Regensburgs Bischof: „Christentum Seele Europas“ – Muslimische Migranten als Vorbild

Der EU-Abgeordnete Christian Doleschal diskutierte mit Rudolf Voderholzer und Ex-Ministerin Emilia Müller über die Zukunft des Kontinents. Dabei zitiert der Regensburger Oberhirte nicht nur die historische Regensburger Rede von Papst Benedikt über den Islam. Er sagt auch, dass muslimische Migranten, die mehrmals am Tag beten, Vorbild für die europäische Jugend sein können.
Die Gretchenfrage an die Europäische Union lautet schon seit vielen Jahren so: Wie hält es dieser Staatenbund, der kein Supranationalstaat sein will, eigentlich mit der Religion? Co-finanziert vom Freistaat präsentierten sich Mitgliedsstaaten, Kommission und Staatsregierung am Samstag in Regensburg. Den Europatag nutzte auch der Abgeordnete der CSU im Parlament, der Oberpfälzer Christian Doleschal. Er diskutierte mit Bischof Rudolf Voderholzer und der Ex-Europaministerin Emilia Müller über die Frage: „Was Europa zusammenhält“. Schnell waren sich die drei auf der Bühne des Leeren Beutels einig: Das Christentum. Doch auf Nachfragen äußerte der Bischof eine durchaus interessante Einschätzung.
„Sorge nicht einfach von der Hand weisen“
„Von mancher Seite wird heute die Gefährdung des christlichen Abendlandes durch den Islam beschworen“, sagte der Oberhirte in einem Vortrag. „Ich gehöre zu denen, die diese Sorge nicht einfach von der Hand weisen.“ Er wiederhole aber ein Zitat des legendären Nahost-Korrespondenten Peter Scholl-Latour: „Sorgen muss sich Europa nicht machen wegen der Stärke des Islam, sondern wegen seiner eigenen geistigen Schwäche.“
Gleichzeitig skizzierte der Bischof gerade die katholische Weltkirche als internationale Gegenbewegung des Nationalismus – und damit als natürlichen Verbündeten der EU: „Die Seele Europas ist das Christentum“, so Voderholzer. „Ich halte es nicht vernünftig, den Begriff christliches Abendland anderen zu überlassen, die nationalistische Interessen damit verbinden“, so Voderholzer. „Die Würde des Menschen vom ersten Augenblick seiner Existenz bis zu seinem natürlichen Ende“ – auch diese ethische Vorstellung nannte Voderholzer. Dass er am gleichen Tag nach München fuhr und an einer Demonstration „für das Leben“, also gegen Abtreibungen teilnahm, erwähnte er auch. Ausgerechnet eines der katholischsten Länder in der EU, nämlich Polen, hat kürzlich das Abtreibungsrecht liberalisiert.
Interessant auch, dass der Geistliche schilderte, wie muslimische Paare bei der Eheberatung der katholischen Kirche Rat suchen würden, „weil sie davon ausgehen, dass dort die Verbindung zwischen Mann und Frau heilig ist“.Es seien muslimische Jugendliche, als Minderjährige von der Kirche betreut, die täglich beten würden. Er frage sich manchmal, was diese Jugendlichen denken müssen, wenn sie in der Weihnachtszeit unsere Christkindlmärkte als reine Konsumfeste sehen würden. Voderholzer zitierte übrigens auch die historisch gewordene Rede von Papst Benedikt an der Regensburger Universität 2006, in der er Glauben und Vernunft als Gegenpositionen zu einem kriegerischen Islam in Stellung brachte – die weltweit zu Protesten, aber auch Morden an Christen führte.
Rutschen in der EU
Es ist also etwas im Rutschen in der EU, weg vom Christentum als Markenkern der EU, hin zu liberalen Vorstellungen von Staat und Gesellschaft. Dass der Islam dabei ein Gegengewicht bilden könnte, ist ein Gedanke, der verblüffende Quintessenz dieses Gesprächs zwischen Bischof und den christlich-sozialen Politikern genannt werden kann.
Derzeit sind etwa 75 Prozent der 450 Millionen Europäer Christen – die meisten von ihnen Katholiken. Das wird sich aber ändern: Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Christen bis 2050 auf etwa 65 Prozent sinken wird. „Die Prägung dieses Kontinents wird hoffentlich immer christlich bleiben“, sagte dazu CSU-Politiker Doleschal. „Das ist unabhängig davon, ob wir nun 75 oder 65 Prozent Christen haben.“ Die Probleme der EU verortete das Publikum dann auch woanders: Sieglinde Schärtl konfrontierte Doleschal damit, dass man bei der letzten Parlamentswahl Manfred Weber gewählt habe, aber Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin herausgekommen sei.
Auf die Frage über eine mögliche Aufnahme mehrheitlich muslimischer Länder wie Albanien oder dem Kosovo sagte Doleschal: „Wir haben keine Sorge vor muslimischer Überfremdung, sondern vor der Schwäche des Christentums.“ Bischof Voderholzer gab ihm recht, sagte, ein europäisch geprägter Islam sei für ihn durchaus kompatibel mit der EU – „auf Basis einer reinen Koranauslegung“ sei das aber für ihn schwer vorstellbar.