Neumarkts scheidender OB Thumann im Interview: „Das hinterlässt Spuren“

Der 4. Dezember ist für Thomas Thumann (UPW) nach 18 Jahren der letzte Arbeitstag als Neumarkter Oberbürgermeister. Im Interview spricht er über die Stunden und Tage nach der Wahlniederlage, über Höhen und Tiefen seiner Amtszeit und darüber, was er künftig vorhat.
Mit einigen Wochen Abstand: Wie blicken Sie auf das, was am 22. Oktober passiert ist?
Thomas Thumann: Ich habe mit diesem Ergebnis schon im ersten Wahlgang so nicht gerechnet. Ich denke, dass die geringe Wahlbeteiligung sich für mich negativ ausgewirkt hat. Unter den Nichtwählern waren sicherlich viele, denen es egal ist, wer OB ist. Und dann gab es auch viele, die sich gesagt haben: „Naja, das ist eine gmahte Wiesn für den Thumann“. Gut, und dann kommt das raus.
Wie war der Wahlabend und die ersten Tage danach für Sie?
Thumann: Am Wahlabend war ich wie paralysiert. Ich war sehr getroffen. Deswegen war ich froh, dass mich am nächsten Morgen meine Kumpels abgeholt haben und wir für mehrere Tage nach Istanbul zum Champions-League-Spiel des FC Bayern geflogen sind. Das war schon länger geplant, aber in der Situation umso perfekter.
Strafverfahren nahm Neumarkts Oberbürgermeister Thumann mit
Und seither?
Thumann: Man lebt dieses Amt und das habe ich auch immer genossen. Aber man dreht am Freitagnachmittag nicht einfach den Schlüssel im Schloss um und ist dann weg. Insbesondere dieses Jahr war für mich nicht einfach, wenn ich bloß an das Strafverfahren denke (Thumann war wegen Untreue angeklagt und wurde freigesprochen; Anm. d. Redaktion). Viele haben zu mir gesagt: „Das war doch klar, dass das so ausgeht“. War es eben nicht. Das hinterlässt Spuren.
Klingt, als hätten Sie sich in die Situation eingefunden.
Thumann: Für mich eröffnet sich – wenn auch ungeplant – ein anderer Lebensweg. Bei mir überwiegt inzwischen die Vorfreude, auf das was kommt. Allen voran familiär. Meine Frau und die Kinder freuen sich sehr, dass wir plötzlich eine andere Weihnachtszeit verleben werden als in den vergangenen Jahren. Es ist aber auch nicht so, dass ich aus der Welt wäre: Ich sitze nach wie vor im Bezirkstag und im Kreistag.
Wissen Sie schon, was Sie künftig beruflich machen werden?
Thumann: Nein. Ich habe erste Ideen und ich könnte mir verschiedene Bereiche vorstellen. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich wieder als Anwalt arbeite. Aber auf diese Frage eine Antwort zu finden, hat bei mir nicht die erste Priorität.
Thumann will nicht Neumarkter Landrat werden
Ist irgendwas in der Politik denkbar?
Thumann: Wenn ich mich im Herbst 2022 für die Variante Landespolitik entschieden hätte, säße ich jetzt möglicherweise in München. Aber ob das dann besser wäre, ist eine andere Frage. Ob man das Ganze, was mit einem politischen Amtes einhergeht, nochmal auf sich nimmt, wenn man sich in den neuen Lebensabschnitt eingewöhnt hat? Ich für mich kann das ausschließen. Die Freien Wähler in Neumarkt haben genügend Potenzial. Falls gewünscht, werde ich gerne im Hintergrund beraten und mit meinen Netzwerken helfen.
2026 wird ein neuer Landrat gewählt.
Thumann: Auch das Gerücht habe ich schon gehört (lacht). Auch das kann ich ausschließen. Das andere Gerücht ist, dass ich am 5. Dezember in einer Anwaltskanzlei in Neumarkt anfange. Ich habe diesen Gedanken noch nicht mal gefasst und auch noch mit niemanden gesprochen (lacht).
Was wird von 18 Jahren Thumann in Neumarkt bleiben?
Thumann: Ich war letzte Woche mit dem CEO vom Pfleiderer bei der Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Da ist mir noch mal bewusst geworden, dass dieser Preis für Neumarkt 2013 ein Wahnsinn war. Mit dem Stellenwert nicht nur deutschlandweit, sondern darüber hinaus. Nachhaltigkeit lässt sich anders als Hochbauten wie das Schlossbad nicht so gut fassen. Aber das geht einem mit anderen wichtigen Projekte auch so.
Trinkwasser von der Laber-Naab-Gruppe für Neumarkt
Haben Sie ein Beispiel?
Thumann: Eines der wichtigsten Projekte in meiner Amtszeit war das zweite Trinkwasserstandbein gemeinsam mit der Laber-Naab. Es ist ein Privileg , dass wir in Neumarkt ein Trinkwasser dieser Qualität haben. Das ist bei Vielen nicht angekommen. In Neumarkt wird generell Vieles als zu selbstverständlich genommen.
Es gibt Kritiker, die sagen: Neumarkt geht es gut – trotz Thumann. Unterstützer sagen: Wegen Thumann.
Thumann: Wie begründen die Kritiker das? Wenn die Wirtschaft in den Keller geht, dann ist der Oberbürgermeister schuld? Und komischerweise, wenn sie nach oben geht, kann er trotzdem auch nichts dafür? Als OB kann man gemeinsam mit dem Stadtrat dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Wie zum Beispiel in unserem Fall mit dem niedrigsten Gewerbesteuerhebesatz unter allen Großen Kreisstädten. Letztlich hat der OB aber auch nicht den Einfluss, um die großen Räder wie die Ukraine-Krise umzukehren. Und noch etwas wird leicht vergessen: Als OB habe ich auch nur eine Stimme im Stadtrat. Wie ich in das Amt gekommen bin, hatte die CSU eine absolute Mehrheit im Stadtrat. Dass denen daran gelegen war, die Scharte der Wahlniederlage auszuwetzen, war klar. Diese Jahre waren nicht so einfach, bis diese absolute Mehrheit vorbei war.
Wie sehen Sie Ihre wirtschaftliche Bilanz?
Thumann: Als ich angefangen habe, hatte Neumarkt 71 Millionen Euro Rücklagen. Dann kamen einige nicht so einfache Jahre. Dennoch haben wir in den vergangenen 18 Jahren als Stadt 500 Millionen Euro investiert. Ich habe mit 13 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen begonnen, dieses Jahr sind es mehr als 50 Millionen Euro. Tausende Arbeitsplätze sind dazugekommen und wir haben 78 Millionen Euro Rücklagen. Also aus unternehmerischer Sicht würde jeder sagen: eine saubere Bilanz.
Thumann: Hochschule für Neumarkt große Chance
Welche Projekte hätten Sie gerne noch weiter verfolgt?
Thumann: Das ist vor allem der Ausbau der Hochschultätigkeiten. Viele haben noch nicht umrissen, was das für die Stadt für eine Chance ist.
Apropos Zukunft: Wie sehen Sie diese für Neumarkt?
Thumann: Ich sehe die Zukunft der Stadt in der Weiterentwicklung der Wirtschaft und deren Stabilität durch viele unterschiedliche Sparten. Allerdings, und dafür bin ich ja auch von manchen ans Kreuz genagelt worden, plädiere ich für ein moderates Wachstum. Es kann nicht Sinn und Ziel einer nachhaltigen Stadtentwicklung sein, auf Teufel komm raus Baugebiete und Gewerbegebiete zu entwickeln, wie es teils andere machen.
Die gesamtwirtschaftliche Lage trübt sich ein. Davon kann Neumarkt nicht dauerhaft verschont bleiben.
Thumann: Bislang haben wir uns im Stadtrat darüber unterhalten, was wir in welcher Reihenfolge machen, nicht ob wir uns was leisten können. Das kann sich in der Zukunft ändern. Die ersten Anzeichen sind ja überall da. Aber Neumarkt ist in einer guten Ausgangssituation. Kommunen mit solchen Rücklagen gibt es nicht viele. Die muss man sinnvoll einsetzen, um eine Wirtschaftskrise durchzustehen.
Thumann: Manchen Menschen in der Politik gehe es nicht um die Sache
18 Jahre Oberbürgermeister: Was war für Sie das Schönste an dem Amt?
Thumann: Es war für mich toll, als in der Altstadt geborener Neumarkter mit der Finanzkraft der Stadt im Rücken in den Stadtrat zu gehen, von Projekten zu überzeugen und etwas bewegen zu können. Quasi jede Stunde gab es ein anderes Thema, dem man sich gewidmet hat. Das hat das Ganze spannend gemacht.
Was war nicht so schön?
Thumann: Die Erkenntnis, dass es manchen Menschen in der Politik nicht um die Sache geht, sondern um politisches Kalkül. Und dass es Einzelinteressen geschafft haben, rüberzukommen, als wären sie die Mehrheit. Beispielsweise beim Solarpark in Rittershof. Das betrübt einen. Als Oberbürgermeister muss man das Ganze sehen, nicht Einzelinteressen. Aber das wird für die Kollegen in der Zukunft noch schwerer.
Gibt es Dinge, die Sie anders machen würden?
Thumann: Mir fällt da so spontan nichts ein. Die Ausrichtung der Stadt und die für mich wichtigen Themen würde ich wieder so machen.
Thumann: OB sollte über Parteipolitik stehen
Haben Sie einen Ratschlag für Ihren Nachfolger?
Thumann: Über der Parteipolitik stehen. Immer das Ganze im Auge behalten. Dafür werden die großen Fraktionen immer wichtiger. Denn der Trend, dass immer mehr kleine Parteien in den Parlamenten sind, wird auch Neumarkt bei der nächsten Stadtratswahl bevorstehen. Damit wird es schwerer zu regieren, wenn sich die großen Fraktionen nicht zum Wohl aller Bürger einigen. Aber eines will ich nicht tun, nämlich mich in die Amtsgeschäfte meines Nachfolgers einmischen oder gute Ratschläge geben wollen. Privat werde ich die Entwicklung meiner Heimatstadt aber natürlich weiter genau verfolgen.
Wie hoffen Sie, dass die Menschen 18 Jahre Thomas Thumann in Erinnerung behalten?
Thumann: Dass ich mich trotz dieses Amtes in herausgehobener Position menschlich nicht verändert habe. Und dass ich bei allen Entscheidungen am Ende des Tages in den Spiegel schauen konnte, weil ich mich nicht verbogen habe.