Nach Groß-Razzia in Maxhütte-Haidhof: Gericht verhängt lange Haftstrafen für Drogenbande

Von André Baumgarten · 25. Juni 2026 um 20:34

30 Tage lief der Mammut-Prozess seit Februar in Amberg: Jetzt hat das Landgericht fünf Männer, die über Airbnbs kiloweise mit Betäubungsmitteln handelten, schuldig gesprochen. Insgesamt 43 Jahre Gefängnis haben die Richter als Strafen ausgesprochen. Ein Anwalt kündigt trotz Deal sofort Revision an.

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Monate lang führten sie die Ermittler an der Nase herum. Sie wechselten Handys fast im Tagesrhythmus und mieteten Airbnbs, um Rauschgift und Waffen zu verkaufen. Bis man ihnen mit einem klugen Kniff doch auf die Schliche kam: Die Polizei verwanzte das Leihauto der Drogenbande und hörte fleißig mit.

Im Oktober 2024 folgte dann die Razzia mit Spezialeinheiten in Deglhof, einem Ortsteil von Maxhütte-Haidhof (Lkr. Schwandorf). Der Mammut-Prozess gegen die Männer ist nun zu Ende gegangen: Das Landgericht in Amberg verhängte insgesamt 43 Jahre Haft gegen die fünf Angeklagten, die ganz klar der Organisierten Kriminalität zuzuordnen seien, betonte die Staatsanwaltschaft.

Um 12.30 Uhr sitzt am Donnerstag nur Valeri C. (Name geändert) im Saal. Der 40-Jährige ist der Hauptangeklagte, den Vorsitzende Richterin Elke Escher so umschreiben wird: „Er war der Macher, er war der Entscheider.“ Als ihm Strafverteidiger Prof. Dr. Jan Bockemühl zwei Becher vom Wasserspender bringt, lächelt er locker. Zeitweise unterbricht nur das Schnipsen mit den Fingern die Stille im Saal. Dann kommen nach und nach die ersten Mitangeklagten, deren Anwälte und auch mehrere Ermittler in zivil, die den letzten Prozesstag mitverfolgen.

Drei Angeklagte gestehen im Prozessverlauf alles

Ein vergleichbares Verfahren unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen gab es in Amberg noch nie. Das Aufgebot war bemerkenswert – teils saßen Einsatzkräfte vermummt im Gericht. Der einzige, ganz kurze Wohlfühl-Moment an diesem Tag dürfte wohl gewesen sein, als man von über 30 Grad draußen in den wirklich gut klimatisierten Schwurgerichtssaal kam.

Irgendwie schien die Spannung auch greifbar, obgleich das Ergebnis zumindest bei drei Tätern vorgezeichnet war. Sie hatten im Prozessverlauf all das gestanden, was nach einer Verständigung noch Teil der deutlich abgespeckten Anklage geblieben war, und sich so noch höhere Haftstrafen erspart.

Ein einst wirklich erfolgreicher Geschäftsmann (hinten) aus Amberg war auch unter den fünf Angeklagten. - Foto: Baumgarten

Ein anonymer Hinweis hatte die Behörden auf die Spur dieser quer durch Deutschland reisenden Bande geführt. Und die war tief in einer Welt vernetzt, wo mit Crystal Meth, Koks, Kalaschnikows und sogar Handgranaten gehandelt wird. Davon sind die Ermittler überzeugt. Der Tipp auf Valeri C. kam aus dem Ausland. Von Deals zig Kilo Kokain und Meth war die Rede, von Waffendeals und auch gefälschten Pässen.

Acht Minuten vor der Urteilsverkündung kam dann der fünfte Angeklagte, für den die letzte der drei Reihen reserviert war. Der einst erfolgreiche Amberger Geschäftsmann hatte gegen den Rat seiner Verteidiger Shervin Ameri und Ulrich Weber auspacken wollen, um eine mildere Strafe zu kriegen. Offenbar hatte ihn dann aber doch der Mut verlassen, wie am Rande klar wurde.

Die Wohnung des Angeklagten (im Bild zwischen seinen VerteidigernJörg Meyer, li., und Andreas Lösche, re.) mit dem mildesten Strafmaß (vorn, 2. v. re.) stürmten Spezialkräfte der Polizei am 14. Oktober 2024. - Foto: Baumgarten

Bei den großen Namen aus der Organisierten Kriminalität, mit denen er sich eingelassen haben soll, sehr wahrscheinlich keine so schlechte Idee: Sogar Treffen mit „Engeln“ (wohl die Rockergruppe Hells Angels) notierten die Beamten der GER (Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift) aus abgehörten Telefonaten mit. Hier arbeiten das Landeskriminalamt sowie das Zollfahndungsamt ganz eng zusammen.

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Im Strafmaß sollte sich die lediglich als Teilgeständnis bewertete Aufklärungshilfe für den 42-Jährigen letztlich aber dennoch auszahlen. Sieben Jahre und drei Monaten lautete seine Strafe für „bewaffneten Bandenhandel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“, wie die Vorsitzende Richterin verkündete. Und er darf, wie neben ihm nur ein weiterer Angeklagter, der Mandant der Strafverteidiger Jörg Meyer und Andreas Lösche (Urteil: fünf Jahre und neun Monate für „untergeordnete Tätigkeiten“), in Therapie.

Das Amberger Landgericht ordnete für beide eine Maßregel für den Drogenentzug an. Soll heißen: Sie dürfen nach einem Vorwegvollzug vom Gefängnis in eine Klinik wechseln. Sollten sie die Therapie erfolgreich beenden, kommen sie bereits nach zwei Dritteln der Strafe frei. Den drei anderen Angeklagten blieb das allerdings verwehrt. Die strengen Vorgaben des Gesetzgebers sah das Landgericht Amberg bei ihnen gerade nicht erfüllt.

Die Täter fuhren edle Luxuskarossen, wie diesen Audi A8 (r.), der nach der Razzia in Maxhütte-Deglhof wochenlang dort stand. - Foto: Baumgarten/Archiv
Prof. Dr. Jan Bockemühl und Kollege Christoph Schima (stehend) vertraten den Hauptangeklagten Valeri C. (re., Name geändert). - Foto: Baumgarten
In einem angemieteten Airbnb in Contwig (Nordrhein-Westfalen) wurden scharfe Schuss- und sogar eine Kriegswaffe gefunden. - Foto: Polizei Pirmasens
Mehr als 4,1 Kilo Crystal Meth stellten die Ermittler in dem Haus sicher. Eine Nachbarin hatte Ende September 2024 die Polizei alarmiert. - Foto: Polizei Pirmasens
Der Landgericht in Amberg glich für den Prozess fast einer Festung. Das Polizeiaufgebot war nicht zu übersehen. - Foto: Baumgarten

Die „zentrale Figur der Bande, die in erste Linie das Sagen hatte“, war jedoch Valeri C. Davon zeigte sich das Gericht am Ende überzeugt. Der 40-Jährige „wollte, statt einer geregelten Arbeit, mit Drogengeschäften das große Geld machen“. Dafür gab es auch die höchste Strafe: Zwölf Jahre muss der Mann aus Schwandorf hinter Gitter. Auch wegen seiner Vorstrafen – er war erst im Juli 2023 freigekommen und hatte sofort wieder losgelegt. „Das war ein Fulltime-Job, den er bewerkstelligt hat“, sagte Escher, und eine wohl ganz „bewusst gewählte Lebensgestaltung“.

Deutlich schlechter kam ein 49-Jähriger weg, der geredet, jedoch alles bestritten hatte. Zu elf Jahren verurteilte das Landgericht den Mann, der nach langer Haft in die Ukraine abgeschoben worden und bald wieder eingereist war, um straffällig zu werden. Was er den Richtern auftischte, „ist einfach ein Märchen“, so Escher. Der Fünfte im Bunde, ein 39-Jähriger aus Burglengenfeld, der nur für Beihilfe schuldig gesprochen wurde, bekam dafür sieben Jahre.

Verteidiger kündigt direkt nach dem Urteil Revision an

Verteidiger Bockemühl will für Valeri trotz eines geschlossenen Deals in Revision gehen. Sein Mandant benötige einen Entzug, betonte er im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern, nannte das Urteil aber „ein gutes Ergebnis“ - sehe man den „riesengroßen Berg“, mit dem man gestartet hat. Eine Verurteilung als kriminelle Vereinigung, wie zunächst auch angeklagt, gab es nämlich nicht.