Sitzt der wahre Planer des Mordversuchs in Regensburg gar nicht auf der Anklagebank?

Im Prozess um die Messerstecherei in der Hornstraße in Regensburg haben fast alle Zeugen riesige Erinnerungslücken – bei der Kripo waren sie noch in Plauderlaune. Die Wahrheitssuche zu der Bluttat vom Juni 2023 gestaltet sich vor Gericht äußerst schwierig.
Ein völlig eskalierter Drogendeal, zwei Messer und eine Mauer des Schweigens. So lässt sich das, was Ende Juni 2023 auf einem Parkplatz in Regensburg geschah, und was das Landgericht aufzuarbeiten versucht, am besten beschreiben. Mehr als 320 Mal heißt es am zweiten Prozesstag „weiß nicht“, „vergessen“ oder „nicht erinnern“ – in exakt 84 Minuten, von nur einem einzigen Zeugen. Auf bohrende Fragen des Gerichts wird dennoch einiges etwas klarer.
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Vier Männer, allesamt Syrer zwischen 18 und 27 Jahren, stehen seit Dienstag vor Gericht. Die Anklage wirft den Männern versuchten Mord und Beihilfe, schweren Raub sowie bewaffneten Drogenhandel vor. Für sie geht es um alles – bei einer Verurteilung drohen viele Jahre Haft, zweien womöglich lebenslänglich. Leicht gemacht wird der Jugendkammer die Suche nach der Wahrheit bisher nicht. Eher im Gegenteil.
Zwei Angeklagte schweigen, die mutmaßlichen Haupttäter ließen ihre Verteidiger erklären, an jenem Abend angegriffen worden, also „Opfer und nicht Täter“ zu sein. Die zwei Iraker, die am 27. Juni mit dem Cuttermesser teils schwer verletzt wurden, schweigen auch. Ihnen steht selbst noch ein Prozess bevor – weil sie laut Anklage 300 Gramm Haschisch verkaufen wollten. Termine gibt es dafür noch nicht.
Den Stoff zu bezahlen, als es zur Übergabe in der Hornstraße kam, sollen die vermeintlich Kunden aber nie vorgehabt haben. Vielmehr soll festgestanden haben, dass die Angeklagten die zwei 24 und 28 Jahre alten Lieferanten notfalls auch töten würden. Davon sind die Ermittler der Kripo in Regensburg überzeugt. Die Polizei hat nämlich eine sogenannte Vertrauensperson für sich gewinnen können – einen Spitzel, der aus arabischen Kreisen stammt.
Aussagen werden verweigert oder keiner erinnert sich an etwas
Bis auf drei haben im Prozess am Landgericht bisher auch die Zeugen geschwiegen. Sie verweigerten die Aussage, weil sie mit einem der Angeklagten verwandt sind oder womöglich mit drin hängen. Die Zeugen, die das nicht konnten oder taten, glänzten mit Erinnerungslücken. Selbst das, was sie bei der Polizei ausgesagt hatten, war plötzlich weg. Ein 25-Jähriger, der einen der Iraker in die Klinik brachte, konnte sich an den nächtlichen Anruf beim zweiten mutmaßlichen Drogenverkäufer nicht erinnern. Der beste Freund eines Angeklagten war sicher, nie mit irgendwem über die Details dieser Bluttat geredet zu haben.
Das Gleiche versuchte am zweiten Prozesstag ein 19-Jähriger. Bei der Kripo hatte er in Plauderlaune noch vom Planer (einem 22-Jährigen, der als Zeuge die Aussage verweigerte) erzählt. Oder, dass die zwei Graslieferanten abgezogen und abgestochen werden sollen. Und er verscherte, zwei der Angeklagten nicht mehr als flüchtig („den hab ich nur einmal gesehen“) oder gar nicht zu kennen. Dem 27-Jährigen, von dem er letzteres behauptete, schenkte der Zeuge nur wenig später ein Augenzwinkern und Nicken.
„Bleib stark“, sagt er in Richtung von Ahmed S., einem der mutmaßlichen Haupttäter, als er am Freitagnachmittag nach seiner Aussage den Sitzungssaal des Justizgebäudes verließ. S., der bereits 2019 wegen versuchten Mordes vor Gericht stand, habe überhaupt nichts getan. „Ich fühl das “, versicherte der Zeuge. Und auch er vermochte sich an nichts von dem, was in zahllosen Telefonaten nach der Messerstecherei gesprochen wurde. „Es ist alles weg, ich weiß nicht mehr.“
Handys werden neu ausgewertet – Gericht will Nachermittlungen
Zuvor hatte die Regensburger Staatsanwaltschaft neue Akten vorgelegt. Vor allem zur Frage, wer an jenem Abend wann und mit wem genau telefoniert hat – und wer wann wo war. Das nämlich konnte die Kripo durch die Standortdaten rekonstruieren. Neue Ermittlungen, die das Gericht in Auftrag gab, sollen nun mehr Aufschluss bringen, was in Chats rund um die Bluttat geschrieben wurde. Das wurde bislang nicht ausgewertet.
Für diese Nachermittlungen ist auch Zeit – der nächste Verhandlungstag ist für den 5. April geplant, eigentlich als Schiebetermin. An Tag vier wiederum sollen dann die Ermittler der Regensburger Kripo zu Wort kommen, darunter auch der sogenannte „VP-Führer“. Nur dieser Beamte kennt die echte Identität des geheimen Informanten, der mit die Behörden zusammenarbeitet.
In diesem Fall ist das Urteil gesprochen worden: BKA hebt Drogen-Labor in Regensburg aus − Haftstrafe für Sohn des Captagon-Paten
Ein Urteil in dem Fall soll frühestens Ende April fallen. Die Jugendkammer unter dem Vorsitz von Richter Gerald Siegl hatte zunächst acht Prozesstage angesetzt. Ob es bei diesem Zeitplan bleibt, ist offen.
