Neuer Kreativindex: „Der Branche in Bayern geht es schlecht“

Von Lorenz Nix · 1. Februar 2024 um 05:00

Der Bayerische Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK)und die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) veröffentlichen einen Index, der die Lage der Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern abbilden soll. Der sogenannten Kreativindex lag der Mediengruppe Bayern vorab exklusiv vor. Der erste Wert zeigt: Der Branche geht es nicht gut.

Wer an Bayerns Wirtschaft denkt, hat vielleicht die Automobilindustrie oder die lebendige Gründerszene in Städten wie München, Nürnberg oder Regensburg im Kopf. Weniger in den Sinn kommen meist die vielen Theater, der Kunstmarkt oder die zahlreichen anderen Bereiche der sogenannten Kultur- und Kreativwirtschaft.

Allerdings handelt es sich dabei um alles andere als einen unbedeutenden Wirtschaftszweig. 2019 – im Jahr vor der Pandemie – hat die Branche mit über 20 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung im Freistaat beigetragen – immerhin ein Anteil von 3,4 Prozent. Die öffentliche Wahrnehmung des Wirtschaftszweigs liege aber deutlich unter seiner Bedeutung, sagt Carola Kupfer, Präsidentin des Bayerischen Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK).

Kreativindex soll jährlich veröffentlicht werden

Der Branchenverband veröffentlicht nun gemeinsam mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zum ersten Mal einen neu entwickelten Kreativindex, der der Mediengruppe Bayern vorab vorlag. Die Erhebung soll ein detailliertes Bild über die wirtschaftliche Lage der Kultur- und Kreativwirtschaft im Freistaat liefern.

Bei der vbw, in der auch der BLVKK mit Sitz in Regensburg Mitglied ist, werde meist auf Basis „skalierbarer Werte“ diskutiert, erklärt Kupfer den Hintergrund. Immer wieder habe sich die Frage gestellt, wie man solche auch für eine so breit aufgestellte Branche wie die Kultur- und Kreativwirtschaft (siehe Grafik) schaffen könne. Viele Gespräche und lange Überlegungen hätten nun zum neuen Index geführt, der ab sofort jedes Jahr aufs neue verlässliche Vergleichszahlen liefern soll.

vbw-Hauptgeschäftsführer Brossardt: Branche vor zahlreichen Herausforderungen

Berechnet wurde der Index von der Kölner IW Consult. Deren Ergebnisse zeigen: „Der Kultur- und Kreativwirtschaft im Freistaat geht es schlecht“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Der erste Kreativindex liegt nur bei 76 Punkten – von 200 möglichen. Die Branche stehe vor einer Vielzahl von Herausforderungen, erklärt Brossardt. „Dazu gehören die sich zunehmend verschärfende Fachkräftesituation, gestiegene Produktionskosten und eine verringerte Konsumbereitschaft von Privatpersonen.“

Insgesamt besteht der Kreativindex aus drei Teilindizes: Der Teilindex „Beschäftigung“ erreicht immerhin 110 von 200 Punkten, bei „Expertenmeinung“ und „Medienecho“ sind es nur 54 beziehungsweise 63 Punkte. Zwar liege die Beschäftigungsentwicklung in Teilen der Branche sogar über dem Niveau der bayerischen Wirtschaft insgesamt, sagt Kupfer. „Aber die wirtschaftliche Lage und Entwicklung wird von den befragten Expertinnen und Experten der Branche als überwiegend schlecht eingestuft.“ Knapp die Hälfte der 20 Befragten – vor allem Vertreter von Verbänden der Teilmärkte – rechnet damit, dass sich die Lage weiter verschlechtern wird.

Regensburgerin Carola Kupfer: „Schlimmer konnte es nicht werden.“

Sie habe eigentlich erwartet, dass die Experten etwas optimistischer auf die Kultur- und Kreativwirtschaft blicken, sagt Kupfer. Auch den Gesamtindex hätte die Regensburgerin höher eingeschätzt. Sie führt die Abweichung von der eigenen Erwartung darauf zurück, dass der BLVKK erst in der Corona-Pandemie gegründet wurde. Im Vergleich zu damals sei die Lage nun sicher besser, sagt Kupfer. „Schlimmer konnte es nicht werden.“

Für die Autorin ist die wichtigste Erkenntnis aus dem neuen Index, „dass es der Branche nicht gut geht“. Kupfer hofft, dass die Erhebung die Kultur- und Kreativwirtschaft in das Bewusstsein der politischen Entscheider ruft. Aus den Antworten der befragten Experten lassen sich auch konkrete Forderungen heraus lesen: So sehen 80 Prozent einen hohen oder sehr hohen Unterstützungsbedarf von Seiten der Politik beim Ausbau von Förderstrukturen. Über 60 Prozent wünschen sich eine Verbesserung bei einer leistungsfähigen, flächendeckenden Digital- und Verkehrsinfrastruktur. Einfachere Verwaltungsprozesse erachten die Hälfte der Befragten als hilfreich. Rund 50 Prozent der Branche seien außerdem von einem Mangel an Fachkräften betroffen, sagt Kupfer. „Über 80 Prozent der Experten fürchten, dass der Fachkräftemangel zu einer erhöhten Arbeitsbelastung führen wird. Drei Viertel rechnen mit stark oder sehr stark steigenden Personalkosten“, so die BLVKK-Präsidentin.

Kreativindex soll Zukunftsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft sichern

Überrascht zeigt sich die Regensburgerin vom Teilindex „Medienecho“. Sie habe nicht damit gerechnet, dass die Medienresonanz kleiner als die wirtschaftliche Bedeutung der Branche ist. Im Fokus steht die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung als größte Tageszeitung Bayerns. Etwa 29000 Artikel aus deren Wirtschaftsressort wurden von Juli 2022 bis Juni 2023 analysiert. Mit dem Ergebnis: Nur knapp 1,1 Prozent der Artikel weisen einen inhaltlichen Bezug zur Kultur- und Kreativwirtschaft auf.

Mit dem Kreativindex hoffe man nun auf mehr Sichtbarkeit als Wirtschaftsfaktor, sagt Kupfer. Laut Brossardt ist die Branche auch abseits ihres Beitrags zum Bruttoinlandsprodukt wichtig: „Sie ist darüber hinaus auch ein Innovationstreiber sowie Träger von Ideen und Wertvorstellungen.“ Der Index soll, „eine transparente Bewertungsgrundlage“ für die Situation der Branche sein. „Nur so können man die richtigen Maßnahmen definieren, um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern.“