, Peter K., der bereits wegen einer Sexualstraftat verurteilt, dann aber zum Pfarrer von Riekofen (Lkr. Regensburg) bestellt wurde. K. wurde zu drei Jahren Haft und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt, er hatte einen Elfjährigen schwer sexuell missbraucht. Müller soll sich, so schildern es Zeitzeugen, lange gesträubt haben, die Missbrauchsfälle bei den Domspatzen aufzuklären. Er hatte Angst, dass ein dunkler Schatten auf den Bruder des Domkapellmeisters, Papst Benedikt XVI., fallen könnte.

Fälle machen fassungslos

Wahr ist aber, dass der gesellschaftliche Kontext der Taten selten thematisiert wird. Beispiel Täter Friedrich Z.: Der Präfekt der Dompräbende wurde 1959 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, wie Jahrzehnte später Peter K., wegen Missbrauchs von Jungen bei den Domspatzen. Die Justiz urteilte über die Jahrzehnte hinweg also ähnlich. Im Urteil, das die Mediengruppe Bayern einsah, steht, dass Z. selbst als Kind missbraucht wurde. Das Unfassbare an dem Fall war auch der Umgang der Schülereltern mit dem Priester: So fuhr Z. mehrfach mit seinen Opfern in Urlaub, teilweise waren die Eltern dabei, ließen ihre Kinder aber in einem Zimmer mit dem Priester schlafen. Als der Missbrauch aufflog, so schilderte es ein damals Achtjähriger später als erwachsener Mann, da habe ihn die Mutter abgeholt wie einen Verbrecher von den Domspatzen. Die Opfer wurden also teils mehrfach traumatisiert: Von übergriffigen Tätern, einer Institution, die nur sich selbst schützte – und einer Erziehung, die Hierarchie stets über Kindswohl stellte.