Mordversuch in Burgweinting: Videospiele, Joints und die große Frage nach dem Warum?

Von André Baumgarten · 16. Januar 2024 um 19:59

Junger Regensburger (19) schweigt im Prozess weiter. Zeugen schildern vor Gericht, wie der Tag vor und nach dem brutalen Angriff eines 23-Jährigen ablief: „Die Stimmung war ganz normal, wir haben gelacht wie am Tag davor.“ Abends griff das SEK zu.

Für ein vermeintliches Drogengeschäft soll ein Regensburger am 22. April 2023 eine junge Frau in ein Waldstück gelockt, sie vergewaltigt und mit einem Messer auf sie eingestochen haben – das sagt die Anklage. Im Prozess wegen versuchten Mordes und Vergewaltigung schweigt der heute 19-Jährige. Freunde des jungen Mannes, die an jenem Samstag mit ihm unterwegs waren und Videospiele zockten, sagten nun vor Gericht aus. Antworten lieferten sie zum Drogenkonsum – die Frage nach dem Warum ist noch immer unbeantwortet.

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Die Tat vor knapp neun Monaten erschütterte ganz Regensburg. In der Nacht zum 23. April bat eine 23-Jährige in einer Tankstelle Angestellte um Hilfe. „Es war alles voller Blut, bei jedem Wort ist das rausgesprudelt“, schilderte eine Ersthelferin die dramatischen Minuten. Sie rettete der jungen Frau womöglich das Leben – im Nebenraum drückte die 58-Jährige die Wunden mit Handtuchpapier ab. Eine zweite Mitarbeiterin holte Tischdecken, damit sich das Opfer bedecken konnte. Nur in Slip und in Stiefeln hatte sich die Frau zur rettenden Tankstelle geschleppt.

Was ihr zugestoßen war, schilderte die junge Frau der sofort alarmierten Polizei: Sie habe Cannabis kaufen wollen und sich mit dem 19-Jährigen verabredet. Statt zum Bahnhof habe der sie in ein kleineres Waldstück nahe des Hauptzollamts in Regensburg bestellt. Wie aus dem Nichts habe er sie attackiert, gefesselt und geknebelt – Kabelbinder und Klebeband habe er dabeigehabt. Nachdem er über sie hergefallen war, habe er ihr zweimal ein Messer in den Hals gerammt, quer über die Kehle geschnitten und ihr einen Stein auf den Schädel gehauen oder geworfen.

Geknebelt, gefesselt, vergewaltigt und zugestochen?

Vor Gericht hatte die 23-Jährige dazu unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagt. Dass sie das überhaupt konnte, sei der Tatsache geschuldet, dass sie sich irgendwann totstellte, sagen Ermittler. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte die junge Frau töten wollte. Als Mordmerkmale sah man Heimtücke und das Verdecken einer Straftat. Die Jugendkammer des Regensburger Landgerichts erweiterte das bereits vor Start des Prozesses: Demnach kämen auch niedrige Beweggründe als ein drittes Mordmerkmal infrage.

Auch nach nunmehr acht Verhandlungstagen blieb die drängendste Frage unbeantwortet: Die nach dem Warum? Freunde und Bekannte des jungen Mannes sprachen gestern von einem oder mehreren Joints, die vor der Tat geraucht worden waren. Sie beschrieben den 19-Jährigen unisono als „völlig normal“, auch nachdem zu dritt Kokain konsumiert worden sei – der Angeklagten habe davon „aber mit Abstand am wenigsten“ abbekommen. Der Bekannte, der das aussagte, traf ihn tags darauf wieder: „Die Stimmung war ganz normal, wir haben gelacht wie am Tag davor.“ Es wurden Online-Videospiele gespielt. Bis das SEK den Regensburger am Abend holte.

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Ein anderer Zeuge beschrieb den jungen Mann auf der Anklagebank als „sehr lustigen, netten Typ“, der Frauen gegenüber „immer sehr respektvoll“ gewesen sei. Und weil das so gar nicht zu dem passte, was in der Anklage geschrieben steht, fragten die Strafverteidiger Helmut Mörtl und Julian Wunderlich sehr genau nach – was Drogen denn mit dem 19-Jährigen machen würden, wann genau er was an die Freunde schrieb und wie Telefonate am Sonntag auf sie gewirkt hätten. Eine Erklärung, warum es zu diesem Übergriff kam, hatte keiner. Der Angeklagte könnte dazu vielleicht mehr sagen, doch eine Einlassung zur Tat gebe es „im Augenblick nicht“, erklärte Mörtl auf Frage des Vorsitzenden Richters Gerald Siegl.

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Die objektiven Beweise, die gegen den jungen Mann sprechen, wiegen schwer: Rechtsmediziner ordneten die DNA, die am Opfer gefunden wurde, eindeutig dem 19-Jährigen zu. Auch die Chats zwischen ihm und der jungen Frau wurden dokumentiert. Der Hauptermittler des Falls wird am 22. Januar aussagen – und außerdem ein Freund, der in jener Nacht beim Angeklagten in der Wohnung in Burgweinting schlief. Der hatte ihm bei der Kripo einst ein Alibi gegeben, war dann aber eingeknickt und bestätigte, dass der Angeklagte nachts einige Zeit weg war.

Trotz Jugendstrafrechts drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis

Sollte die Jugendkammer den 19-Jährigen schuldigsprechen und die besondere Schwere der Schuld feststellen, kämen trotz Jugendstrafrechts 15 statt zehn Jahren Höchststrafe in Betracht. Bis es zu einem Urteil kommt, dürfte es aber noch dauern: Bis zum 15. März hat das Gericht weitere Prozesstermine angesetzt – die Mörtl und Wunderlich „schon noch füllen“ wollen, wie sie gestern unmissverständlich andeuteten.

Die beiden Regensburger Strafverteidiger Helmut Mörtl (re.) und Julian Wunderlich vertreten den 19-Jährigen im Prozess. Foto: Baumgarten