Züge im Kreis Kelheim nicht mehr inbegriffen: Regensburger Verkehrsverbund endet bald in Sinzing

Das oft gewünschte S-Bahn-artige System in der Region Regensburg ist im Grunde bereits in mehrere Himmelsrichtungen gut ausgebaut. Wer aber künftig mit dem Zug in den Landkreis Kelheim fährt, stößt schnell ans Ende des RVV.
Der 13-jährige Niklas besucht das Goethe-Gymnasium, wohnt aber in Abensberg. Seinen täglichen Schulweg nach Regensburg legt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Erst geht’s mit dem Zug von Abensberg zum Bahnhof Prüfening, von dort fährt dann ein Zubringer-Bus. Bislang nutzte er dafür das eigens für Schüler konzipierte, ganzjährig gültige 365-Euro-Ticket des Regensburger Verkehrsverbunds (RVV). Ab Januar aber muss er aufs Deutschland-Ticket umsteigen, was seine Eltern im Jahresabo 756 Euro und damit mehr als das Doppelte kosten wird.
Das Ende der Vereinfachung
Die Ursache für diese unerfreuliche Neuerung liegt bereits ein Jahr zurück. Ende 2024 hat der Mobilitätsausschuss des Kelheimer Kreistags einstimmig beschlossen, aus der Tarifausweitung des RVV auf dem Schienenabschnitt zwischen Sinzing und Neustadt an der Donau auszusteigen. Ausschlaggebend waren Kostengründe, der Landkreis spart sich auf diese Weise pro Jahr 165.000 Euro.
Für das stattliche S-Bahn-artige Angebot in der gesamten Region bedeutet das: Man kann mit einem RVV-Ticket weiterhin bis Neumarkt, Amberg, Weiden oder Straubing mit dem Zug fahren – nur in Richtung Ingolstadt ist künftig bereits in Sinzing die Grenze der Gültigkeit, nur einen Brückenschlag von der Regensburger Stadtgrenze entfernt.
Wir hätten uns inhaltlich eine andere Entscheidung erhofft, durchgängige Tarifangebote sind ohne Frage ein zentraler Baustein der Verkehrswende.Kai Müller-Eberstein, RVV-Geschäftsführer
Dass RVV-Geschäftsführer Kai Müller-Eberstein über diese Entwicklung nicht begeistert ist, liegt auf der Hand. „Wir hätten uns inhaltlich eine andere Entscheidung erhofft, durchgängige Tarifangebote sind ohne Frage ein zentraler Baustein der Verkehrswende. Die Anerkennung des RVV-Tarifs in den Zügen im Landkreis Kelheim hat vielen Fahrgästen einen einfachen und nahtlosen Zugang zum öffentlichen Nahverkehr ermöglicht“, sagt er. Nun entfalle ein tarifliches Element, das bislang zur Vereinfachung beigetragen habe.
Solche Tarifbeschneidungen bremsen zudem jede ernsthafte Verkehrswende aus, weil sie den Umstieg auf Bus und Bahn unattraktiver machen und damit genau jene Hürden schaffen, die eigentlich abgebaut werden müssten.Jürgen Mistol, Grünen-Landtagsabgeordneter
Dennoch zeigt Müller-Eberstein Verständnis für die Kelheimer Kreisräte und sieht auch keinen „Rückschlag im Sinne eines Rückbaus oder eines Verlustes an Verkehrsangeboten“, schließlich blieben die Schienenverbindungen vollständig bestehen. Der RVV-Geschäftsführer räumt aber auch ein: „Für einige Kundengruppen – etwa Familien, die nur gelegentlich mit einem RVV-Tages-Ticket in Richtung Regensburg unterwegs sind und kein Deutschlandticket nutzen – kann die Nutzung des Nahverkehrs allerdings teurer sowie der Übergang zwischen Bahn und Busverkehr komplizierter werden.“
Der Regensburger Landtagsabgeordnete und Stadtrat Jürgen Mistol von den Grünen hält genau dies für ein großes Problem. „Solche Tarifbrüche machen den Nahverkehr spürbar unattraktiver: Fahrten werden komplizierter, häufig teurer, und Reisende verlieren einen einfachen, durchgehenden Tarif“, sagt der passionierte Zugfahrer und wird deutlich: „Solche Tarifbeschneidungen bremsen zudem jede ernsthafte Verkehrswende aus, weil sie den Umstieg auf Bus und Bahn unattraktiver machen und damit genau jene Hürden schaffen, die eigentlich abgebaut werden müssten.“
Im Detail fallen auch attraktive Zusatzangebote weg. So gilt beispielsweise für Besucher der Heimspiele des SSV Jahn die Eintrittskarte als RVV-Ticket im gesamten Verbundgebiet – in den aus dem Landkreis Kelheim kommenden Zügen bis Sinzing künftig nicht mehr.
Analog verhält es sich für Studierende mit Semesterticket. Sie können auf diesem Streckenabschnitt nur noch bis zum Ende des laufenden Wintersemesters kostenlos Bahn fahren. Ungeachtet solcher Sonderfälle fordert Mistol mit Blick auf die zukünftige Entwicklung: „Eine dauerhafte Lösung kann nur gelingen, wenn der Freistaat Bayern mehr Verantwortung übernimmt und die Tarifintegration im Schienenverkehr verbindlich stärkt, damit Reisende nicht länger unter zersplitterten Zuständigkeiten leiden.“
Günstiger mit dem Auto
Die Mutter des eingangs erwähnten Gymnasiasten aus Abensberg hat derweil eine ganz andere Lektion gelernt: „Jetzt verstehe ich, warum hier jeder sofort mit 18 ein Auto geschenkt bekommt“, sagt sie.
Auch sie selbst wird bei künftigen Stippvisiten zu ihrem früheren Wohnort Regensburg das Auto nehmen. Während sie nämlich bislang mit dem RVV-Ticket 18,50 Euro für die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug zahlen musste und dabei sogar noch eine zweite Person mitnehmen konnte, ist sie ab Januar solo mit über 30 Euro dabei.
KOMMENTAR: Kein Anreiz, kein Umstieg
Der RVV-Chef hat schon Recht, wenn er darauf hinweist, dass die ab Januar abgeschaffte Tarifausweitung auf Züge im Landkreis Kelheim für Inhaber des Deutschlandtickets keine Rolle spielt. Doch wer sich ein Deutschlandticket kauft, ist sowieso schon Mitglied im „Team Öffis“.
Fürs Voranbringen der Verkehrswende ist aber eine andere Personengruppe viel wichtiger: Die übergroße Schar derer, die nie im Leben darauf kommen würden, das Auto ab und zu zugunsten von Bus und Bahn stehen zu lassen.
Für einen solchen Umstieg braucht es Anreize. Die Möglichkeit, mit dem RVV-Ticket von tief im Landkreis Kelheim nach Regensburg (oder auch umgekehrt) mit dem Zug zu fahren, war einer davon. Fallen solche Optionen weg, ist klar, wann die Masse den ÖPNV als Alternative ausprobiert: Nie.