Neues Quartier im Regensburger Norden: Totgeglaubtes Projekt nimmt plötzlich Fahrt auf

Das massive Stahltor ist aus den Fugen geraten, am Boden liegt Absperrband. Ausgeblichene Klingelschilder zeugen von früher. Der letzte Rest vom Pfleiderer, die Umzäunung der einstigen Fabrik, zerfällt zusehends. So trostlos die Brache neben dem Gewerbepark in Regensburg auch wirkt, es tut sich was. Nach jahrelangem Stillstand kommt Bewegung in ein totgeglaubtes Wohnbauprojekt.
Genau zehn Jahre und einen Tag ist es her, dass das Evangelische Siedlungswerk (ESW) den Kauf des Areals an der Donaustaufer Straße, Ecke Lechstraße, kundgetan hat. Das Ziel der sozial orientierten Unternehmensgruppe laut einer Pressemitteilung von damals: „einen bedeutenden Beitrag zum bezahlbaren Wohnen leisten“.
Wunsch vom schnellen Baubeginn im Regensburger Norden
Das Siedlungswerk schnürte die Siebenmeilenstiefel. Im Oktober 2017 war der Sieger eines städtebaulichen Wettbewerbs gefunden. Das ESW freute sich über einen „beeindruckenden Entwurf“ des Regensburger Architekturbüros Köstlbacher Miczka für das 1,77 Hektar große Areal, auf dem etwa 150 bis 200 Wohnungen – ein „beachtlicher Teil“ davon öffentlich gefördert – Platz finden sollten. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann dass wir Anfang 2019 mit den Bauarbeiten beginnen können“, sagte der damalige ESW-Geschäftsführer Robert Flock. Im Januar 2018 war der Bebauungsplan aufgestellt – als Bestandteil der Wohnbauoffensive im beschleunigten Verfahren. Im Januar 2019 war die Halle, in der zuletzt die Firma Europoles Stahlmasten produziert hatte, abgerissen.
Und dann passierte, zumindest von außen betrachtet, nichts. Das Gelände darbt bis heute vor sich hin.
Auf der städtischen Website zur Wohnbauoffensive ist das Projekt nach wie vor gelistet. „Voraussichtliche Fertigstellung: 2023“, steht da. Im selben Jahr sagte eine ESW-Sprecherin jedoch der MZ: „Der Baubeginn steht noch nicht fest.“ Ein Bebauungsplanverfahren dieser Größenordnung brauche seine Zeit. Sie sprach von rund 200 Wohnungen, die entstehen sollen, rund 30 Prozent davon gefördert.
Erst Ende April, als das Regensburger Baulandmodell überarbeitet worden ist, fand das Areal im Regensburger Norden zuletzt Erwähnung im Stadtrat. Diskutiert wurde der Bebauungsplan Nr. 264 aber nicht – er war Teil einer Auflistung von Vorhaben, die seit mehreren Jahren stagnieren.
Mit dem „Ersatzmodell 2026“ will die Stadt Regensburg den Bau preisgünstiger Wohnungen auch dann sichern, wenn staatliche EOF-Fördermittel fehlen. Das Modell fordert unter anderem mindestens 20 Prozent preisgedämpfte Mietwohnungen. Die Kaltmiete darf anfangs höchstens 15 Euro pro Quadratmeter betragen. Eigenbedarfskündigungen sind ausgeschlossen. Mieterhöhungen sind in den ersten fünf Jahren tabu. Die Wohnungen sind einkommensschwachen Haushalten vorbehalten. Für mehrere stockende Projekte – darunter eben das Vorhaben an der Ecke Donaustaufer Straße/Lechstraße – soll das Modell sofort gelten.
Alle für das Bebauungsplanverfahren erforderlichen Unterlagen wurden bei der Stadt eingereicht.Manuela Renner, Sprecherin Evangelisches Siedlungswerk
Und plötzlich tut sich was: Die Planungen für das Areal seien kürzlich abgeschlossen worden, sagt ESW-Sprecherin Manuela Renner auf MZ-Anfrage. „Alle für das Bebauungsplanverfahren erforderlichen Unterlagen wurden bei der Stadt eingereicht.“ Die städtische Pressestelle bestätigt das. Seit Mitte Mai liege ein vollständiger Unterlagensatz vor, heißt es auf Anfrage.
An der grundsätzlichen Zielsetzungs des Projekts habe sich nichts geändert, erklären sowohl Stadt als auch ESW. Man befinde sich im fortlaufenden Austausch mit den Eigentümern des Areals, teilt die städtische Pressestelle mit. Derzeit werde insbesondere das Thema Mobilität diskutiert.

Die Entwicklung des Areals habe mehr Zeit in Anspruch genommen, als das ESW sich das gewünscht habe, gibt Renner zu. Als Gründe führt sie unter anderem Gesetzes- und Nutzungsänderungen an. Beispielsweise sei die Ansiedlung eines Hotels im Zuge des pandemiebedingten „massiven Einbruchs in der Hotellerie“ verworfen worden. Laut Renner soll auf dem Areal gleich neben dem Gewerbepark ein „urbanes Gebiet“ entstehen. Sie spricht von einer „Mischung aus Wohnen – unter anderem auch gefördertes Wohnen –, Gewerbe und sozialer Nutzung“. In Regensburg bestehe nach wie vor ein hoher Bedarf an Wohnraum – insbesondere bezahlbarem.
Auslegung für neues Quartier in Regensburg noch heuer geplant
Wie geht es jetzt weiter? „Im nächsten Schritt erfolgen die rechtliche Prüfung und Ämterbeteiligung“, erklärt Renner. Laut Stadtsprecherin Verena Bengler werden die Unterlagen derzeit verwaltungsintern geprüft. „Ob Überarbeitungsbedarf besteht, wird der weitere Prozess zeigen“, sagt sie. Benglers Kollegin Katrin Holzgartner zufolge soll der Bebauungsplan noch heuer öffentlich ausgelegt werden. Wie schnell es dann geht, hängt davon ab, wie viele Einwände es dabei gibt – „ob nachjustiert werden muss“, wie Holzgartner sagt.
Einen konkreten Zeitplan kann die Stadt nicht nennen. Jedes Verfahren besitze „eigene Dynamiken“, sagt Bengler. Sie verweist auf das ESW. Auch Renner lässt sich kein Datum entlocken – und spielt denn Ball zurück zur Stadt. „Einen konkreten Baubeginn können wir erst nennen, sobald das Verfahren zur Baurechtschaffung abgeschlossen ist.“