Wenn das Gehalt nur einen Stern bekommt: So reagieren Unternehmen auf ihre Online-Bewertungen

Von Lorenz Nix · 18. September 2023 um 05:00

Wer auf Jobsuche ist, informiert sich heute vor allem im Internet über potenzielle Arbeitgeber. Neben den Websites der Unternehmen verschaffen auch soziale Medien wie Facebook oder Linkedin einen ersten Eindruck vom vielleicht zukünftigen Job. Und dann gibt es da noch Bewertungsportale, auf denen Mitarbeiter ihren Arbeitgeber bewerten können. Das in Deutschland bekannteste: Kununu.

Auch Felix Schmitt (Name geändert) aus Regensburg war bereits auf der Plattform unterwegs. Der 28-Jährige ist aktuell auf Jobsuche. Er hat bei Kununu sowohl selbst bewertet, als auch sich über Unternehmen informiert, erzählt er im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. „Das ist wie ein umgekehrtes Arbeitszeugnis“, sagt er. Es sei nur fair, dass auch Mitarbeiter ihre Chefs bewerten dürfen.

Einfaches Prinzip

Kununu gibt es seit 2007. Das Prinzip der Website ist simpel: Arbeitnehmer können ihrer Firma in verschiedenen Kategorien anonym Sterne vergeben – beispielsweise im Bezug auf den Kollegenzusammenhalt, die Work-Life-Balance, das Thema Gleichberechtigung, die Arbeitsbedingungen oder das Gehalt. Insgesamt gibt es 13 Punkte, die jeweils mit bis zu fünf Sternen bewertet werden können. Außerdem gibt es noch drei optionale Textfelder: Verbesserungsvorschläge, Positives und Negatives.

Auch die allermeisten Unternehmen aus der Region sind bei Kununu gelistet und haben teilweise bereits Hunderte Bewertungen gesammelt. So auch die Krones AG aus Neutraubling im Landkreis Regensburg, die sogar auf über 1000 Bewertungen kommt. Kununu sei für das Unternehmen von „hoher Bedeutung“, teilt Krones-Pressesprecherin Ingrid Reuschl auf Anfrage mit. Schließlich handele es sich um „eine der am meisten von Stellensuchenden beachteten Bewertungsplattformen“. Krones sichte die abgegebenen Bewertungen deshalb regelmäßig und werte diese aus. Außerdem reagiert der Anlagenhersteller auch auf das Feedback der Arbeitnehmer – Unternehmen können bei Kununu unter Bewertungen kommentieren. „Wir gehen dabei aber nicht auf inhaltliche Details ein“, sagt Reuschl. Man wolle keine Diskussion initiieren. „Bei negativen Bewertungen bieten wir jedoch immer einen persönlichen Austausch an.“

Andere Unternehmen agieren auf der Plattform ähnlich. So beispielsweise die Bayernwerk AG mit Sitz in Regensburg, die ebenfalls auf alle Bewertungen antwortet – „unabhängig von Inhalt und Anzahl der Sterne“, wie Recruiterin Anna-Maria Jahn mitteilt. Der Discounter-Riese Netto aus Maxhütte-Haidhof im Kreis Schwandorf fährt ebenfalls die Strategie: „Unser Anspruch ist es, auf jede Bewertung einzugehen“, sagt Christina Stylianou, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Netto, gegenüber der Mediengruppe Bayern.

Insgesamt hat der Discounter bei fast 6700 Bewertungen einen „Kununu-Score“ von 3,3 Sternen. Dabei handelt es sich um den Durchschnitt der vergebenen Sterne. Das Feedback reicht dabei von „Grauenhaft: die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens“ (ein Stern) bis „Alles top, super Arbeitgeber“ (fünf Sterne).

Auf negatives Feedback reagiert Netto in der Regel mit einer Standardantwort, wie ein Blick auf die neuesten Bewertungen zeigt. „Wir möchten gerne wissen, wie wir uns in Zukunft verbessern können und würden uns freuen, wenn Sie sich bei uns melden“, heißt es darin unter anderem. Dass Arbeitgeber auf Kununu-Einträge reagieren, bezeichnet Carina Braun, Professorin für Betriebswirtschaft und Personalmanagement an der OTH Regensburg, als „einleuchtend“. Schlechte Bewertungen würden heute durchaus eine Rolle spielen. Mitunter hätten Jobsuchende schließlich die Wahl zwischen mehreren Jobangeboten und dann würden sich die Bewerberinnen und Bewerber unter anderem bei Kununu informieren. „Wer hier schlechter abschneidet, hat natürlich auch schlechtere Chancen, Kandidatinnen und Kandidaten für sich zu gewinnen“, sagt Braun.

Mit einer professionellen Reaktion auf die Bewertungen können sich die Firmen dann also doch noch als sich kümmernden Arbeitgeber darstellen. In Ausnahmefällen können Unternehmen Beiträge auch löschen lassen. Bei Krones ist das bislang einmal geschehen. „Es handelte sich dabei um eine Bewertung, die in beleidigender Art und Weise gegen eine Person im Unternehmen gerichtet war“, erklärt Sprecherin Reuschl. Kununu habe „unverzüglich“ reagiert.

Insgesamt rät Kununu davon ab, negative Bewertungen pauschal zu beanstanden – „solange sie nicht eindeutig rechtswidrig sind“, wie die Plattform in einem Onlinetext schreibt. „Negative Bewertungen gehören genauso zu einem Gesamtbild eines Unternehmens wie gute Bewertungen“, sagt auch Bayernwerk-Recruiterin Jahn. Es gebe schließlich in jeder Firma Verbesserungspotenzial.

Anonymität als Problem?

Trotzdem steht Kununu auch immer wieder in der Kritik. Oft heißt es, Arbeitnehmer würden auf der Plattform eher ihren Frust rauslassen als konstruktive Kritik zu üben – vor allem, weil sich die Bewertenden hinter der Anonymität verstecken können. Anna-Maria Jahn sieht aber kein Problem im anonymen Feedback. Natürlich sei es schade, dass man mit den Verfasserinnen und Verfassern nicht direkt in Austausch treten könne, sagt die Recruiterin. „Nichtsdestotrotz ist die Anonymität wohl der Garant dafür, dass Bewertungen authentisch abgegeben werden.“ Nur so hätten auch andere Nutzer der Plattform einen Mehrwert.

So sieht das auch Kununu-Nutzer Felix Schmitt. „Nur auf den Score sollte man sowieso nicht schauen“, sagt er. Wirklich aussagekräftig sei nur das Feedback, in dem eine Sterne-Bewertung auch erklärt wird. „Und je nachdem wie das geschrieben ist, weiß man dann, ob vielleicht doch nur Frust abgeladen wurde.“