Elternbrief verselbstständigt sich: Regensburger Schule wehrt sich gegen Instrumentalisierung

Der Regensburger Bahnhof macht bundesweit Schlagzeilen. Auch der Elternbrief einer Schule, der so oder so ähnlich seit 17 Jahren verschickt wird, schlägt plötzlich hohe Wellen. Wie kam es dazu?
Vordergründig geht es in dem Elternbrief um Schulwegsicherheit; aktuelle Entwicklungen rund um den Hauptbahnhof Regensburg machen das Thema im Hintergrund komplex. Die AfD – bis hoch zur Parteichefin – stürzte sich auf das Schreiben der „Englischen“. Die Schule und ihr Träger, die Diözese Regensburg, distanzieren sich.
Mit einer „eindringlichen Bitte“ hatte sich die Mädchenschule vergangene Woche an die Eltern gewandt. „Weisen Sie ihre Tochter darauf hin, dass sowohl die Fürst-Anselm-Allee als auch die Bahnhofsgegend trotz erhöhter Präsenz von Polizei und Ordnungsdienst auch tagsüber Kriminalitätsschwerpunkte sind“, hieß es im Elternbrief.
Regensburger Elternbrief kursiert schnell im Internet
Bei Dunkelheit sollten Schülerinnen die Allee in jedem Fall meiden, rief die Schule den Eltern mit Blick auf den Unterstufenball, der vor einer Woche stattfand, ins Gedächtnis. „Unabhängig von der Tageszeit sollten Ihre Töchter den Schulweg am besten in Gruppen antreten“, lautete der Rat, der nun bundesweit zitiert wird.
Die Situation im Bahnhofsumfeld war und ist Stadtgespräch (siehe Infokasten am Textende). Dementsprechend schnell kursierte der Brief im Internet. Auch rechte Kreise machten sich das Thema zu eigen. Bei X (ehemals Twitter) spielten mehrere Personen das Schreiben gegen aktuelle (und bundesweite) Demonstrationen gegen rechts aus.
„Das war ein rein präventiver Brief“, sagte der langjährige Schulleiter Hans Lindner bereits vergangene Woche zur MZ. Man habe weder Angst schüren wollen noch sei es zu Vorfällen mit Schülerinnen gekommen. „Es ist nie was passiert – und das soll so bleiben“, betonte Lindner mehrfach. Der Brief hatte sich da schon verselbstständigt – und zog, teils aus dem Zusammenhang gerissen, seine Kreise.
Regensburg: Sexualdelikt in der Fürst-Anselm-Allee nur vorgetäuscht?
Anlass für das Schreiben waren laut Bistumssprecher Stefan Groß die beiden Sexualdelikte, die sich binnen weniger Tage in der Nähe der Schule zugetragen haben sollen – wobei eines davon wohl frei erfunden war, wie sich später herausstellte. Eine 27-Jährige hatte angegeben, ein Mann „arabischen Aussehens“ habe sich am helllichten Tag in der Fürst-Anselm-Allee an ihr vergangen. Mittlerweile ermittelt die Kripo gegen das vermeintliche Opfer. Im zweiten Fall, der sich nahe des Ernst-Reuter-Platzes abgespielt haben soll, nahm die Polizei zwei junge Tunesier fest. Die Ermittlungen dauern an.
Eltern hätten sich laut Groß besorgt gezeigt. Daher sei es richtig gewesen, den Brief zu verschicken – „im Sinne der Achtsamkeit und Sensibilisierung“. Auch der Bistumssprecher betont: Schülerinnen wurden nie Opfer von Gewalt.
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In den vergangenen Tagen nahmen sich überregionale Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder Die Welt der Situation rund um den Regensburger Hauptbahnhof und des Briefes an. Das Echo habe die Eltern überrascht, berichtet Groß. Da die Sicherheit der Kinder höchste Priorität habe, sei es richtig, dass das Thema von den Medien aufgegriffen werde, findet der Sprecher. Auch die Bild-Zeitung berichtete zweimal groß, „Schock“-Schlagzeile und Umdichtung des Schulwegs inklusive. „Der empfohlene Weg zum Hauptbahnhof führt nicht durch die Fürst-Anselm-Allee!“, stellt Groß klar. Die meisten der Schülerinnen kämen mit dem Bus direkt an der Schule an.
Auch die AfD entdeckte das Thema schnell für sich. Nicht nur der Regensburger Kreisverband äußerte sich bei X; Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, benutzte den Brief als Beispiel dafür, „in welchem Zustand“ sich Deutschland „nach acht Jahren unkontrollierter Masseneinwanderung“ befinde.
AfD greift Regensburger Elternbrief auf: Falsche „Fakten“ im Netz
Auch für den AfD-Hauptkanal erstellte die Social-Media-Abteilung eine Kollage. „Warnung vor Vergewaltigung auf dem Schulweg!“ stand in fetten Lettern über dem Bild dreier blonder Mädchen geschrieben. In der Beschreibung des Posts zitieren die Rechtspopulisten aus dem Brief und aus der MZ. Obwohl zum Zeitpunkt der Veröffentlichung längst feststand, dass die Ermittlungen in einem der beiden Sexualdelikte eingestellt wurden, schrieb die AfD weiterhin von „zwei Vergewaltigungen“. Viele andere X-Nutzer tun es der AfD gleich und ignorieren den aktuellen Stand der Ermittlungen.
Man könne leider nicht verhindern, dass „verschiedene politische Couleurs ernsthafte Anschreiben für ihre Zwecke missbrauchen“, sagt Bistumssprecher Groß. Man distanziere sich von jeglicher Form der Instrumentalisierung und Vereinnahmung.
Hintergrund: Angespannte Lage rund um den Hauptbahnhof Regensburg
Kriminalität: Wie in vielen anderen Städten ist das Bahnhofsumfeld ein polizeilicher Brennpunkt – das aber seit vielen Jahren.
Entwicklung: Ab Sommer 2023 verzeichnet die Polizei einen deutlichen Anstieg der Straßenkriminalität rund um den Hauptbahnhof.
Hintergrund: Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei den Tatverdächtigen aus jüngster Zeit größtenteils um Männer tunesischer Abstammung.