Neustart nach Kelheim-Fibres-Aus: 30-Jähriger wagt Sprung in die Selbständigkeit

Von Beate Weigert · 19. Mai 2026 um 19:00

Drei Generationen arbeiteten im Kelheimer Faserwerk. Die Schließung schockte auch den 92-jährigen Opa, der einst die Familien-Tradition begründete. Vier Männer verdienten ihr Geld im Kelheimer Faserwerk. Nun heißt es, nach vorne zu blicken.

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Seit gut sieben Wochen ist das Kelheimer Faserwerk an der Regensburger Straße dicht. Fast 90 Jahre lang hatten viele Menschen hier ihre Arbeit. Oft mehrere Generationen pro Familie. So war das auch im Hause Yenil. Von Opa Kasif über Papa Halil hin zu den Brüdern Ismail und Kasif. Letzterer gehörte zu denjenigen, die am 31. März Kelheim Fibres „zu Grabe trugen“. Nun wagt der 30-Jährige den Sprung in die Selbständigkeit.

„Wir waren eine Kelheim Fibres-Familie“, sagt Kasif junior. „Eng mit dem Faserwerk verbunden.“ Angefangen hatte alles mit dem heute 92-jährigen Opa. Der kam 1970 aus Kappadokien in der Zentraltürkei zunächst als Gastarbeiter nach Frankreich. Zwei Jahre später begann er bei der damaligen Hoechst AG in Kelheim als Ofenputzer. 22 Jahre blieb er dem Faserwerk treu.

Selfie mit Opa Kasif: Der 92-Jährige kam 1972 als sogenannter Gastarbeiter zur Hoechst AG, wie das Faserwerk damals hieß. Er wurde als Ofenputzer angestellt. - Foto: Kasif Yenil

Unsichere Zeiten gab es auch damals immer wieder. Es hieß öfter, dass das Werk schließen könne, dazu kam es aber nie, erinnert sich Kasif Yenil. „Deshalb glaubte mein Opa bis zuletzt nicht wirklich, dass Kelheim Fibres tatsächlich einmal schließen würde.“

2011 lernte er Chemikant bei Kelheim Fibres

Der Enkel auch nicht. Umso tiefer saß der Schock, als sich doch kein Käufer fand und klar war, dass das Industrieunternehmen abgewickelt wird.

15 Jahre seines Lebens verbrachte der 30-Jährige bei Kelheim Fibres. Beworben hatte er sich für eine Ausbildung zum Schlosser. Das war die Arbeit vom „Bab“, von Halil Yenil. Kasif spricht den Papa Niederbairisch aus. Der wiederum hatte zunächst auf Empfehlung seines Vaters im Faserwerk gelernt.

Das Bild zeigt Kasif Yenil mit Vater („Bab“) Halil und Bruder Isi im Pool auf Türkei-Urlaub. Es ist das letzte gemeinsame Foto der drei Männer. - Foto: Elif Yenil

Kasif lernte dann doch nicht Schlosser, sondern wurde Chemikant. Er bildete sich fort. Zuletzt war er stellvertretender Betriebsleiter der Rückgewinnungsanlagen gewesen, sagt der 30-Jährige. Dabei war er unter anderem für die Schwefelsäureanlage zuständig. All die Jahre sei er immer gerne zur Arbeit gegangen. Verfahrenstechnik, Störungen in den Anlagen beheben. Nach den Ursachen von Problemen zu forschen, „das war genau mein Ding“. Das spornte ihn an und machte Spaß.

Sein Hobby wird nun zum Broterwerb

Die Leidenschaft passt auch zum Vornamen. Kasif, das bedeutet auf Deutsch so viel wie Forscher, Entdecker, sagt der 30-Jährige.

Und irgendwie schließt sich hier auch der Kreis, mit Blick auf seine geplante berufliche Zukunft. Vor zehn Jahren fing Kasif an, kaputte Handys in Familie und Freundeskreis zu reparieren. Das sprach sich schnell herum. Zwei Monate später war aus dem Hobby ein Kleingewerbe geworden.

Künftig soll dies seine Familie ernähren. Denn der Ex-Fibres Mitarbeiter macht sich selbständig. Mit einem Geschäft für Handyreparatur in der Kelheimer Innenstadt. Seine Frau Elif wird ihn unterstützen. Einen Gründerzuschuss hat er beantragt.

Noch hängen die Gedanken ab und an bei Kelheim Fibres. Insbesondere, wenn er mit früheren Kollegen telefoniert. „Die meisten haben etwas gefunden oder wissen, wie es weitergeht. Einige aber auch noch nicht.“

Am 31. März beerdigten die Kelheim Fibres-Mitarbeiter ihr Unternehmen... - Foto: Beate Weigert

Schwer war insbesondere der letzte Arbeitstag Ende März. Als er nach Hause ging, versuchte er, die Trauer nicht so zuzulassen. „Nach den Abschiedsgrill mit den Kollegen legte ich mir drei Reparaturtermine“, blickt Kasif zurück. Er trauere lieber für sich und zeige das nicht so nach außen.

... dann zogen sie aus dem Gelände aus. - Foto: Beate Weigert

Als 2018 sein „Bab“ Halil überraschend an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte er es ähnlich gemacht, „um stark für die Familie zu sein“.

So hatte er früh Verantwortung übernommen. Inzwischen ist er selbst „Bab“ einer Tochter (8) und eines Sohnes (3).

Die letzten Monate bei Kelheim Fibres waren an die Substanz gegangen, sagt Kasif. Insbesondere weil die Anlage nach einem Rohrbruch nicht rund lief und große Verantwortung auf ihm lastete. Viele Überstunden hatten für den Industriemeister angestanden.

Zwei Brüder, zwei Industriemeister: Das Foto zeigt Kasif (li.) mit Bruder „Isi“ in der Brennkammer der Schwefelsäureanlage von Kelheim Fibres bei einem Stillstand. Der Bruder verließ das Faserwerk bereits 2025. - Foto: Keil

Am 23. Mai schlägt er nun mit seiner Geschäftseröffnung am Ludwigsplatz ein neues Kapitel auf. Bislang hatte er einen kleinen Laden in Ihrlerstein. Doch der 30-Jährige will nicht nur auf die bislang „sehr gute Mund-zu-Mund-Propaganda“ setzen. „Wir brauchen auch die Laufkundschaft.“ Und dafür brauche es ein sichtbares Geschäft mitten in der Kreisstadt. Erst hatte er mit einem Leerstand im Einkaufscenter geliebäugelt. Dann fiel die Wahl aber doch auf den leerstehenden Laden gegenüber vom Drogeriemarkt in der Altstadt.

Ein wenig nervös blickt Kasif Yenil seiner Zukunft schon entgegen. Erst vor wenigen Jahren habe er Haus gebaut, sagt er. Der Kredit will abbezahlt werden. Dennoch freut er sich auch darauf, die Folie vom Schaufenster zu entfernen und den Kelheimern die selbst designte und gebaute Laden-Einrichtung zu zeigen und neu durchzustarten.