Aus Liebe zur Innenstadt: Waldmünchner macht Waldmünchnern ein letztes Angebot

Von Petra Schoplocher · 18. März 2024 um 19:00

Sepp Karl wird nicht müde, trotz der Rückschläge, die er mit seinen Vorstößen in Richtung Innenstadtbelebung in Waldmünchen (Landkreis Cham) erlebt hat. Dennoch startet er einen erneuten Anlauf, wenngleich der gleichermaßen zugleich ein letztes Angebot ist.

Denn so recht aufgegangen ist seine Idee nicht. Die sieht vor, dass sich die Stadt Waldmünchen von ihren (sanierungsbedürftigen) Innenstadt-Häusern trennen und dafür eine der zehn Wohnungen erwerben, die Sepp Karl in Bahnhofsnähe bauen will. In die „alten“ Gebäude zöge dann neues Leben ein. Neudeutsch eine Win-Win-Situation.

Lasten loswerden

Die einen seien die Bürde der vielen Arbeit, des Gartens oder der (vermeintlichen) Verpflichtung zum Erhalt los. Die anderen, die sich eine Renovierung zutrauen, hätten auf einmal eine erschwingliche Option, sich in der Heimat, in bester Lage etwas zu schaffen. Karl denkt vor allem an junge Paare oder Familien. Ob die sich ein Grundstück im neuen Baugebiet Johannisbühl II leisten können? Der Insider zögert vor einem Bodenrichtwert von 60 Euro und dem fast doppeltem Preis, der dort verlangt würde.

Doppelter Teilerfolg

Immerhin zwei Interessenten haben sich von seiner Idee begeistern lassen und wollen ihren Altbestand gegen (auch energetisch) modernen, hellen und ökologischen Wohnraum tauschen, berichtet der Unternehmer. Ein anderes Paar kommt zwar von außerhalb, hat aber die Eltern noch hier, und hat sich deshalb zwei Wohnungen reserviert. Ob das Glas damit halb voll oder leer ist? Der Waldmünchner ist nicht sicher. Was er aber weiß: Er will noch einmal einen Appell starten, ehe er sein Projekt in die überregionale Vermarktung gibt.

Lesen Sie hier: Ehrgeiziges Projekt

Dass die aktuell verbleibenden drei hochwertigen Immobilien „weg“ gehen, daran hegt er keinen Zweifel. Die Nachfrage nach Wohnraum, noch dazu in der von ihm avisierten Qualität, sei unbestreitbar vorhanden. Allerdings macht der Chef von Teredo-Holzhaus keinen Hehl daraus, dass er lieber „alte“ Waldmünchner dort einziehen sehen würde.

Zuzug ist (auch) nötig

Der Umkehrschluss ist indes nicht zulässig. Der gelernte Schreiner ist mit Blick auf das Große-Ganze überzeugt, dass da der Stadt Zuzug „von außen“ gut tut, „wir brauchen ihn sogar“. Aber die Innenstadt, sie ist es eben, die ihm besonders am Herzen liegt. Und das nicht erst, weil oder seit der Unternehmer den Schwan gekauft und saniert hat. Über den freut er sich jeden Tag, egal, „ob ich von vorne oder hinten her komme“. Eine Erfahrung, die in seine Denke, seinen Aktionismus einfließt.

Waldmünchner Alleinstellungsmerkmal

Der Teredo-Chef ist Überzeugungstäter, der aktuelle Vorstoß nicht der erste in seiner Mission Innenstadt(Belebung). Vor Jahren, erinnert er sich, habe er der Stadt den Erwerb einer Südhanglage außerhalb vorgeschlagen, um dort denen ein kleines Grün-Glück – Stichwort Schrebergarten – zukommen zu lassen, denen dies im Ortszentrum abgeht. „Schon hätte Waldmünchen über ein Alleinstellungsmerkmal verfügt.“

Lesen Sie hier: Die Stadt unterstützt

Auch mit einer anderen Idee ist Karl gegen die Wand gelaufen. Sein Vorschlag: Unter allen Interessenten, die sich eine Sanierung ihres Innenstadtanwesens vorstellen können, gewinnen drei eine Überplanung, um aufzuzeigen, was möglich ist, um andere so mitunter anzufixen. „Wir reden da teils von tollen Bauten“, verdeutlicht er.

Die aus seiner Sicht ernüchternde Antwort der Stadt: Aus finanziellen Gründen nicht realisierbar. Kurzzeitig habe er sogar überlegt, dies aus eigener Tasche zu bezahlen. Allerdings habe er mit Blick auf die Gesamtgemengelage, mangelnder Offenheit und der offenbar nicht vorhandenen Bereitschaft zum Klinkenputzen („sowas braucht direkte Ansprache“) die Lust an derartigem ehrenamtlichen Engagement verloren.

Gleichzeitig schuldenfrei

Zumal, wenn man dann lese, dass Waldmünchen „faktisch so gut wie schuldenfrei ist.“ Das sei „doch verrückt“. Zumal offenbar auch die Bewohner kein Geld benötigen. Das könne doch nicht das einzige sein, worum es geht. Diese Einstellung, sie fuchst ihn. Ihn, der die Leerstandszahlen seit langem im Blick hat und beim Betrachten selbiger bisweilen „ins Grübeln kommt“.

134 leere Häuser und Grundstücke

Die 191 im gesamten Stadtgebiet will er gar nicht so sehr gewichten, aussagekräftiger sind die 134 im Kernort, darunter 81 vom Landratsamt deklarierte Leerstände, der Rest Baulücken. Er findet: Jeder, der einen Leerstand verkauft (oder selber saniert) leiste einen Beitrag, Menschen in die Stadt zu bringen. „Das nennt man Verantwortung gegenüber der nachfolgenden Generation.“

Vorzeigeobjekt Schwanenwirt

Karl weiß, wovon er redet. 30 Jahre ist er in der Baubranche tätig, gerade die Sanierung des einstigen Schwanenwirts im Herzen Waldmünchen hat ihm gezeigt: „Es ist nichts dabei, ein altes Haus herzurichten.“ Mit alt meint er nicht die Nachkriegsbauten aus den Jahren 1950 oder 1960, sondern die mit guter Substanz. „Solche Gebäude sind total ehrlich“, schwärmt er geradezu.

Von Waldmünchen für Waldmünchen

Warum aber funktioniert das Millionenprojekt unter dem Titel „Von einem Waldmünchner für Waldmünchner“ und/oder die Philosophie dahinter nicht? Vielleicht Neid, vielleicht spiele auch seine „zu grüne“ Gesinnung eine Rolle, Sepp Karl kann nur mutmaßen. Und einen Appell schicken: Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Seiner Meinung nach zählt nur eines: „Waldmünchen würde das gut tun.“

Lesen Sie hier: Überzeugungstäter in Sachen Holz

Wie viel Herzblut er einbringt, lässt sich an anderer Stelle rückfolgern. Verdient sein wird mit dem Bau des Mehrfamilienhauses in der Heinrich-Eiber-Straße wohl nichts, eröffnet Karl schulterzuckend. Null auf Null sei die Kalkulation, die Sache ist ihm das wert. „Ich will einfach nur anschieben und ermutigen“, sagt er beinahe schon entschuldigend. Und formuliert einen letzten Appell: „Traut euch!“

WOHNEN AM BAHNHOF: IDEE UND HINTERGRUND

Impuls: Aktuell sind in der Innenstadt laut einer entsprechenden fungierten Erhebung des Landratsamtes 53 Baulücken und 81 Leerstände dokumentiert. In 101 Häusern sind der oder die Bewohner über 75 Jahre alt.

Idee: Gegenüber des Alten Bahnhofs soll der Neubau mit zehn Wohnungen entstehen. Karl setzt auf ökologisches Vollholz wird im Energiestandard Kfw40 mit Nachhaltigkeitszertifikat, was Käufern Zugriff auf ein entsprechendes KfW-Darlehen sichert.

Innenleben: Die Wohnungen sind zwischen 59 und 71 Quadratmetern groß, vorgesehen sind eine zusätzliche Gemeinschaftsküche und ein Sportraum.

Interesse: Ein Exposé und Informationen gibt es per Mail –

immo@vollholzhaus.de – sowie bei Sepp Karl, (0176) 12480012.

Drei Galeriewohnungen sind noch zu haben. Am liebsten würde sie Sepp Karl an Waldmünchner verkaufen. Foto: Peter Bauernfeind
Helle Wohnungen, die Nahversorgung über die Straße: Sepp Karl ist nach wie vor von dem Projekt gegenüber des Alten Bahnhofs in Waldmünchen und der dahinter stehenden Philosophie überzeugt. Foto: Peter Bauernfeind