Warum Elisabeth Pustet mit 90 Jahren noch täglich in die Gutenbergstraße 8 spaziert

Elisabeth Pustet ist die letzte große Dame des alten Regensburg. Die Bezeichnung „Matriarchin“ würde die Vertreterin des Verlags mit Weltruf zurückweisen. Sie lebt mit ihren 90 Jahren in studentischer Wohngemeinschaft und hat so Anschluss an den Geist der Zeit.
„Pustet lässt einen nicht los“, sagt sie. Aus dem operativen Geschäft ist Elisabeth Pustet längst ausgestiegen. Doch man sieht sie oft elegant in blauer Weste, weißer Bluse und Seidentuch, wie sie langsam über die Kumpfmühler Brücke geht. Von der Pustet Villa in der Margaretenstraße wandert sie hinauf auf den Eisbuckel und abends wieder zurück. Als die MZ noch an der Margaretenstraße war, machte sie eine Abkürzung durch den Hof. Sie holte sich dazu die Genehmigung des Verlages ein.
Jugendliche Neugierde
Jahrzehnte geht das nun schon so. „Früher ging ich gerne zu Pustet. Aber heute freut es mich geradezu.“ Was treibt sie an? Es ist auch die jugendliche Neugierde. „Es ist sehr viel da an Archivgut, das auf die Reihe gebracht werden muss.“ Unvermittelt sind Kartons aufgetaucht. Als das Archiv des Verlags vor zehn Jahren an das bischöfliche Zentralarchiv abgegeben wurde, kamen sie zum Vorschein. Hinter den Regalen waren sie gestapelt und Schätze lagen ganz oben auf den höchsten Regalbrettern. „Spannend, was ich hier rausschaufle“, sagt Pustet. Sie bräuchte noch zehn Jahre, um zu einem Ende zu kommen.
Seit 66 Jahren derselbe Weg
Den Weg der Pflicht geht Elisabeth Pustet so lange sie kann. Das langgezogene Verlagshaus an der Gutenbergstraße 8 bietet für Elisabeth Pustet seit über 66 Jahren den gewohnten Anblick. Die Produktionshallen mit den modernsten Maschinen betritt sie nicht. Sie sind im Neubau, also nicht in ihrem Blickfeld. Pustet druckt für 70 Verlage.
Im Verlagshaus benutzt sie den alten Lastenfahrstuhl und drückt auf die Vier. Wenn sie aussteigt, tritt sie in eine andere Welt. Buchrücken an Buchrücken reiht sich Geist. Das riecht so intensiv nach Druckerschwärze und Papier, dass in der Erinnerung die Zeit wachgerufen wird, als bedrucktes Papier noch hoch im Kurs stand. Ein frisch gedrucktes Buch zu öffnen, ist für Elisabeth Pustet noch immer eine Sinneserfahrung, wie wenn man frisches Brot aufschneidet. Pustet ist die Backstube des Geistes. 140 Menschen arbeiten in Verlag, Druckerei, Setzerei und Binderei.
Sie kennt den Weg im Schlaf
Der lange, dunkle Gang, durch den sie geht, mag manchen an die Kulisse eines Science Fiction Filmes von Fritz Lang erinnern. Hier verläuft die Zeit analog. Eine Bahnhofsuhr misst sie. Ein blauer Wegweiser zeigt an: noch „80 Meter zum Verlag“. Sie kennt den Weg im Schlaf. An stummen Buchrücken und Bürotüren vorbei schiebt Elisabeth Pustet ihren Rollator über die schwärzlichen Steinfließen. 1000 Titel stapeln sich auf Paletten und in Stahlregalen. Sie ist da. Lächelnd schaut sie vorher bei Sekretärin Gerlinde Geser rein.
Friedrich III. in Öl, Fotos der New Yorker und der römischen Pustet-Filiale zieren die Wand. Vom Schreibtisch aus sieht sie hinüber zur Theresienkirche. „Ein paar Schmankerl“, sagt Elisabeth Pustet, habe sie vorbereitet. „Staubig, verschnürt und verklebt waren sie.“ Als Verlag und Druckerei von der Gesandtenstraße an die Gutenbergstraße umzogen, also 1956/57, wanderten die Archivalien aus 200 Jahren Verlagsgeschichte mit. Es war Elisabeth Pustet vorbehalten, die Wundertüten nacheinander mit Spannung zu öffnen. Jetzt präsentiert sie die Schätze auf einem Sideboard neben ihrem Schreibtisch.
Originalentwürfe für Umschläge und Illustrationen
Das sind erst einmal Originalentwürfe für Umschläge und Illustrationen ehemaliger Pustet-Publikationen. Sie schlummerten seit mehr als 100 Jahren in ihren vergilbten Kuverts. Darunter finden sich Federzeichnungen von Emil Reinicke aus Zerbst in Sachsen. Von 1897 bis 1921 hat Reinicke für Pustet gearbeitet. „Tolle Arbeiten“, sagt Elisabeth Pustet. Bekannt ist Reinicke heute noch indirekt durch seine Bildergeschichte „der neue Schreibtisch“. Karl Valentin hat nach der gleichnamigen Veröffentlichung im Münchner Bilderbogen, Nr. 1018, das Drehbuch für seine deutsche Stummfilmgroteske aus dem Jahr 1914 verfasst. Jeder kennt die Geschichte, wo Karl Valentin mit den Tücken eines Schreibtischs kämpft. Er sägt mehrmals die Beine ab und sie sind immer noch zu kurz.
Der für sie interessanteste Fund war das „Copierbuch I“ des Pustet-Verlags, noch auf frühem geschöpften Papier und handgebunden. „Es hätte eigentlich vor zehn Jahren mit in das Diözesanarchiv gehört. Aber es lag zuoberst auf den Regalen und war von unten nicht zu sehen.“ Das Copierbuch ist aus der Zeit vor der Erfindung der Blaupausen (1837-1895). Dort hat unter anderem Friedrich I. in Kurrentschrift fürs Haus notiert, was er den Kunden geschrieben hat. Briefwechsel mit dem Heiligen Stuhl sind darunter. „Das Buch gibt einen interessanten Einblick in die Schreibe und Denke von Friedrich I.“, sagt Elisabeth Pustet. Ein Schreiben erinnert sie an Corona. „Euer Wohlgeboren, erhaltenes Anerbieten vom 27. erwidernd scheint mir jetzt eben nicht der Zeitpunkt zu sein, eine Schrift über die erloschene Krankheit zu drucken…“
Sie will mit ihrer Archivarbeit posthum ein bisschen Gerechtigkeit herstellen. „Die Illustratoren des Verlages waren gegenüber den Autoren im Hintertreffen.“ Elisabeth Pustet und ihre Sekretärin Gerlinde Geser haben sich die Mühe gemacht, die Biografien der Künstler zu recherchieren. Alles geht zurück. Richard Loibl vom Haus für Bayerische Geschichte nahm einen Karton mit 40 Humoresken mit. Die Museen freuen sich. Die Nachkommen der Künstler nehmen die späten Gaben kommentarlos an. „Sie freuen sich nicht“, sagt Elisabeth Pustet.
Ein gemeinsames Fluidum
Das, was sie hier tue, sagt sie, sei sie auch ihrem Schwiegervater und ihrem Mann schuldig. Im Verlagshaus verbindet sie immer noch ein gemeinsames Fluidum. Ihren Mann, Friedrich V., hat sie 1956 bei einem Konzert des Collegium Musicum unter Professor Ernst Schwarzmaier kennengelernt. Wie das? „Ich sang im Chor, er fiedelte.“ Es kamen damals in Dreieinigkeit moderne Sachen von Arthur Honegger zur Aufführung. Für das damalige Fräulein Zahn war es „meine letzte Mitwirkung im Chor“.
Die Junglehrerin wurde danach nach Falkenstein versetzt.
Das Haus-Archiv mit wertvollen Messbüchern aus der Produktion des einstigen Druckers des Vatikan wurde gerade vom Westflügel in den Ostflügel umgezogen. In diesen fensterlosen Räumen ist noch etwas vom alten lateinischen Geist erhalten. Er wird belebt durch die Matriarchin, wenn sie ein Buch aufschlägt. Danach öffnet Elisabeth Pustet die Stahltüre zu einem winzigen Balkon in schwindelnder Höhe.
„Hier stand mein Mann vor 67 Jahren und blickte sehnsuchtsvoll nach Osten“, sagt Elisabeth Pustet mit einem plötzlich wieder ganz jungen Lächeln. Hinter Sulzbach ging seine Sonne auf. Denn das Fräulein Zahn hielt im Vorwald Schule. Heute steht da nur noch ein Kübel mit Zigarettenkippen. Romeos Ausguck ist der Raucherbalkon.
