Braucht es die Buchpreisbindung? Experten aus der Region sind geteilter Meinung

Egal ob am Flughafen, im Supermarkt oder auf der am Donnerstag startenden Leipziger Buchmesse: Die Buchpreisbindung sorgt dafür, dass der neueste Bestseller überall gleich viel kostet. Aber handelt es sich bei dem Gesetz um eine notwendige Regelung oder einen unzulässigen Eingriff in den Wettbewerb? Experten aus der Region sind unterschiedlicher Meinung.
Ab Donnerstag pilgern Literaturfans wieder nach Leipzig. An den vier Tagen der Buchmesse werden auch dieses Jahr wieder tausende Besucher erwartet. Die können sich dort nicht nur über die aktuellen Neuerscheinungen der Verlage informieren, sondern sich auch mit neuem Lesestoff eindecken.
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Auf einen Messerabatt dürfen die Bücherliebhaber dabei allerdings nicht hoffen. Wer auf dem Leipziger Messegelände den neuesten Roman-Bestseller kauft, zahlt dafür genau den gleichen Preis wie in einer Buchhandlung. Der Grund dafür ist die Buchpreisbindung. 1888 erstmals in Deutschland eingeführt, hat sie in verschiedenster Ausgestaltung bis heute überdauert. Ganz ohne Kritik kommt sie aber nicht aus.
Regensburger Jurist Jürgen Kühling: Branche profitiert von Preisbindung
Dabei sehen viele Verleger und Buchhändler die Vorgabe durchaus positiv. Für den Juristen Jürgen Kühling ist das wenig überraschend: „Die Branche hat sich auf die Buchpreisbindung eingerichtet und profitiert davon.“ Der Regensburger Universitätsprofessor ist Vorsitzender der Monopolkommission, deren Gutachten in Deutschland immer wieder für Aufsehen sorgen. Im vergangenen Jahr forderte das fünfköpfige Gremium beispielsweise die Zerschlagung des Bahn-Konzerns, 2018 ging es der Buchpreisbindung an den Kragen.
Die Experten veröffentlichten damals ein Sondergutachten. In dessen Kurzfassung hieß es: Bei der Buchpreisbindung handele es sich um einen „schwerwiegenden Markteingriff“. Es sei unklar, inwiefern sich das „Kulturgut Buch“ damit schützen lasse.
Ziele der Buchpreisbindung laut Monopolkommission unzureichend definiert
Das ist nämlich das Ziel des „Gesetzes über die Preisbindung für Bücher“. Demnach soll – indem ein Verlag festlegt, was Leser für seine neuesten Thriller , Reiseführer oder Bilderbücher bezahlen müssen – ein „breites Buchangebot“ erhalten werden. Letzteres sei dann außerdem für eine „breite Öffentlichkeit zugänglich“, weil das Gesetz „die Existenz einer großen Zahl von Verkaufsstellen“ fördere.
Eigentlich eine gute Sache, möchte man meinen? Die Monopolkommission habe sich 2018 gegen das Gesetz ausgesprochen, „weil die Ziele der Buchpreisbindung unzureichend definiert und die vielfältigen Wirkungen teilweise unerwünscht sind“, blickt Jürgen Kühling zurück. Es sei nicht klar, ob „Preiswettbewerb und der Schutz des Kulturgutes Buch in einem Gegensatz zueinander stehen, ob man also das eine aufgeben muss, um mehr vom anderen zu bekommen“, sagt der Jurist. Ihm zufolge hält sich der Gedanke „beharrlich“, dass die Preisbindung für Angebotsbreite sorgt und vor allem dem stationären Handel zu Gute kommt.
Verleger Fritz Pustet: Gesetz sorgt für enges Netz an Buchhandlungen
Fragt man Branchenvertreter aus der Region, handelt es sich dabei allerdings vielmehr um einen Fakt als nur einen bloßen Gedanken. Durch das Gesetz werde sichergestellt, dass es ein „reichhaltiges, eng geknüpftes Netz“ von Buchhändlern in Deutschland gebe, sagt beispielsweise der Regensburger Verleger Fritz Pustet. Der Unternehmer ist überzeugt: Viele Buchhandlungen bedeuten viele „geistige Tankstellen“.
Inwieweit das Gesetz aber wirklich für eine stabile Zahl an Buchhandlungen sorgt, ist unklar. Genau weiß man nicht, wie ein Wegfall der Preisbindung deren Zahl verändern würde. Entsprechende Untersuchungen führen deshalb meist Vergleiche mit anderen europäischen Ländern ins Feld. Prominentestes Beispiel: das Vereinigte Königreich. Dort ist nach dem Ende der Buchpreisbindung Mitte der Neunzigerjahre die Anzahl stationärer Buchhandlungen sehr viel stärker zurückgegangen als im gleichen Zeitraum in Deutschland. Das geht aus einer 2019 vorgestellten Studie der Universität Gießen hervor, die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels – der Branchenverband ist naturgemäß ein starker Verfechter der Preisbindung − in Auftrag gegeben wurde.
Oberpfälzer Buchhändlerin Maria Rupprecht: Nur Bestseller wurden billiger
Die Studie vergleicht außerdem, wie sich die Buchpreise im Vereinigten Königreich und in Deutschland zwischen 1996 und 2018 entwickelt haben. Während die Preise hierzulande demnach im Schnitt um 29 Prozent gestiegen sind, waren es auf der Insel satte 80 Prozent.
Tatsächlich gilt das aber nicht für alle Bücher. „Bestseller werden billiger, besondere Bücher, die oft keine großen Auflagen erreichen, werden deutlich teurer“, sagt Maria Rupprecht, Inhaberin der gleichnamigen Oberpfälzer Buchhandelskette mit zahlreichen Filialen in der Region. Das habe man in Ländern, in denen die Preisbindung weggefallen ist, beobachten können.
„Unser Programm wäre dann wohl eher auf der teureren Seite“, sagt Fritz Pustet. Schließlich veröffentlicht der Regensburger Verlag vor allem Bücher aus den Bereichen Theologie und Geschichte beziehungsweise Heimatkunde. Aktuell ermögliche die Buchpreisbindung „eine Mischkalkulation“, so Pustet.
Ende der Preisbindung wäre „nichts Gutes“ für Battenberg-Gietl-Verlag
In die gleiche Kerbe schlägt auch Martina Bauer vom Battenberg-Gietl-Verlag aus Regenstauf (Lkr. Regensburg). Dort setzt man auf regionale Themen. „Weil wir durch die Buchpreisbindung nicht so stark im Wettbewerb mit größeren Playern stehen, haben wir die Möglichkeit, thematisch auch etwas speziellere Bücher zu veröffentlichen“, sagt die Lektorin und Pressesprecherin. Damit meint sie Werke, die ihr zufolge kein so großes Umsatzpotenzial haben oder nur einen kleinen Teil der Region betreffen. Ein Ende der Buchpreisbindung würde deshalb „nichts Gutes“ für den Verlag bedeuten, so Bauer. „Wir möchten den Menschen hier vor Ort auch in Zukunft ein vielfältiges Angebot an regionaler Literatur bieten.“
Fritz Pustet glaubt aber ohnehin nicht, dass es in absehbarer Zeit so weit kommen wird. „Im Moment ist Ruhe an der Front.“ Laut ihm hat die Buchpreisbindung keine Nachteile. Auch Martina Bauer sieht im staatlichen Eingriff in den wirtschaftlichen Wettbewerb kein Problem. „Das Produkt Buch ist vielleicht nicht als Konsumprodukt zu denken, sondern als etwas kulturell wertvolles – und damit schützenswertes – Gut.“ Und für Maria Rupprecht ist ein Buch ebenfalls viel mehr als bloße Ware: „Bücher zeigen uns andere Welten, machen klüger, lassen uns manchmal nach der Lektüre die Welt ein bisschen anders sehen.“
Buchpreisbindung laut Jürgen Kühling in vielen Bereichen nicht die beste Lösung
Eine genaue rechtliche Defintion, was das „Kulturgut Buch“ ausmacht, gibt es allerdings nicht. Der Vorsitzende der Monopolkommission, Jürgen Kühling, fragt: „Sind es die Buchhandlungen, in denen Bücher präsentiert werden? Ist es der Buchpreis als solcher? Oder ist es die Vielfalt auch weniger auflagenstarker Titel?“ Kühling ist überzeugt: „In fast allen Bereichen ist die Buchpreisbindung nicht die beste Lösung.“ Dass diese aber trotz Sondergutachten bis heute überdauert hat, überrasche ihn „nicht unbedingt“. „Auch in anderen Branchen sehen wir immer wieder große Widerstände, einmal geschaffene wettbewerbliche Ausnahmeregelungen wieder aufzulösen.“
Kommentar zum Thema von Lorenz Nix
Eine Abschaffung der Buchpreisbindung wäre fatal. Denn sie sorgt für Vielfalt. Werke zu Nischenthemen würden es ohne das Gesetz viel seltener auf die Verkaufstische schaffen. Auch dass die Preise von Romanen, Sachbüchern oder Krimis im Schnitt nicht ins Unermessliche steigen, ist der Vorgabe zu verdanken. Das zeigt der Blick ins Vereinigte Königreich. Seit Abschaffung der Preisbindung in den Neunzigerjahren sind die Buchpreise dort bis 2018 um 80 Prozent gestiegen. Hierzulande waren es hingegen „nur“ knapp 30 Prozent. Außerdem: Im Vereinigten Königreich wird 50 Prozent des Buchhandel-Umsatzes über das Internet erzielt. In Deutschland liegt der Anteil bei gerade einmal 20 Prozent. Von der Preisbindung profitiert also besonders der stationäre Handel. Und das ist es doch, was wirklich zählt. Denn ohne die vielen Buchhandlungen wären wir ein ganzes Stück ärmer.