Nach Aus für Fibres und Mahle: Kriselt die Wirtschaft im Landkreis Kelheim?

Am Ende stand bei Kelheim Fibres ein Trauermarsch – sinnbildlich zog er sich bis zur Firma Mahle in Neustadt a. d. Donau. Zwei Unternehmen im Landkreis Kelheim mit je 400 Mitarbeitern schließen. Sind das Anzeichen einer Wirtschaftskrise in der Region?
Wie tief der Schock sitzt, machen die Worte von Manuel Lorenz, Kelheimer Geschäftsstellen-Leiter der IHK Oberpfalz/Kelheim, deutlich: „Die beiden Schließungen wiegen für die Beschäftigten, aber auch für den gesamten Wirtschaftsraum schwer, weil es sich um stark verwurzelte Unternehmen und beliebte Arbeitgeber handelt.“
Landrat Christian Nerb, der Mahle „noch nicht aufgegeben hat“, streicht den sozialen Aspekt heraus. „Mehrere hundert Beschäftigte stehen vor einer ungewissen Zukunft.“ Die Gründe für die Stilllegungen sieht er „in wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die vor Ort nicht steuerbar sind – unter anderem die Energiepreise“.
Nicht allein die beiden Betriebe trifft das Aus. Regionale Firmen leben teils von Aufträgen aus diesen Werken, etwa bei Instandsetzungen. Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz sind „größere Verwerfungen aber nicht bekannt, wenngleich in einzelnen Betrieben spürbare Auswirkungen auftreten“.
Nach wie vor Bedarf an Fachkräften
Eine Krise im Landkreis machen weder Landrat noch Wirtschaftsvertreter aus. „Von weiteren Schließungen gehe ich derzeit nicht aus und mir ist auch nichts bekannt“, so Nerb. „Der Arbeitsmarkt im Landkreis zeigt sich weitestgehend stabil“, sagt Lorenz von der IHK. Bei vielen Unternehmen herrsche nach wie vor Bedarf an qualifiziertem Personal. Das sei nach der Insolvenz bei Fibres auch durch eine „hohe Solidarität der regionalen Betriebe bei der Vermittlung von Jobs“ zutage getreten. „Wir erwarten eine ähnlich positive Dynamik für die Mahle-Mitarbeiter.“
Zu den guten Nachrichten zählt für den Geschäftsstellen-Leiter auch: „Im Vergleich zu anderen bayerischen Regionen haben wir weiterhin niedrige Zahlen an Insolvenzen, Betriebsschließungen und -verlagerungen.“ Der Landkreis sei als Standort nach wie vor attraktiv. Der Landrat weiß von Anfragen von Firmen für ein neues Gewerbegebiet in Saal a. d. Donau.

Doch nicht alles ist rosig, gerade durch die allgemein schwierige wirtschaftliche Lage. „Es gibt Betriebe, die durchaus schwer getroffen sind“, so Kilger von der Handwerkskammer. Andere wiederum würden sich „hervorragend auf dem Markt behaupten“. Düstere Kunde ist jedoch, „dass die Zukunftsaussichten der Betriebe meist eher negativ geprägt sind“. Dem pflichtet Nerb bei: „Wir erkennen bei Investitionen und Innovationen eine deutliche Zurückhaltung.“
Die schwächelnde Konjunktur „erhöht den Druck“, erklärt Lorenz: Auftraggeber verlangen Preisnachlässe, Standorte werden in Länder mit günstigeren Lohn- oder Energiekosten verlagert, die Suche nach neuen Geschäftsfeldern verschärft den Wettbewerb in anderen Branchen. Für das Handwerk bedeute dies, „flexibel in der Angebotspalette zu sein, was die meisten Betriebe auch sind“, ergänzt Kilger.
Amazon-Logistikzentrum bei Rohr würde 3000 Arbeitsplätze bringen
Wo Arbeitsplätze verloren gehen, „müssen ständig neue entstehen, das ist ein natürlicher Prozess, wenn man als Region erfolgreich bleiben möchte“, bekundet Geschäftsstellen-Leiter Lorenz. Nicht nur bei ihm drängt sich als möglicher Job-Motor das geplante Amazon-Logistikzentrum bei Rohr i. Nb. auf, das rund 3000 Arbeitsplätze bringen könnte. Die IHK sieht sich in ihrem „Ja“ zum Vorhaben bestärkt.
Rund 50 regionale Firmen dagegen haben sich in einem „Brandbrief“ vor über einem Jahr gegen das Projekt ausgesprochen. Handwerkskammer-Präsident Georg Haber kennt die Bedenken: „Das Handwerk braucht qualifizierte Mitarbeiter. Mit Amazon kommt ein Mitbewerber auf den Markt, der zumindest zu einem Teil dieselbe Personengruppe sucht wie unsere Betriebe.“ Die Schnittmenge dürfte „allerdings nicht allzu groß sein“.
Landrat Nerb hatte im Wahlkampf betont, das Amazon-Vorhaben sei „Stand jetzt nicht genehmigungsfähig“. Auf die Frage, ob es nach dem Verlust von Hunderten Arbeitsplätzen nun geboten sei, das Projekt umzusetzen, antwortet er nicht direkt. „Die Beteiligung des Landratsamtes im Rahmen der Verfahren sind staatliche Angelegenheiten des Landratsamtes Kelheim und entsprechend neutral abzuarbeiten“, so seine Worte. Zum Logistikpark wird in Rohr aktuell die zweite Auslegung des vorhabenbezogenen Bebauungsplans vorbereitet.
Beschäftigte und Betriebe im Landkreis Kelheim
Arbeitnehmer: Der Landkreis Kelheim zählt 42.933 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (Stand: 2025). Damit gibt es verglichen mit 2023 (42.293) und 2019 (40.237) einen spürbaren Anstieg. Gut zehn Prozent – 4680 Arbeitskräfte – sind in der Herstellung von Kfz-Komponenten beschäftigt. Ähnlich hoch ist die Zahl nur noch im Baugewerbe, mit Hoch- und Tiefbau, mit 4277 Arbeitnehmern.
Industrie: Im verarbeitenden Gewerbe (Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie) blieb die Zahl der Unternehmen innerhalb von sechs Jahren annähernd gleich: 400 (2024), 404 (2023), 393 (2019). Betrachtet man das Jahr 2015 (435), war sie aber auch schon höher.
Handwerk: Ende 2025 gab es laut Handwerkskammer 2332 Betriebe im Landkreis; 2023 lag die Zahl ähnlich hoch (2339). Beide Werte sind stärker als der Stand Ende 2019 mit 2139 Firmen. Das bildet sich auch in der Zahl der Beschäftigen ab mit 11.270 Mitarbeitern in 2024 (neuere Daten nicht verfügbar), 11.410 in 2023 und 11.183 in 2019.