Christian Nerb (Freie Wähler) aus Saal will den „Ausverkauf unserer Heimat“ stoppen

Er könnte künftig den Ruhestand genießen, aber er würde lieber den Landkreis Kelheim auf einen neuen Kurs bringen. Sonst drohe der „Ausverkauf unserer Heimat“, sagt Christian Nerb zur Begründung, warum er für die Freien Wähler als Landrat bewirbt. Im MZ-Gespräch beschreibt er seine Pläne für einen „Kurswechsel“.
Die Bad Abbacher Kaisertherme wünschte sich der Freie Wähler-Politiker Christian Nerb als symbolträchtigen Treffpunkt für das MZ-Gespräch. Im dortigen Bistro nennt der Saaler Landrats-Kandidaten Die Therme als Beispiel dafür, dass der jetzige Landrat Martin Neumeyer und dessen CSU-Fraktion „einen Ausverkauf unserer Heimat“ zu verantworten hätten. Den er stoppen wolle, so Nerb.
Wie berichtet, steht die Abbacher Therme zum Verkauf, weil die kommunalen Betreiber – Bezirk, Landkreis und Markt Bad Abbach – die auf gut 50 Millionen Euro geschätzte Sanierung für unbezahlbar halten. Dem Markt wollen Bezirk und Kreis 5,25 bzw. 1,75 Mio. Euro Strukturhilfe zahlen. Weil dieser Zuschuss selbst bei erfolgreicher Privatisierung fließen solle, „ist das für mich eine Veruntreuung von Geldern“, so Nerb wörtlich. Gegen einen privaten Investor stemme er sich nicht – wohl aber gegen die Schließung der Therme, falls der Verkauf scheitert.
Einen „Ausverkauf“ fürchtet der jetzige Saaler Bürgermeister auch im Krankenhaussektor. Nicht (mehr) in der Kreisstadt: Das Kelheimer Krankenhaus St. Lukas sei – mit der Caritas und dank der neuen Geschäftsführerin Claudia Eder – „wieder auf dem richtigen Weg“. Aber den Kreistagsbeschluss, die Mainburger Ilmtalklinik in eine „Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung“ (SüV) umzuwandeln, bezeichnet Nerb rückblickend als „falsch“. Obwohl diesen Beschluss auch FW-Kreisräte anfangs mittrugen.
Der Beschluss, das Krankenhaus Mainburg zur Sektorenübergreifenden Versorungseinrichtung abzustufen, ist falsch.Christian Nerb, FW-Landratskandidat
Damals sei noch der Erhalt der bisherigen Abteilungen in Aussicht gestellt und zudem das SüV als eine Art Zwangs-Verordnung des Ministeriums dargestellt worden, verteidigt Sprecher Nerb die FW-Fraktion. Tatsächlich aber habe das Ministerium nur eine Empfehlung ausgesprochen. „Das heißt für mich, dass in Mainburg auch der Status als Grundversorger weiter möglich ist“, mit Chirurgie, Innerer, sogar Intensivmedizin und Herzkatheter, „und auch mit einer Notfallversorgung“. Keine „echte“ stationäre Notaufnahme; „Die werden wir für Mainburg nicht bekommen.“ Aber zumindest müsse rund um die Uhr ein Arzt anwesend sein, der entscheide, ob ein Patient im Haus behandelbar ist oder verlegt wird.
Auf seine „Ausverkauf“-Liste setzt der 65-Jährige auch die vor zwei Jahren geschlossene Kreis-Lehrschwimmhalle in Mainburg. Mit der aktuellen Beschlusslage drücke sich der Landkreis vor seiner „per Zweckvereinbarung geregelten Verpflichtung“, die Hälfte der Kosten für das Schulschwimmbad zu tragen, ob für Sanierung oder Neubau. Zu dieser Pflicht würde er als Landrat zurückkehren, so Nerb.
Der Ausstieg des Landkreises Kelheim aus dem RVV ist ein Sparen an der falschen Stelle.Christian Nerb, FW
Revidieren wolle er bis 2027 ebenso den Beschluss, aus dem Regensburger Verkehrsverbund teilweise (im Bahnverkehr) auszusteigen. Auch da hatten die FW seinerzeit zugestimmt – mangels ausreichender Information, kritisiert der Fraktionssprecher. Ihm sei jetzt klar: Angesichts der Nachteile etwa für Studierende oder für Gelegenheits-ÖPNV-Nutzer sei der Ausstieg ein „Sparen an der falschen Stelle“.
Nicht sparen will der Landrats-Anwärter ferner bei den Tourismus-Zuschüssen – „die sind pure Wirtschaftsförderung“ – und an einer künftigen Siebenzügigkeit der Realschule Abensberg. Stellt sich die Frage: Wo soll der unstrittig klamme Landkreis dann sparen?
Schwierig, räumt Christian Nerb ein. Eventuell mit einer Vereinfachung des „Kexi“: Der Expressbus müsse landkreisweit direkte Verbindungen ermöglichen, ohne „Sektoren-System“. Auch beim Landkreis-Personal könne man „vielleicht umstrukturieren“. Ansonsten „sehe ich wenig Sparpotenzial“.
Der FWler setzt eher auf „mehr Druck auf Landes- und Bundespolitik“: Von dort fließe zu wenig Geld an die Kommunen, kritisiert er indirekt auch die eigene, in München mitregierende Partei. Seine Taktik als Saaler Bürgermeister sei, die zuständigen Stellen so lange zu nerven, bis diese eine Genehmigung oder Finanzzusage rausrückten. Das habe bei der B16-Lärmschutzwand geklappt, und bei der neuen Bahnunterführung.
Dem eigenen Personal will der frühere Polizist und jetzige Rathaus-Chef „Vertrauen schenken“ und sich wenn nötig auch der Kritik der „Kolleginnen und Kollegen“ stellen. Das gelte für die rund 140 Saaler Beschäftigten und würde für die rund 600 Mitarbeitenden im Landratsamt gelten.
Den Weg in den Donaupark hofft er sich insbesondere mit einem Marathon an Wahlveranstaltungen und Infoständen zu ebnen. Physisch sei das schon anstrengend, zumal mancher Abendtermin noch in eine ausgiebige Schafkopf-Runde münde. Aber „psychisch ist das mein bisher entspanntester Wahlkampf“, sagt Nerb schmunzelnd: „Ich kann ja nur gewinnen. Entweder die Wahl zum Landrat. Oder den Ruhestand.“
Zur Person
Privat: Christian Nerb ist 65 Jahre alt, verheiratet. Seine Frau Claudia und er sind Eltern dreier erwachsener Kinder. Seine Heimat Saal – und da der eigene Garten – ist Nerbs Lieblingsort. Der begeisterte Blasmusiker spielt aber auch gerne auswärts bei Festln oder in privater Runde. Für eine Kapelle reiche aktuell die Zeit nicht.
Beruf: Der studierte Diplom-Verwaltungswirt Nerb ging zur Polizei, war dort zuletzt als Hauptkommissar in der Kelheimer Inspektion, ehe er 2014 zum Saaler Bürgermeister gewählt wurde. Das Amt übt er noch bis Ende der jetzigen Wahlperiode aus.
Partei: Für die Freien Wähler ist Christian Nerb seit 2020 im Kreistag und dort Fraktionssprecher. In Saal ist er Ortsvorsitzender der FW, auf Kreisebene leitet er den Kreisverband.