Jetzt kaufen, später bezahlen: Eine Schuldenspirale für junge Menschen

Von Franziska Mahler · 27. November 2023 um 05:00

Dreistellig, vierstellig, fünfstellig: Wer hat den höchsten Schuldenberg? Im vergangenen Jahr kursierte ein absurder Trend auf der Videoplattform TikTok. Hinter dem Spaß steckt bitterer Ernst: die zunehmende Verschuldung von jungen Menschen. Auch in Regensburg nimmt man diese Entwicklung wahr.

In einem Video zeigt sich eine junge Frau. Im Hintergrund sieht man die Summe ihrer nicht bezahlten Einkäufe: ein viertstelliger Betrag. Etliche solcher Videos zum Thema Klarna-Schulden entstanden 2022 auf TikTok – eine Plattform, die vorwiegend junge Menschen zwischen 13 und 34 Jahren nutzen. Der Unterhaltungsfaktor bestand darin, sich mit der Höhe des Schuldenbergs zu übertrumpfen. Und auch heute noch werden Videos zu diesem Thema veröffentlicht.

Klarna ist ein weltweit beliebter Zahlungs- und Einkaufsdienst und bietet die sogenannte „Buy now, pay later“-Option (BNPL) an (deutsch: Kaufe jetzt, bezahle später). Auch PayPal tut das. Das heißt: Wenn man bei bestimmten Händlern online bestellt und die Zahlungsvariante Klarna/PayPal wählt, kann man die Rechnung auch erst in 30 Tagen bezahlen. Auch eine Ratenzahlung ist möglich – dabei fallen allerdings Zinsen an. Die Abwicklung läuft nach dem Bestellen nicht mehr über das Unternehmen selbst, sondern über den Drittanbieter. Klarna oder PayPal gehen also in Vorkasse und holen sich das Geld im Anschluss vom Kunden wieder.

Buy now, pay later: Kaufkraft wird überschätzt

Ein verlockendes Angebot, bei dem man aber leicht den Überblick verlieren kann: Laut einer Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen haben etwa 37 Prozent der Interneteinkäufer in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Online-Bestellung per Rechnung, Ratenkauf oder längerem Zahlungsaufschub getätigt. 74 Prozent der Online-Käufe über die BNPL-Option liegen bei bis zu 200 Euro. Vor allem Kleidung und Möbel werden bestellt.

In der Oberpfalz nahm der Verein Kontakt Regensburg wahr, dass sich zunehmend junge Menschen ver- und überschulden. Der Unterschied zwischen den Begriffen: Eine Verschuldung beschreibt die bloße Existenz von Schulden. Von einer Überschuldung spricht man, wenn das Geld nicht zurückbezahlt werden kann, so Xaver Greil, Schulden- und Insolvenzberater.

Eine Beratungsstelle für junge Erwachsene

Wegen dieser Entwicklung habe man „LiQuitt“ ins Leben gerufen. Die Jugendschuldner- und Insolvenzberatung richtet sich an junge Erwachsene aus Stadt und Landkreis Regensburg zwischen 14 und 27 Jahren.

Die Lebensrealität junger Menschen sei geprägt von gesteigertem Konsumverhalten bei gleichzeitig geringem Einkommen sowie fehlendem finanziellen Grundwissen, sagt Greil. Auffällig: Nahezu jeder Klient hätte Schulden bei Klarna oder PayPal. Dass diese Art von Schulden im Netz als „trendig“ gesehen werden, hält Greil für äußerst schwierig, zumal die Dienstleister bei einem Ausbleiben der Zahlung relativ früh Inkassounternehmen oder Anwälte einschalten würden.

Ver- und Überschuldung junger Menschen nimmt zu

Auch Studien belegen die vermehrte Ver- und Überschuldung von jungen Menschen: Im aktuellen SchuldnerAtlas Deutschland zeigt sich, dass die Überschuldung bei unter 30-Jährigen erstmals seit 2012 gestiegen ist, wenn auch nur leicht. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ ergab im Winter 2022/2023, dass jeder Fünfte im Alter von 14 bis 29 Jahren, Schulden hat. Auch in diesem Jahr ist die Zahl mit 16 Prozent nur minimal geschrumpft. Blickt man auf die Gründe für die frühe Verschuldung, so werden in beiden Studien BNPL-Angebote genannt.

Für Unternehmen wie Klarna und PayPal kann es nicht erstrebenswert sein, dass ihre Kunden offene Rechnungen nicht begleichen. Was tun sie also dagegen? PayPal gibt an, „nach eigenem Ermessen, insbesondere nach Vornahme einer Kreditwürdigkeitsprüfung, zu entscheiden, wem der Service Bezahlung nach 30 Tagen zur Nutzung angeboten wird“. Außerdem erinnere man frühzeitig an die Zahlung und setze gegebenenfalls Kreditlimits, ergänzt eine Sprecherin auf Anfrage. So könnten Kunden weniger leicht ihre finanziellen Mittel überschätzen. Wer in der Vergangenheit bereits aufgefallen ist, weil er Rechnungen nicht beglichen hat, dem werde die Später-Bezahlen-Funktion gestrichen.

Maßnahmen, um das Risiko zu minimieren

Ähnlich sieht es bei Klarna aus: Bonitätsprüfung, eingeschränkter Kreditrahmen, Sperrung bei Nichtbezahlen. Den TikTok-Trend beobachte man mit Sorge, schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Eine gute Nachricht: Durch häufigere Erinnerungen im Mahnprozess, habe man den Anteil der Rechnungen, die an ein Inkassounternehmen übergeben werden, in den vergangenen drei Jahren um 27 Prozent senken können – von 1,17 auf 0,88 Prozent. Außerdem verhalte sich die jüngste Nutzergruppe, die 18- bis 25-Jährigen, laut internen Daten genauso verantwortungsbewusst wie andere.

Im ersten Moment klingen die eingesetzten Mittel von PayPal und Klarna nach effektiven Maßnahmen. Offen bleibt aber, wie junge Menschen durch BNPL-Angebote und trotz dieser Vorkehrungen vier- bis fünfstelligen Schuldenberge anhäufen können. Beide Unternehmen konnten das auf Nachfrage nicht eindeutig beantworten.