Beim Regensburger Verkehrsverbund stehen die Signale wieder auf Gebietszuwachs

Zuletzt musste der Regensburger Verkehrsverbund (RVV) einen schweren Rückschlag verdauen, als der Landkreis Kelheim aus der Kooperation auf der Schiene ausstieg. Doch jetzt zeichnet sich wieder Zuwachs ab.
Einheitliche Tarife, nutzerfreundliche Takte und eine große geografische Ausbreitung sind die bestechenden Vorzüge eines Verkehrsverbunds. Beim Regensburger RVV war man diesbezüglich lange Zeit auf einem guten Weg, bis Anfang dieses Jahres ein empfindlicher Rückschlag erfolgte: Der Landkreis Kelheim trat aus dem schienengebundenen Teil des RVV aus. Das bedeutet, dass der S-Bahn-artige Verkehr zwischen Regensburg und dem Raum Abensberg/Neustadt an der Donau gekappt wurde. Auf dieser Strecke endet der RVV seither in Sinzing, also bereits wenige Kilometer hinter der Regensburger Stadtgrenze. Jetzt besteht Hoffnung, dass dieser Schritt in absehbarer Zeit wieder rückgängig gemacht wird.
Doch zunächst zur Vorgeschichte: Die politische Entscheidung zum Ausstieg hatte der Kelheimer Kreistag bereits Ende 2024 getroffen, ein breites Publikum nahm davon jedoch erst kurz vor Inkrafttreten der Änderung wahr. Der Aufschrei kam zwar verspätet, war aber nicht minder groß.
Unmut in Bevölkerung sorgt für Umdenken
Die MZ berichtete exemplarisch über den Fall eines 13-jährigen Abensbergers, der in Regensburg aufs Goethe-Gymnasium geht. Statt des günstigen RVV-Schülertickets müssen seine Eltern seit Januar das Deutschlandticket für ihn kaufen. Das kostet sie 756 Euro im Jahr und somit mehr als das Doppelte wie bisher.
Studenten aus dem Landkreis Kelheim stehen vor demselben Problem, Berufspendler ebenfalls. Selbst in der Freizeit gibt es spürbare Auswirkungen: Bis Dezember konnten beispielsweise Jahn-Fans aus dieser Region mit ihrer Eintrittskarte kostenlos per Zug zu Heimspielen reisen – jetzt gibt es diese umweltfreundliche Alternative nicht mehr. „Solche Tarifbeschneidungen bremsen jede ernsthafte Verkehrswende aus, weil sie den Umstieg auf Bus und Bahn unattraktiver machen und damit genau jene Hürden schaffen, die eigentlich abgebaut werden müssten“, schimpfte im Dezember der Regensburger Landtagsabgeordnete und Stadtrat Jürgen Mistol (Grüne).
All diese Aufregung rund um den Kelheimer Ausstieg hatte BSW-Stadträtin Irmgard Freihoffer offenbar noch in Erinnerung, als sie vergangene Woche im Planungsausschuss nachfragte: „Könnte man da noch nachverhandeln?“ Adressiert war dies an RVV-Geschäftsführerin Sandra Schönherr, die als Gast über aktuelle Entwicklungen im Verbund referierte. Ihre Antwort: „Der Landkreis Kelheim hat vorsichtig signalisiert, wieder zurück zu wollen.“
Der Ausstieg des Landkreises Kelheim aus dem Verbundtarif im Schienenpersonennahverkehr war aus unserer Sicht kein gutes Signal für die Fahrgäste. Umso erfreulicher ist es, dass nun wieder über einen durchgehenden und damit attraktiven Tarif nachgedacht wird.Kai Müller-Eberstein, RVV-Geschäftsführer
Tatsächlich hat bei den Politikern des niederbayerischen Nachbar-Landkreises ein Umdenken eingesetzt. Da der Unmut in der Bevölkerung weitaus größer war als offenbar erwartet, plädierten im Wahlkampf sowohl Landrat Martin Neumeyer (CSU) als auch sein letztlich siegreicher Stichwahl-Kontrahent Christian Nerb (Freie Wähler) für eine Rückkehr in den RVV-Tarif. Als am vergangenen Montag der Mobilitätsausschuss des Kreistags tagte, gab es dennoch keine Blitz-Entscheidung für den Ausstieg aus dem Ausstieg. Grund: Die Gegenfinanzierung – der Landkreis Kelheim spart sich durch den Rückzug von der Schiene 165 000 Euro im Jahr – ist noch offen.
Schwandorf und Straubing kommen komplett dazu
Schönherrs Geschäftsführer-Kollege Kai Müller-Eberstein zeigt sich dennoch optimistisch. „Der Ausstieg des Landkreises Kelheim aus dem Verbundtarif im Schienenpersonennahverkehr war aus unserer Sicht kein gutes Signal für die Fahrgäste. Umso erfreulicher ist es, dass nun wieder über einen durchgehenden und damit attraktiven Tarif nachgedacht wird“, sagt er und verweist zudem auf eine vom Freistaat Bayern geförderte Studie zu einer möglichen Ausdehnung des RVV auf weitere Landkreise und Städte. Darauf aufbauend liefen intensive Vorbereitungen für den Beitritt und die tarifliche Vollintegration der Landkreise Schwandorf und Straubing-Bogen sowie der Stadt Straubing zum 1. Januar 2027.
Bei diesem Wachstumsprozess ist auch für Kelheim die Tür nicht zu, betont Müller-Eberstein: „Sollte der Landkreis Kelheim die Kooperation wieder aufnehmen wollen, stehen wir jederzeit für Gespräche bereit, um mit allen Beteiligten eine konstruktive Lösung zu finden.“ Nach dem im Januar 2026 schmerzhaft vollzogenen Schritt zurück könnte es für den RVV also bald schon mehrere Schritte nach vorn gehen.
Dem Streifenticket droht das Aus
Im Zuge der Tarif-Harmonisierung im wachsenden RVV-Gebiet ist die Abschaffung des altbewährten Streifentickets geplant – diese Information packte RVV-Geschäftsführerin Sandra Schönherr vergangene Woche im Planungsausschuss nur in einen Nebensatz, doch das Echo war immens.

„Ich halte das strategisch für einen großen Fehler“, wetterte Brücke-Stadtrat Florian Rottke und erinnerte an den „Shitstorm“, den erst kürzlich der nicht mehr mögliche Ticketkauf direkt im Bus verursacht habe. Dass er selbst in seinem Kiosk das Streifenticket verkaufe, sei dabei nicht wichtig – doch er wisse, dass sich viele Menschen angesichts der galoppierenden Digitalisierung verloren fühlten.
Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) hielt dagegen, dass schon die mit dem Ende des Barverkaufs verbundenen Befürchtungen nicht eingetreten seien: „Die Erfahrung hat gezeigt, das Senioren nicht die problematischste Gruppe waren.“ Das digitale Bezahlen sei für alle komfortabler, denn: „Das ist viel einfacher, als ein gefaltetes Papier in einen Stempelautomaten reinzufummeln.“
Rottke überzeugte dies nicht. Er forderte, „intensiv darüber nachzudenken, dass es zumindest in Regensburg weiterhin das Streifenticket gibt“. Benedikt Suttner (ÖDP) schloss sich dem an und plädierte dafür, wenigstens die bestehenden Stempelautomaten weiter in den Bussen zu belassen. Schönherr sagte zu, dass sich der RVV mit diesen Überlegungen befassen werde.