Mammut-Prozess mit vermummten Polizisten: Machten Angeklagte Deals mit den Hells Angels?

Einblick ins das Organisierte Verbrechen – mitten in Schwandorf. Am Landgericht in Amberg läuft ein Mammut-Prozess gegen fünf Männer, die deutschlandweit ihre Deals abgewickelt haben sollen. Vermummte Polizisten sichern das Gerichtsgebäude ab.
Auch in der Oberpfalz hat die Organisierte Kriminalität längst Fuß gefasst. In Amberg stehen seit Freitag fünf Männer vor Gericht, die in ganz Deutschland Rauschgift und Kriegswaffen verkauft haben sollen. Und zwar hochprofessionell organisiert. Erst ein kluger Kniff der Ermittler brachte den Durchbruch: Ein verwanztes Leihauto wurde den Männern zum Verhängnis. Recherchen der Mediengruppe Bayern gewähren tiefe Einblicke in eine Welt, in der Crystal, Koks, Kalaschnikows und sogar Handgranaten gehandelt werden. Und das vor unserer Haustür – Zentrum im aktuellen Fall war der Landkreis Schwandorf.
Es geht um „sowjetische Luftpumpen“ und „Zitronen“ zum schmeißen; für Leute, „die frech gewesen sind“. Das, worüber Valeri C. (Name geändert) da am Telefon spricht, sind Kriegswaffen: AK-47-Schnellfeuergewehre und Handgranaten. Der 40-Jährige redet später ganz offen im Leih-Audi A6 mit Braunschweiger Kennzeichen, weil er sich sicher fühlt. Pünktlich werden alle paar Tage die SIM-Karten in Handys gewechselt. Damit das Zollfahndungsamt München und Fahnder des Bayerischen Landeskriminalamts nicht mithören können. Das gelingt auch eine zeitlang – bis dann ein Gespräch abgefangen wird, in dem ein Mitangeklagter eine der vielen Luxuskarossen zum Kundendienst anmeldet. Also wird das Leihauto kurzerhand verwanzt. Eine Woche lang hören die Ermittler so mit. Auch von der rosa Pistole, die Valeri für seine Tochter besorgen will – standesgemäß soll es schon sein.
Anonymer Hinweis kam per Telefon aus dem Ausland
Die junge Frau aus dem Norden des Landkreises Schwandorf hat zumindest vor Gericht gebrochen mit ihm. Und kam so mit zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung davon. Die Ex des Bandenbosses kassierte dagegen vier Jahre wegen Beihilfe. Ins Visier der GER (Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift) gerieten der 40-Jährige und das „Team“ hinter ihm nach einem anonymen Hinweis. Von zig Kilo Kokain und Crystal Meth ist die Rede, von Waffendeals, falschen Identitäten und Pässen. Der Anruf von Ende Juni 2024 bei Drogenfahndern der Kripo in Amberg kommt aus dem Ausland.
Wenige Tage später, am 1. Juli 2024, geht Valeri einer Streife der Verkehrspolizei zufällig ins Netz – doch ihm gelingt die Flucht mit dem AMG Mercedes, mit dem er unterwegs ist. Er wird angehalten, weil er sich mit einem anderen PS-starken Wagen ein Rennen liefert. Weil seine Dokumente offensichtlich gefälscht sind, soll er den Beamten folgen, die im zivilen Dienstwagen vorausfahren zur Wache. Eine weitere Streife zur Verstärkung soll nicht verfügbar gewesen sein. Das nutzt der heute 40-Jährige aus, lässt sich wohl ein wenig zurückfallen, biegt abrupt auf eine Nebenstraße ab und verschwindet dichten Verkehr.
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Richtig Bewegung kommt dann Ende September 2024 in den Fall. Bei einem Zufallsfund von Polizisten in Rheinland-Pfalz: Nachbarn melden seltsame Flexgeräusche nebenan, weshalb die Beamten in Contwig anrücken. Tatsächlich ist es ein Versteck der mutmaßlichen Bande, das wie so oft angemietet war. Vier Kilogramm Meth, eine scharfe Maschinenpistole der israelischen Marke „Scorpion“ (Uzi) samt gefüllter Magazine und vieles mehr werden gefunden. Valeri, dessen rechte Hand sowie der mutmaßliche Logistiker gehen jedoch durch die Lappen. Sie versuchen, sich abzusetzen, heißt es. Deshalb muss es am 14. Oktober 2024 ganz schnell gehen.
Die Gruppe ist der OK zuzurechnen. Es gab mutmaßlich Kontakte zu bekannten kriminellen Vereinigungen.Oberstaatsanwalt Carsten Reichel über Verbindungen zur Organisierten Kriminalität
Den Ermittlern der GER gelingt ein Überraschungszugriff mit Spezialkräften, als vier der fünf nun Angeklagten gerade aus Tschechien zurückkommen. Offen bleiben aber viele Fragen bei Anwohnern in Deglhof, einem Ortsteil von Maxhütte-Haidhof, im Landkreis Schwandorf. Erst Wochen später verschwindet der schwarze Audi A8, den die Einsatzkräfte ebenfalls durchsuchen und darin Spuren sichern. Er gehört dem 41-Jährigen, der im Landgericht auf der hintersten der drei Bankreihen sitzt. Der Mann aus Amberg hatte einen Fuhrpark von Luxusautos und soll diese der Bande um Valeri zur Verfügung gestellt haben.




Es vergehen exakt 48 Wochen, bis die Anklage steht – und die hat es in sich: Bildung einer kriminellen Vereinigung, bandenmäßiger und bewaffneter Handel mit Drogen in nicht geringer Menge und Verbrechen nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz legt ihnen die Amberger Staatsanwaltschaft zur Last. Ersteres ist ein Paragraf, der eigentlich nur bei sogenannten Staatsschutzverfahren angewendet wird. Von Weiden bis Passau und Nürnberg bis nach Ingolstadt hat es in den vergangenen fünf Jahren keine Anklage mit dem Vorwurf gegeben.
Im Zuge der Recherchen in dem Fall nahm auch die Staatsanwaltschaft in Amberg auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern Stellung: „Die Gruppe ist der Organisierten Kriminalität zuzurechnen“, bestätigte Carsten Reichel, der Sprecher der Anklagebehörde. Es sei ein erheblicher Aufwand investiert und dafür auch alle Möglichkeiten der Strafverfolgung „weitgehend ausgeschöpft“ worden. Ein Aufwand, der „selten veranlasst und erforderlich“ ist, erläuterte Reichel weiter. Ein „vergleichbarer Fall“ wie dieser sei in der Behörde niemandem erinnerlich.

Valeri C. und die vier Mitangeklagten haben die erste Liga der Oberpfälzer Strafverteidigung an ihrer Seite. Neben ihnen sitzen unter anderen Prof. Dr. Jan Bockemühl, Shervin Ameri (beide Regensburg), Dr. Gunther Haberl (Schwandorf), Jörg Jendricke, Andreas Lösche (beide Amberg) und Jörg Meyer (Regensburg). Und sie halten sich alle bedeckt: Keiner ihrer Mandanten macht zum Prozessauftakt irgendwelche Angaben. Ab Montag will das Landgericht in Amberg dann tief einsteigen – vorerst 38 weitere Prozesstagen sollen die Hintergründe der angeklagten Rauschgift- und Waffengeschäfte ans Licht bringen.
Obgleich in der Anklage „nur“ Drogen im zweistelligen Kilobereich aufgeführt sind, wissen die Ermittler, dass weit mehr hinter Valeri und seinen Mitangeklagten steckt. Es könnte natürlich alles nur Prahlerei gewesen sein, was der als Bandenboss angeklagte Schwandorfer im verwanzten Leihwagen alles erzählte. Da war jedenfalls von einigem mehr die Rede – was mangels Beweisbarkeit am Ende aber wegfiel und wohl keinen großen Unterschied mehr machen dürfte. Den Angeklagten drohen hohe Haftstrafen – bis zu 15 Jahre stehen im Gesetz.
Zählten die Hells Angels zu den Kunden der Bande?
Ob die Verbindungen zu anderen klangvollen Namen der Organisierten Kriminalität in Deutschland vor Gericht zum Thema werden, wird sich zeigen müssen. Auch Treffen mit „den Engeln“ werden in abgehörten Telefonaten erwähnt. Erhärten wird sich auch das kaum lassen. Denn mit Größen wie den Hells Angels legt man sich nicht an, sondern man hält die Klappe. Dass es „mutmaßlich Kontakte zu bekannten kriminellen Vereinigungen“ gab, bestätigte die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage bereits vor Monaten.
Ein Urteil in dem Fall soll nach aktueller Planung frühestens Ende Juni fallen. „Wir haben das ganze Programm vor uns“, sagte Vorsitzende Richterin Elke Escher am Freitag zum Prozessauftakt.
