Ermittlungen gegen 27-Jährige: Droht für vorgetäuschte Vergewaltigung Haft?

Eine 27-Jährige gab womöglich nur vor, am Regensburger Bahnhof vergewaltigt worden zu sein. Nun ermittelt die Kriminalpolizei gegen die junge Frau. Ihr droht unter Umständen sogar eine Haftstrafe. Die Regensburger Oberbürgermeisterin zeigt sich indes erleichtert – und will dennoch weiterhin hart durchgreifen.
Die angebliche Tat schockierte Regensburg: Eine 27-Jährige meldete sich vor einigen Wochen bei der Polizei und gab an, am 19. Januar vergewaltigt worden zu sein. Die Tat sei an einem Freitagnachmittag geschehen – also am helllichten Tag. Schnell hegten die Ermittler laut MZ-Informationen Zweifel an den Äußerungen. Nur wenige Zeugen meldeten sich bei der Polizei – niemand hatte etwas beobachtet. Auch auf Videoaufnahmen tauchten die vermeintlichen Täter nicht auf. Am Freitag nun die Wende: Die Beamten ermitteln gegen die junge Frau, wie Polizeisprecher Claus Feldmeier auf Nachfrage bestätigte. Der Vorwurf: Vortäuschung einer Straftat. Die 27-Jährige räumte laut Polizei ein, in ihren Aussagen gelogen zu haben.
Lesen Sie hier einen Kommentar zur angeblichen Vergewaltigung am Obelisken von Christian Eckl, MZ-Chefreporter und Mitglied der Chefredaktion: Mahnung an die Mahner
Seit Monaten wird die Sicherheitslage rund um den Regensburger Hauptbahnhof intensiv diskutiert. Diebstähle, offener Drogenhandel, Gewalt und Sexualdelikte – das Tor zur Stadt und das Diskothekenviertel wurden als „Brennpunkte“ markiert, nachdem ein sprunghafter Anstieg von Straftaten durch die immer selben Täter offenkundig wurde. Die Behörden reagierten: Sogenannte Mehrfachintensivstraftäter werden in beschleunigten Verfahren bearbeitet. Die zwei angezeigten Sexualdelikte vom 19. und 25. Januar verschärften die Lage deutlich. Im zweiten Fall soll eine 29-Jährige missbraucht worden sein. Zwei Tunesier sitzen in Untersuchungshaft.
Oberbürgermeisterin zeigt sich erleichtert – und will für mehr Sicherheit sorgen
In Öffentlichkeit und Politik wurde intensiv diskutiert: „Wie für viele andere war es für mich ein Schock“, sagte Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer in einem MZ-Interview. Die Oberbürgermeisterin zeigte sich am Freitagnachmittag im Gespräch mit der MZ erleichtert, dass es in Regensburg keinen Bereich gebe, in dem es am helllichten Tag zu einer Vergewaltigung komme. „Das ändert aber nichts daran, dass wir solche Übergriffe nicht tolerieren.“ Es müsse mehr für die Sicherheit im Bahnhofsumfeld getan werden. „Nicht erst seit den beiden Vorfällen.“
Gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden arbeite die Stadt an einer Verbesserung der Zustände. In den Parks wurden Bänke entfernt. Zudem sollen Beleuchtung und Videoüberwachung ausgebaut werden, um das Sicherheitsgefühl zu steigern.
Nach dem Aufschrei stellt sich vielen nun die Frage nach dem Warum. Letztlich werden die Ermittlungen der Polizei klären müssen, was die Frau zu ihrem Handeln trieb.
Opfer-Anwältin spricht von verheerenden Folgen
Anwältin Shirin Ameri vertritt vor Gericht regelmäßig Opfer von Straftaten, die dort als Nebenkläger auftreten. Fälle wie dieser hätten verheerende Folgen für Menschen, die tatsächlich Opfer von Straftaten wurden. „Deren größte Angst ist es, dass ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie eine Tat zur Anzeige bringen.“ Wenn so etwas passiere, wie im Fall der 27-Jährigen, bestätige das die Ängste der Opfer. Zumal die Gesellschaft die Opfer oft in Frage stelle. Es gehe nach einer Straftat vorrangig darum, die Personen zu stützen und ihnen Hilfe anzubieten, so Ameri. Die Anwältin betont: „Solche Fälle sind die Ausnahme.“
Florian Rottke betreibt den Kiosk am Schwammerl, in dessen Umgebung die Frau vorgab, angesprochen worden zu sein. Er sei schon kurz nach dem Vorfall skeptisch gewesen, sagte der Brücke-Stadtrat der MZ am Freitag. Er sei zum Tatzeitpunkt vor Ort gewesen und habe nichts mitbekommen. Es sei schade, dass die Bahnhofsgegend durch den Vorfall noch weiter in Verruf gerate. Rottke betont allerdings auch: „Wir haben dort ein Problem.“ Es sei gut, dass die Polizei den Vorwürfen nachgegangen ist. „Es ist aber schade, wenn das dazu führt, das tatsächliche Straftaten nicht mehr ernst genommen werden.“
Nun droht eine Haftstrafe
Hermann Gammer ist Leiter der Regensburger Außenstelle des Weißen Rings, eines Vereins, der Kriminalitätsopfern hilft. Er sagt, dass Opfer einer Straftat zumeist mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt seien. Ein Fall wie der vorliegende beeinflusse Geschädigte nicht zwingend. Gammer betont allerdings auch, dass manche Opfer Angst haben, dass ihnen nicht geglaubt wird. In dieser Konstellation könne ein Fall wie der der 27-Jährigen dazu führen, dass Ängste verstärkt werden.
Welche Folgen könnten die Ermittlungen für die Frau haben? Laut Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher, Sprecher der Staatsanwaltschaft Regensburg, droht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren, wenn eine Straftat vorgetäuscht wird. Je schwerer das vorgetäuschte Delikt, desto höher falle die Strafe im Regelfall aus, sagte Rauscher der MZ am Freitag. Dabei komme es unter anderem darauf an, wie groß der Umfang der polizeilichen Ermittlungen war, die durch die Vortäuschung ausgelöst wurden. Auch die Frage, ob die vorgetäuschte Straftat zu einer erheblichen Verunsicherung in der Bevölkerung geführt habe, spiele eine Rolle, so Rauscher weiter. Besonders der zweite Aspekt spiele im konkreten Fall eine große Rolle, auch weil der Fall der angeblichen Vergewaltigung zu einem größeren Medien-Echo geführt habe.