Fünf Jahre nach erstem Schulstreik von Fridays vor Future in Regensburg: „Oberthema ist Verkehrswende“

Im Februar 2019 riefen die Anhänger von Fridays vor Future erstmals in Regensburg dazu auf, Unterricht zu schwänzen, um für Maßnahmen gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Eine Mitstreiterin der ersten Stunde erklärt, was sich seither getan hat.
Im Februar 2019 war der erste Klimastreik von Fridays for Future in Regensburg. Was haben Sie an diesem Tag gemacht?
Sophia Weigert: Ich hätte Vorlesungen gehabt. Und ich bin eine von den Studentinnen, die immer in jede Vorlesung gehen. Aber an dem Tag bin ich das erste Mal nicht hingegangen, weil ich lieber etwas anderes machen wollte.
Wie war das für Sie?
Weigert: Es hat Spaß gemacht. Und es war mir so wichtig. Ich habe mir gedacht, jetzt haben wir endlich eine Möglichkeit gefunden, wir jungen Menschen, die ja im Wahlvolk den allerkleinsten Teil stellen, uns zu empowern. Und das war ein unglaubliches Aufschwunggefühl und eine große Euphorie.
Die Idee, zur Schulzeit zu demonstrieren, galt damals als radikal und war umstritten. Welche Reaktionen gab es?
Weigert: Es gab Schulen, die gesagt haben, das ist okay. Es gab aber auch Schulen, an denen es Verweise gehagelt hat. Und es gab welche, die haben Umwege eingebaut, zum Beispiel über eine Entschuldigung von den Eltern oder sie haben die Teilnahme an der Demonstration als Exkursion der AG Öko oder Umwelt deklariert. Wobei ich nicht glaube, dass ziviler Ungehorsam wirkt, der wegignoriert wird. Es muss schon knallen.
Wann waren Sie denn zum letzten Mal Freitagmittag auf der Straße, um für Maßnahmen gegen den Klimawandel zu demonstrieren?
Weigert: Ich weiß es gar nicht genau. Wir wechseln inzwischen mit Vormittag und Nachmittag ab, weil Berufstätige und oder Familien den Wunsch geäußert haben, dann zu demonstrieren, wenn sie auch können. Aber wir machen nach wie vor Vormittags-Demos.
Wie haben sich die Aktivitäten von Fridays for Future seit diesem Startschuss verändert?
Weigert: Wir sind professioneller geworden. Es gibt ein Social Media Team. Und wir stellen bei Demos die Routen vorab online. Seit ein paar Jahren legen wir vermehrt Wert auf Barrierefreiheit. Da schauen wir, dass die Routen nicht über Schotter gehen, dass sie nicht so lange sind, achten auf die Steigung und sorgen für Gebärdendolmetschung.
Fridays for Future ist kein Verein, keine Genossenschaft, keine GmbH: Wie sind die Regensburger Anhänger aufgestellt?
Weigert: Auf den Demos haben wir vierstellige Zahlen. Es gibt Strukturen, die wir aber nicht so wahnsinnig gern offenlegen. Wir sind antihierarchisch organisiert. Denn wenn eine Person in eine mächtige Position kommt und anfängt, in einer Weise zu agieren, die wir nicht unterstützen wollen, dann ist dem schwer Einhalt zu gebieten. Inzwischen arbeiten wir viel in Bündnissen. Zum Beispiel sind wir in der Initiative gegen Rechts. Ein Bündnis ist einfach total praktisch, weil wir Ressourcen teilen können.
Zu Ihren Mitstreitern zählen auch viele junge Menschen, die in der Ausbildung sind und dafür öfter die Stadt wechseln. Wie macht sich das bemerkbar?
Weigert: Ja, deswegen fluktuiert es stark. Es gibt aber auch Leute, die fangen bei uns an und gehen dann zu Ende Gelände oder zur Letzten Generation. Manche Leute sind nur bei bestimmten Aktionen dabei und manche kommen immer ins Plenum. Es gibt aber auch vier oder fünf, die seit der ersten Minute dabei sind.
Was hat sich in Regensburg getan, das es ohne Sie nicht gegeben hätte?
Weigert: Vom Gefühl her, was die Fahrradinfrastruktur angeht, hat sich echt was getan. Aber das ist nicht nur unser Verdienst, da gibt es auch Leute in der Stadtverwaltung, die sich wirklich wie Einzelkämpfer dafür einsetzen.
Mit was hätten Sie vor fünf Jahren nie gerechnet?
Weigert: Dass das Thema so permanent präsent ist. Und ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir immer noch in der Konsumkritik feststecken. Dass die Leute beim Wort Klimaschutz schnell denken, sie seien schuld, weil sie Fleisch essen, fliegen oder Plastiksachen kaufen. Ich will ja nicht, dass Leute sich schuldig fühlen, wenn sie jeden Tag ins Auto steigen. Ich will ja, dass sich die Verhältnisse ändern, damit man nicht gezwungen ist, ins Auto zu steigen, sondern auch aus Scharmassing mit dem Bus nach Regensburg reinfahren kann, aus dem Norden mit der Stadtbahn oder dem Zug oder dass es Radschnellwege gibt, auf denen sich eine 70-Jährige mit Osteoporose traut, aufs Rad zu steigen.
Welches waren die frustierendsten Momente in den vergangenen fünf Jahren?
Weigert: Wirklich schlimm ist, dass man sich sein Demonstrationsrecht so hart erkämpfen muss. Am Allerschlimmsten war, als diese Corona-Spaziergänge mit übelsten Verschwörungstheorien und Framings ohne Maske und ohne Abstand durch die Innenstadt demonstrierten, während die Fallzahlen durch die Decke gingen und in der Uniklinik wussten die Leute nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Wir hatten uns ein Hygienekonzept überlegt, aber es hieß: Nö.
Welcher Moment hat Sie dagegen im positiven Sinn besonders bewegt?
Weigert: Das war auch noch in der Pandemie. Da hatten wir eine Menschenkette organisiert, ohne dass sich jemand an die Hände fasst. Die Schlange ging an den Ufern der Donau und des Regens entlang, über die Steinerne und die Eiserne Brücke sowie über den Eisernen Steg. Als es dunkel wurde, haben alle ihre Handylichter angemacht. Das war schon sehr ergreifend
Mit welchen Regensburger Themen beschäftigt sich Fridays for Future gerade?
Weigert: Das Oberthema ist die Verkehrswende. Dazu gehören die Fahrradwege. Die beschlossenen Hauptrouten müssen endlich umgesetzt werden. Und wir sind im Bündnis gegen die Sallerner Regenbrücke. Auch müssen die Flächen so verteilt werden, dass sie alle nutzen können und nicht nur die Autos.
Fahrraddemo
Anlass: Die Fahrraddemo am 1. März macht sich für die in den Augen der Organisatoren dringend überfällige Verkehrswende stark. Sie fordern Priorität für Radverkehr und komfortablen sowie günstigen Nahverkehr inklusive Stadtbahn statt der Sallerner Regenbrücke.
Aufruf: Organisiert wird sie von FFF, ADFC, Architects for Future, Architekturkreis, BüfA, Bund Naturschutz, End Fossil, Greenpeace, Letzte Generation, Omas for Future, Scientists for Future, Unsere Stadt – unsere Bahn und VCD.
Beginn: Die Demo startet um 15.30 Uhr am Hauptbahnhof. Zuvor beginnt jeweils um 15 Uhr eine Sternfahrt zum Bahnhof in der Zeissstraße, am Parkplatz von Uni und OTH sowie beim Parkside.
