Nach der Pandemie: So geht es den Künstlern in Bayern

Von Lorenz Nix · 5. Januar 2023 um 08:20

Carola Kupfer ist die Präsidentin des Bayerischen Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK). Die Regensburger Autorin spricht im Interview über die Kulturbranche im Freistaat nach der Corona-Pandemie.

Obwohl die Situation entspannter wird, gibt es immer noch Probleme in der Szene. Kupfer spricht über verändertes Verhalten und die Inflation.

Das Interview im Wortlaut:

Frau Kupfer, hat sich die Kultur in Bayern von der Pandemie erholt?

Carola Kupfer:Nicht wirklich. Das Problem ist, dass sich durch Corona das Verhalten der Menschen verändert hat. Wenn man ins Theater geht oder ein Konzert besucht, dann sieht man eigentlich überall: Ja, die Leute kommen wieder und freuen sich auch – aber es sind nicht mehr so viele. Und das ist ein Riesenproblem.

Woran liegt das?

Kupfer:Die Menschen haben sich zum Beispiel daran gewöhnt, nicht ins Theater zu gehen. Das hört sich vielleicht komisch an, aber wenn man zum Beispiel während der Pandemie sein Abonnement gekündigt hat, dann ist die Hemmschwelle recht groß, sich jetzt wieder eines zuzulegen. Da ist eine ungute Trägheit eingekehrt.

Die Angst vor Corona spielt bei manchen Menschen aber doch auch noch eine Rolle.

Kupfer:Das stimmt. Es gibt eine große Anzahl vor allem älterer Menschen, die nach wie vor sehr vorsichtig sind. Obwohl Veranstaltungshäuser gut ausgeklügelte Lüftungssysteme haben, ist bei manchen ein komisches Gefühl geblieben.

Wie kommt das Publikum zurück?

Kupfer:Ich glaube, die Veranstalter haben das Problem erkannt und ihr Programm so geändert, dass es möglicherweise etwas „spektakulärer“ ist und wieder neugierig macht. Es gibt ja viele neue Formate.

Haben Sie ein Beispiel?

Kupfer:Hier in Regensburg die Lichtinstallation „Genesis“ in St. Ulrich. Das ist kein klassisches Theater, kein Museum. Aber es ist kreativ, anders. Und das läuft richtig gut. Auch das Theater Regensburg geht neue Wege, hat das Programm deutlich verändert. Ich glaube, das funktioniert. Man muss dem Ganzen nur ein bisschen Zeit geben.

Wie viel Zeit?

Kupfer:Das lässt sich pauschal leider nicht sagen, weil ganz viele Dinge mit reinspielen. Die Inflation ist ein Thema. Die Menschen haben weniger Geld in der Tasche. Ein Festival- oder Opernbesuch hat seinen Preis. Das kommt zu dem Energie- und Corona-Thema leider noch dazu. Außerdem können wir nicht kalkulieren, wie uns die großen Unbekannten der Weltpolitik reingrätschen.

Jetzt haben Sie die Energiekrise schon angesprochen. Wie sehr belastet das die Branche?

Kupfer:Die Kulturstätten leiden ungeheuerlich. Das ist jetzt nach Corona die nächste Keule, und wir wissen auch noch nicht so recht, wie wir das in Bayern verkraften werden. Hilfen wurden zugesagt und auch noch einmal aufgestockt. Jetzt kommt es auf die Bedingungen an, unter denen die Gelder zugewiesen werden.

Sie sind im Austausch mit der Politik. Seit Ende November gibt es in Bayern die Ständige Konferenz für Kunst und Kultur in Bayern, kurz SK³. Ihr Verband ist Gründungsmitglied.

Kupfer:Die SK³ ist aus dem Corona-Begleitausschuss am Ministerium für Wissenschaft und Kunst entstanden. Darin haben wir zunächst die Singular-Interessen unserer Branchenverbände vertreten. Danach haben wir in einem mehrtägigen Symposium festgestellt: Wir haben alle die gleichen Themen – und haben nun die SK³ gegründet. Und das Interessante ist jetzt: Plötzlich kommen die Anfragen. Wir hatten extrem schnell einen Termin im Ministerium. Durch den Zusammenschluss hat die Kulturbranche an Schlagkraft gewonnen.

In der Pandemie gab es die SK³ noch nicht. Sind Sie eigentlich mit den bayerischen Corona-Hilfen für die Kultur zufrieden?

Kupfer:Rückblickend hat Bayern im Gegensatz zu anderen Bundesländern sehr verzögert reagiert. Wir mussten da sehr laut werden, um überhaupt gehört zu werden. Das war nötig, um die Mittel, die dann irgendwann zur Verfügung gestellt wurden, auch so bereitzustellen, dass die Branche etwas davon hat. Dieses Maßschneidern, dass beispielsweise Solo-Selbstständige an Hilfen kommen, das war ein Akt. Gemeinsam mit dem Ministerium konnten wir aber tatsächlich Dinge entwickeln, die dann auch gegriffen haben.

Aber Ihre Branche leidet noch unter der Pandemie. Nicht nur das Publikum bleibt teilweise daheim, es gibt auch weniger Kulturschaffende.

Kupfer:Die Branche hat sich extrem verkleinert. Denn ohne Arbeit kein Brot, sprich: Menschen, die freiberuflich tätig waren oder gekündigt wurden, haben sich andere Jobs gesucht. Und ein nicht unerheblicher Teil von ihnen hat dann gemerkt: Okay, hier ist es finanziell sicherer, da bleibe ich vielleicht erstmal. Das betrifft auch die Leute im Hintergrund: Ein Techniker oder eine Technikerin können überall arbeiten.

Dazu kommt, dass der Nachwuchs ausbleibt.

Kupfer:Selbst unser größter Umsatztreiber, die Computerspielbranche, sucht händeringend nach Leuten. Dieser Nachwuchsmangel ist ein Problem, weil wir das kreative Potenzial brauchen, um auch die großen Themen der Gesellschaft zu lösen − also zum Beispiel die Klimakrise oder die Überbevölkerung. Es braucht immer Leute, die auch mal ganz anders denken und dann zu spannenden Lösungen kommen.

Gibt es mit Rückblick auf die vergangenen zwei Jahre gar nichts Positives?

Kupfer:Doch, die Medaille hat auch eine positive Kehrseite. In der Krise war Zeit dafür, um über das eigene kreative Schaffen oder Geschäftsmodell nachzudenken und zu überlegen: Wie kann ich’s besser machen? Das ist auch eine Chance. So sind in der Pandemie auch viele neue und gute Dinge entstanden – seien es Kooperationen, die vorher nicht da waren, oder tolle Ideen, die wachsen konnten, weil sie nicht im Tagesgeschäft untergegangen sind.