Einzelhandel der Region entdeckt Schnellladesäulen als attraktives Geschäftsfeld

Ikea, Seidl, Globus Wanninger – neben dem Staat investieren immer mehr Unternehmen speziell des Einzelhandels der Region in die Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Das ist nicht nur Service. Auch für Lkw zeichnen sich immer mehr Lösungen ab.
„Ich warte immer noch auf den ersten, der mir sagt, dass der Wechsel auf ein Elektroauto eine falsche Entscheidung war.“ Mit dieser zugegebenermaßen sehr persönlichen Erfahrung entkräftet der Regensburger Mobilitätsberater Paul Saxa nicht nur die herkömmlichen „Totschlagargumente“ gegenüber der Elektromobilität wie etwa eines Zusammenbruchs des Stromnetzes. Vielmehr verweist Saxa darauf, dass Elektroautos letztlich sogar als „rollende Stromspeicher“ fungieren könnten. Insbesondere der Gedanke, die Speicher zu einem „Schwarm“ zusammenzuschalten, wenn diese Fahrzeuge am Ladenetz hängen, sei faszinierend.
Schon heute Traumquote?
All dies setzt freilich eine funktionierende und ausreichende Ladeinfrastruktur voraus. Und es gibt sie: Aktuell sind in Deutschland bereits über 100.000 öffentliche Ladepunkte, also „Zapfsäulen“, in Betrieb, und weitere 900.000 durch KfW-Programme geförderte private „Wallboxen“ kommen hinzu. Angesichts der derzeit rund zwei Millionen elektrisch angetriebenen Personenwagen könne man die aktuell etwa eine Million privater und öffentlicher Ladepunkte nur als „Traumquote“ bezeichnen, ist Saxa überzeugt. Und die Entwicklung geht weiter, zumal viele Branchen die Ladepunkte längst als mögliche neue Geschäftsfelder entdeckt haben.
Wie Hans Seidl, Geschäftsführer der Seidl Confiserie GmbH, mit Blick auf die seit kurzem direkt an der Abfahrt der A3 in Laaber bei Regensburg von ihm angebotenen acht Ladepunkte betont, sei diese größte Einzelinvestition seines Unternehmens zwar aus einem Servicegedanken heraus entstanden. Dennoch, so ergänzt Seidl-Mitarbeiter Jakob Hilber, betrachte man das auf 20 Jahre ausgelegte und erweiterbare Projekt durchaus als „eigenständiges Geschäftsfeld“. Hilber verweist in diesem Zusammenhang auf die durchschnittliche Verweildauer der Confiserie-Gäste von etwa 30 bis 45 Minuten, die sich ideal für den Ladevorgang eigne.
Ikea baut mächtig aus
Ebenfalls unweit der Autobahn A3 – auf der Höhe von Regensburg – möchte der schwedische Möbel-Riese Ikea dazu beitragen, gemeinsam mit „Mer Germany“, einem Spezialisten für die Planung und den Betrieb ganzheitlicher Ladelösungen, den Ausbau der Ladeinfrastruktur voranzubringen. Während derzeit mit den Standorten Bielefeld, Bremen, Chemnitz, Freiburg, Kaarst und Mannheim geplant wird, wo Anfang 2025 die ersten Ladepunkte in Betrieb gehen dürften, werden bis 2028 alle Ikea-Filialen (also auch Regensburg) mit entsprechenden Ladesäulen ausgestattet sein. Laut Otto Loserth, Geschäftsführer der Mer Germany GmbH, ist sein Unternehmen auch an dem Ladenetzwerk im Raum Straubing beteiligt, wo das Möbelhaus Wanninger an der B20 gerade vier neue Schnellladesäulen installiert hat. Aber auch in der Oberpfalz tut sich in Sachen Ladeinfrastruktur eine Menge. Dies gilt etwa für den Globus-Standort Schwandorf, wo gerade die ersten acht Ladepunkte errichtet wurden.
Nicht von ungefähr hatte sich Mer Germany bei der Ausschreibung des Bundes für eine Schnelllade-Infrastruktur durchgesetzt und wird sich an der Errichtung von 83 Standorten mit 700 Schnellladepunkten beteiligen. Um den nächsten Schnellladepunkt in wenigen Minuten erreichen zu können – dies ist das Ziele des Deutschlandnetzes –, entstehen derzeit nach einem europaweiten Ausschreibungsverfahren des Bundesverkehrsministeriums sowie der Autobahn GmbH rund 900 regionale Standorte sowie 200 Autobahn-Standorte.
Auch Lkw-Lösungen in Sicht
Zu den Pionieren der „Mobilität der Zukunft“ zählt entlang der Autobahnen nicht zuletzt das von Alexander Ruscheinsky und Konrad Habbel gegründete und deutschlandweit aktive Regensburger Unternehmen 24-Autohöfe. Wie Geschäftsführer Daniel Ruscheinsky betont, habe man bereits 2013 einen der ersten Tesla-Supercharger im 24-Autohof Bad Rappenau eröffnet und sechs Jahre später den gemeinsam mit Ionity entwickelten Elektro-Ultraschnellladepark mit 350 kW High-Power-Charging-Elektrotankstellen. 2023 ging ein Pilotprojekt mit dem Start-Up Greenbox Mobile Energy am 24-Autohof Lutteberg an den Start. Diese erste Greenbox-Stromtankstelle an der Autobahn wird mittels eines mobilen Batteriespeichers mit völlig autarkem, dezentral und mit „grünem“Strom versorgt.
Ob aufgrund der E-Mobilität das Stromnetz dem rapide steigenden Bedarf gewachsen sein dürfte, darüber wird trefflich gestritten. Für Mobilitätsexperte Paul Saxa würde selbst ein totaler Ersatz aller Verbrenner durch Elektrofahrzeuge nur einen Mehrbedarf von 25 Prozent auslösen: „Dies wäre marginal, zumal all dies keinesfalls schlagartig erfolgen würde.“
An den 15 Standorten der 24-Autohöfe sind aktuell 200 Ladepunkte installiert. Für die nächsten 18 Monate, so betont Roxanne Ruscheinsky, sei nahezu eine Verdoppelung geplant. Aber auch für den Lkw sind die ersten „Megawattcharger“ an den 24-Autohofstandorten in Diskussion. Schließlich habe der Transportsektor, insbesondere der Schwerlastverkehr auf deutschen Autobahnen, ambitionierte Klimaziele. Die 24-Autohöfe seien laut dem Familienunternehmen Ruscheinsky als „Mobilitätsvorreiter“ auch hier in Gesprächen mit verschiedenen Anbietern – ob im Aufbau von Wasserstoff-Tankstellen für den Lkw oder eines flächendeckenden Elektroladenetzes für den Lkw.
